Kapitel
"Lunch & Learn": Gemeinsam Mittagessen und voneinander Lernen. Bild: Haufe Online Redaktion

In agilen Organisationen verändert sich nicht nur die Art des Arbeitens, auch Lernen erfolgt nach anderen Prinzipien und zum Teil mit anderen Formaten. Im Folgenden werden daher verschiedene agile Lernformate vorgestellt.

Lassen Sie uns zur Erinnerung noch einmal die wichtigsten Eigenschaften der agilen Lernwelt auflisten. Agiles Lernen ist

  • selbstverantwortet, 
  • selbstorganisiert, 
  • vernetzt, 
  • digital, 
  • individualisiert usw..

Agile Lernformate: Definition und Merkmale

Wenn wir in die Welt des agilen Arbeitens schauen, hat sich dort eine Reihe von Lernformaten etabliert, die Spezifika der agilen Arbeitswelt aufnehmen und umsetzen. Diese Formate zielen direkt auf spezifische Eigenheiten des agilen Arbeitens bzw. fügen sich in die neue Arbeitswelt dadurch ein, dass sie Grundprinzipien agilen Arbeitens repräsentieren. Was zeichnet agile Lernformate im Sinne der obigen Dimensionen aus?

Agile Lernformate...

  • zeigen ein hohes Maß an Selbststeuerung und Kooperation,
  • sind meist direkt mit den Aufgaben/dem Arbeitskontext verbunden (Learning on demand),
  • fokussieren auf "das Wirksame", statt Regeln, Prozesse etc. in den Vordergrund zu stellen, das heißt, sie sind informell, und
  • gehen davon aus, dass es viele "Wahrheiten" und Möglichkeiten gibt und der Lerner selber fähig ist, die für sich beste Variante zu finden.

Beispiele für agile Lernformate

Im Folgenden stellen wir verschiedene agile Lernformate vor - wie zum Beispiel Hackathons, Brown Bag Meetings, Rotation Days, Working out Loud und TED-Talks.

Hackathon

Ein Hackathon (aus "Hack" und "Marathon") ist eine meist eintägige Software- und Hardwareentwicklungsveranstaltung. Alternative Bezeichnungen sind "Hack Day", "Hackfest" und "Codefest". Ziel eines Hackathons ist es, innerhalb der Dauer dieser Veranstaltung gemeinsam nützliche, kreative oder unterhaltsame Softwareprodukte herzustellen. Die Teilnehmer kommen üblicherweise aus verschiedenen Gebieten der Software- oder Hardwareindustrie und bearbeiten ihre Projekte häufig in funktionsübergreifenden Teams. Hackathons haben oft ein spezifisches Thema oder sind technologiebezogen. (Quelle: Wikipedia).

ShipIT Day (FedEx Day)

Manche Software-Unternehmen geben ihren Mitarbeitern an einem Tag im Quartal (andere Rhythmen sind möglich) die Möglichkeit, sich mit irgendeinem Thema aus ihrem Arbeitsumfeld zu beschäftigen. Nach 24 Stunden (daher auch als FedEx Day bezeichnet) werden die fertigen Ergebnisse vorgestellt.

Mit einem ShipIT Day werden mehrere Ziele verfolgt:

  • Kreatitvität fördern. Das Format zielt bereits auf Kreativität, die Beteiligung aller Mitarbeiter steigert zusätzlich die Chance, dass etwas Kreatives entwickelt wird.
  • Die vielen kleinen und meist auch bekannten Probleme der eigenen Produkte erhalten eine Bühne und werden beseitigt.
  • Radikale Ideen erhalten die Chance, umgesetzt zu werden. Das ist in diesem Format möglich, während im Alltag kaum eine Chance (und vor allem keine Lust) besteht, über radikale Änderungen zu sprechen.
  • Spaß! Die Zusammenarbeit an selbstgewählten Themen macht einfach Spaß.

Ein Erfolgsfaktor für gelungene ShipIT-Days ist die gute Planung des Tages. Hierzu überlegen sich die Mitarbeiter, woran sie arbeiten wollen, und erstellen erste Mockups (nicht funktionsfähige Demos). Aus den eingereichten Ideen werden in Meetings zwei bis drei ausgewählt, an denen dann am ShipIT Day gearbeitet wird.

