| Interview zu Arbeit 4.0

Andrea Nahles: "Die Politik hat kein Gestaltungsmonopol"

Arbeitsministerin Andrea Nahles nimmt im Interview Stellung zu Chancen und Risiken rund um die Arbeit 4.0.
Bild: BMAS/Knoll

Der Mindestlohn ist umgesetzt – jetzt startet Arbeitsministerin Andrea Nahles eine Offensive zur Arbeit 4.0. Warum dieses Thema jetzt oben auf ihrer Agenda steht, wie sie Chancen und Risiken der neuen Arbeitswelt bewertet und welche Rolle sie sich darin für HR wünscht, erläutert Nahles im Interview.

Haufe Online Redaktion: Als Bundesarbeitsministerin haben Sie in den letzten 17 Monaten ihren Fokus auf den Schutz von Arbeitnehmern gelegt, die benachteiligt werden. Ein Beispiel dafür ist das Mindestlohngesetz. Was ist Ihre Motivation jetzt eine Kommunikationsoffensive zum Arbeiten 4.0. zu starten?

Andrea Nahles: Mein Anliegen ist, dass wir in Deutschland wettbewerbsfähig sind, es bleiben, und dabei gute Arbeitsbedingungen haben. Der Mindestlohn war dringend überfällig, um eine klare Grenze zu ziehen, unter die Löhne nicht fallen dürfen. Der Mindestlohn ist aber kein Allheilmittel, um gute Arbeitsbedingungen zu sichern. Durch neue digitale Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse stehen wir vor vielen neuen Herausforderungen für die Arbeitswelt. Lassen Sie mich beispielhaft drei wichtige Veränderungen nennen. Erstens: Die Automatisierung verändert unsere Wirtschaft. Maschinen können heute ihre Umwelt erkennen und auf komplexe Situationen reagieren und dadurch verändert sich der Bedarf an Berufen. Zweitens: Kenntnisse über den Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) werden für alle Berufsgruppen wichtig. Künftig werden die meisten Menschen ihre eigentlichen beruflichen Kompetenzen mit IKT-Wissen verknüpfen müssen. Drittens: Die Veränderung der Arbeitswelt geht auch von den Menschen selbst aus: Sie haben neue Ansprüche an die Organisation von Arbeit, wollen mehr Flexibilität im Arbeitsleben und dabei eine gute soziale Absicherung. Diese Zukunftsdebatte möchte ich als Arbeitsministerin mit einem neuen Prozess "Arbeiten 4.0" als Fortschrittsdebatte führen. Wir legen los mit einer Auftaktveranstaltung am 22. April mit Wissenschaftlern, Praktikern, Sozialpartnern und der Zivilgesellschaft in Berlin und starten dann einen großen Prozess mit Dialog- und Veranstaltungsformaten. Ich lade alle Menschen in Deutschland herzlich dazu ein, sich zu beteiligen.

Haufe Online Redaktion: Unter den Stichworten "New Work" und "Arbeiten 4.0" diskutieren Unternehmen Arbeitskonzepte, die auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter setzen. Haben Mitarbeiter heutzutage eine stärkere Stellung im Betrieb als noch vor 40 Jahren, als sich viele als "abhängig Beschäftigte" verstanden haben?

Nahles: Die sogenannte "New-Work-Bewegung" beobachte ich mit großem Interesse. An vielen Orten in Deutschland entwickeln Unternehmen, Beschäftige und Betriebsräte innovative Antworten auf die Frage, wie man Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr Teilhabe und Teilnahme ermöglichen kann und wie eine gute Führungskultur aussieht. Wir dürfen aber nicht vergessen: Für Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen klingen diese Modelle wie aus einer anderen Welt. Wir müssen auf die Herausforderungen von beiden Gruppen Antworten haben. Zudem lohnt der genaue Blick auf diese neue Eigenverantwortung. Mehr Freiheit – das ist erst einmal gut. Das eröffnet Raum für unterschiedliche Lebensentwürfe und kann Innovationen fördern. Wir sollten aber darauf achten, dass wir mögliche gesundheitliche Auswirkungen im Blick behalten. Deshalb brauchen wir auch in der Arbeitswelt 4.0 Rahmenbedingungen für gute Arbeit für alle Beschäftigten und betriebliche Mitbestimmung.

Haufe Online Redaktion: Unter Wissensarbeitern ist heute ein Motivationsfaktor, wenn der Einzelne die Arbeitszeit frei gestalten kann. Brauchen diese Berufsgruppen heute noch den Schutz durch gesetzliche Regelungen zur Arbeitszeit?