Brown Bag Meetings (Lunch & Learn)

Brown Bag Meetings sind vor allem dazu gedacht, die kontinuierliche Weiterbildung zu fördern. Hierzu wird über Mittag zu kurzen Veranstaltungen ‒ maximal eine Stunde ‒ eingeladen, in denen ein Mitarbeiter des Unternehmens über seine Arbeit berichtet bzw. einen Lehrvortrag zu einem Thema hält. Anschließend wird über das Thema diskutiert. Die Zuhörer nehmen freiwillig an dem Meeting teil und bringen ihr Mittagessen (engl: Lunch) mit. Daher stammt der Begriff Brown Bag Meeting, denn in den USA wird Lunch häufig in braunen Papiertüten verpackt. Da die Mitarbeiter ihre Pause für die Weiterbildung einsetzen, übernehmen einige Unternehmen die Kosten für das Lunch und stellen die braunen Tüten mit einem Mittags-Snack.

Brown Bag Meetings haben sich als gute und sehr einfach zu organisierende Möglichkeit erwiesen, den Wissenstransfer in Teams und im Unternehmen zu fördern. Werden Meetings gemeinsam mit anderen Unternehmen organisiert, kommt es sogar zum Wissenstransfer zwischen den Organisationen.

Rotation Days

Ein Rotation Day ist eigentlich eine banale Idee, zugleich aber auch eine hervorragende Möglichkeit, zu lernen und das eigene Netzwerk im eigenen Unternehmen zu stärken. Die Idee ist, dass fünf Teams mit je drei bis fünf Mitgliedern und unterschiedlicher Fachrichtung an einem Tag pro Monat ein Mitglied eines anderen Teams aufnehmen. An diesem Tag arbeitet der Gast voll mit, was wiederum bedeutet, dass sein Einsatz durch eine klare Aufgabenbeschreibung gut vorbereitet sein muss. Am Ende des Tages treffen sich Gast und Team, um die Erfahrungen des Tages zu dokumentieren und ihren Lerneffekt zu beschreiben. Der Rotation Day ist leicht organisierbar und erleichtert es, grundlegendes Wissen und wichtige Erfahrungen im Unternehmen zu verteilen. Gleichzeitig wird der Silobildung im Unternehmen vorgebeugt. In agilen Arbeitsumgebungen ist dies besonders wichtig, da die selbstorganisierten Teams stets eine Tendenz zu verengten Sichtweisen und Abkopplung vom Rest der Organisation zeigen. Der Ausbildung von sozialen und fachlichen »Blasen« sollte daher durch die Führungskräfte und Formate wie dem Rotation Day vorgebeugt werden.

Working Out Loud (WOL)

Working Out Loud (WOL) steht für eine transparente, offene Zusammenarbeit innerhalb eines Netzwerkes. Hierzu werden eine Grundeinstellung zu transparentem Arbeiten, ein gutes persönliches Netzwerk und moderne Kommunikationsmittel benötigt. Inzwischen steht WOL als Synonym für Arbeiten in der digitalen und agilen Welt.

Working out Loud ist eine Lebenseinstellung.

Der Begriff Working Out Loud geht auf Brace Williams zurück, der ihn 2010 prägte. Berühmt wurde dieses Vorgehen durch das gleichnamige Buch von Jon Stepper, in dem er die Idee weiterentwickelte. Er schreibt hierzu: "Working Out Loud ist eine Lebenseinstellung, zugleich aber auch eine Reihe praktischer Techniken, um diese Einstellung im Alltag umzusetzen. Eine Art 'Dale Carnegie trifft das Internet': Durch einen großzügigen und einfühlsamen Einsatz moderner Arbeitswerkzeuge baut man Beziehungen auf. Auf diese Weise entwickelt man nach und nach eine offene, freigiebige und vernetzte Arbeits- und Lebenseinstellung. Mithilfe dieses Ansatzes macht der Alltag mehr Spaß und man entdeckt ungeahnte neue Möglichkeiten." (Quelle: Jessica Rush auf workingoutloud.de)

Jon Stepper hat fünf Kernelemente für Working Out Loud aufgeführt:

  • Mache Deine Arbeit sichtbar: Arbeitsergebnisse, auch Zwischenergebnisse, veröffentlichen.
  • Verbessere Deine Arbeit: Querverbindungen und Rückmeldungen helfen, Deine Ergebnisse kontinuierlich zu verbessern.
  • Leiste großzügige Beiträge: Biete Hilfe an, anstatt Dich großspurig selbst darzustellen.
  • Baue ein soziales Netzwerk auf: So entstehen breite, interdisziplinäre Beziehungen, die Dich weiterbringen.
  • Arbeite zielgerichtet zusammen: Um das volle Potenzial der Gemeinschaft auszuschöpfen.