Nahles: Ich begrüße es grundsätzlich, wenn sich Beschäftigte ihre Zeit selbst einteilen können. Denn das ist in den meisten Fällen auch motivierend und hilft, Beruf und Privatleben zu vereinbaren. Zeitsouveränität darf aber nicht dazu führen, dass durch überlange Arbeitszeiten die Belastungen steigen und Sicherheit und Gesundheit gefährdet werden. Ermüdung und Stresssymptome nehmen mit der Intensität und Dauer der Arbeit stark zu. Zum Beispiel steigen ab der achten Stunde das Unfallrisiko und die Fehlerhäufigkeit. Deshalb sind Schutzvorschriften unverzichtbar. Aber ich bin gesprächsbereit, auch neue Wege zu gehen. Außerdem begrüße ich es, wenn hierzu gute betriebliche Lösungen gefunden werden.

Haufe Online Redaktion: Viele Mitarbeiter wollen heute auch im Home Office arbeiten. Mit der Arbeitsstättenverordnung wollten Sie Regelungen schaffen, gegen die gerade Unternehmen Sturm gelaufen sind, die eine mitarbeiterorientierte Personalpolitik machen. Brauchen wir für das Home Office überhaupt gesetzliche Regeln, reichen betriebliche nicht aus?

Nahles: In Deutschland war es bisher umstritten, ob und welche Arbeitsschutzvorschriften Anwendung auf Telearbeitsplätze finden. Eine Klarstellung war daher dringend erforderlich, um das Ziel eines einheitlichen und guten Schutzniveaus für alle Arbeitsplätze zu gewährleisten. Dies leistet die Novelle der Arbeitsstättenverordnung, indem sie zum Beispiel definiert, was Telearbeit überhaupt ist und welche Vorschriften gelten. Dieser Mindestschutz, der alle Arbeitgeber und Beschäftigten binden soll, könnte nur mit betrieblichen Vereinbarungen nicht erreicht werden.

Haufe Online Redaktion: Wo sehen Sie in der Debatte über die neue Arbeitswelt die größten Chancen, wo die größten Risiken?

Nahles: Damit wir die Chancen des digitalen Wandels wahrnehmen können, müssen wir sie auch erkennen. Technologische Innovationen haben bisher in der Gesamtbilanz langfristig zu einem Beschäftigungsaufbau geführt, es werden neue Arbeitsplätze zum Beispiel in der digitalen Ökonomie entstehen und es gibt viele Möglichkeiten, arbeitnehmerfreundliche Flexibilität, zum Beispiel Telearbeit, auszubauen. Gleichzeitig ist völlig klar, dass es Risiken für die Gesellschaft und für Unternehmen gibt, wenn wir nicht handeln. Dabei ist nicht Arbeitsplatzverlust, sondern "Qualifikationsverlust" das entscheidende Thema, was wir anpacken müssen. Denn relevante Qualifizierung und lebensbegleitendes Lernen werden noch mehr zum Schlüssel für einen funktionierenden Arbeitsmarkt. Der digitale Wandel und Arbeiten 4.0 sind also weder eine Offenbarung noch ein Horrorszenario, sondern vor allem eine Aufforderung zum Handeln. Deshalb müssen Politik und Sozialpartner, Unternehmen und Betriebsräte heute die Weichen stellen, damit die Arbeit von morgen gute Arbeit ist. Genau deshalb möchte ich einen Dialog über "Arbeiten 4.0" führen.

Haufe Online Redaktion: Was wünschen Sie sich von den Personalmanagern bezüglich der Gestaltung der neuen Arbeitswelt in den Betrieben?

Nahles: Ich wünsche mir eine zukunftsfähige Personalpolitik, die im Dialog mit den Beschäftigten den ganzen Menschen in den Blick rückt. Es geht um Themen wie Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten, Bildung und Weiterbildung, Gesundheit, gute Führung, alters- und alternsgerechte Ausgestaltung der Arbeit und einen guten Übergang in den Ruhestand. Zukunftsfähige Personalpolitik heißt auch, die neuen technologischen Möglichkeiten für gute Arbeit "made in Germany" zu nutzen. Bei all diesen Themen hat die Politik kein Gestaltungsmonopol, sondern wir müssen sie in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern angehen. Gute Beispiele, wie Personalmanager gemeinsam mit Betriebsräten und Beschäftigten gute Arbeitsbedingungen erfolgreich gestalten, zeigt auch die Initiative Neue Qualität der Arbeit.

Andrea Nahles ist Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

Das Interview führte Reiner Straub, Herausgeber des Personalmagazins.

Haufe Online Redaktion

Digitalisierung, New Work