Wie sieht WOL konkret aus? WOL wird in sogenannten Circles genutzt. Dies sind Gruppen von zwei bis fünf Personen, die möglichst unterschiedliche Hintergründe (Diversität) haben. Einer der Teilnehmer übernimmt die Rolle des Moderators und organisiert die Treffen, manchmal muss er auch motivierend eingreifen. Die Gruppe trifft sich zwölf Mal (gegebenenfalls auch virtuell) für eine Stunde pro Woche. In den Treffen tauschen sich die Teilnehmer über die Ziele, die sie erreichen wollen, und die Fortschritte, die sie im Prozess erzielt haben, aus. Im Fokus der zwölf Treffen steht das eigene Netzwerk und wie dieses für die Erreichung der eigenen Ziele optimal gestaltet sein sollte. Dabei herrscht die Grundeinstellung, dass die Nutzung von Kontakten immer auch bedeutet, selber viel in ein Netzwerk zu investieren und dieses durch eigene Beiträge zu fördern.

Drei Leitfragen für WOL stellt sich jeder Teilnehmer eines Circle:

  • Was will ich erreichen?
  • Wer kann mir dabei helfen?
  • Was kann ich anderen Personen meinerseits anbieten, um eine tiefere Beziehung aufzubauen?

Damit WOL funktioniert, ist die Definition des eigenen Ziels wichtig. Als hilfreich hat sich erwiesen, dass die Zielsetzung eng umrissen und innerhalb von zwei Wochen realisierbar sein sollte. Das Ziel selbst ist in ein bis zwei Sätzen präzise zu formulieren.

TED Talks (Webvideos) und TED-Konferenzen

Die Digitalisierung hat etliche Erfolgsgeschichten geschrieben. Allerdings sind nicht alle rein technischer Natur. Manchmal schafft die Digitalisierung einfach Rahmenbedingungen für den Erfolg, so wie es bei den TED-Konferenzen und den TED Talks (www.ted.com) der Fall ist. TED Talks wurden bis heute mehr als 3,5 Milliarden Mal angesehen, und inzwischen finden täglich rund zehn TED-Konferenzen weltweit statt. Dieser Erfolg basiert vor allem auf einer Eigenschaft von TED: Inspiration.
Jeder maximal 18-minütige TED Talk findet vor Live-Publikum statt und soll inspirierend sein, das heißt Emotionen müssen geteilt und geweckt werden. Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen und diese Geschichte gut zu erzählen. Gleichzeitig muss die Präsentation auf eine organisierte, überzeugende Art und Weise geschehen. Zahlen, Daten und Fakten werden mit einer Handlung, mit persönlichem Erleben verbunden und der persönliche Bezug zwischen Sprecher und dem Thema aufgezeigt. Weiterhin soll immer nur eine einzige Idee pro TED Talk vermittelt werden, um maximalen Effekt zu erzielen. Zur Unterstreichung der Kernaussage können wenige, aber gute visuelle Materialien verwendet werden. Neben der hochwertigen Produktion steht bei TED die Auswahl des Publikums im Vordergrund, sodass nicht nur die TED Talks und Speaker, sondern auch der Austausch mit den anderen Teilnehmern zwischen den einzelnen Sessions (TED-Talk-Blöcken) möglichst anregend ist.

 

Mehr über agile Lernformate: Buchtipp

Mehr über agile Lernformate erfahren sie im Buch "Agiles Lernen" von Nele Graf, Denise Gramß und Frank Edelkraut, aus dem der obige Text entnommen ist und das 2017 bei Haufe erschienen ist.  Hier können Sie das Buch im Haufe-Shop bestellen.

 

Mehr zum Thema Agilität erfahren Sie auf der Haufe-Themenseite.

Schlagworte zum Thema:  Agilität, Lernen, Personalentwicklung

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