Rating und Rechnungslegung / 4.3.1 Grundsachverhalte
 

Rz. 18

Die quantitative Komponente steht häufig im Mittelpunkt der Ratingsysteme. Untersuchungen zeigen, dass die Güte der Insolvenzvorhersage über das Datenmaterial des Jahresabschlusses i. d. R. höher ist als die Verwendung von qualitativen Faktoren. Der Grund dafür wird in der höheren Subjektivität bei der Bewertung gesehen. Da Kreditinstitute i. d. R. keinen Einblick in interne Dokumente haben bzw. diese für wenig verlässlich halten, wird der Jahresabschluss – ggf. ergänzt durch weitere Informationen – zur quantitativen Bewertung des Insolvenzrisikos herangezogen. Auch das Selbstrating ist daher auf Grundlage der Jahresabschlüsse vorzunehmen.

 

Rz. 19

Als Analysemethoden[1] stehen insbesondere 3 Möglichkeiten zur Verfügung: Die Normen-Ist-Analyse vergleicht die Kennzahlen des betrachteten Unternehmens an einer absoluten Skala. Der Vergleich mit exogen vorgegebenen Normen als überbetrieblich gesetzte Sollwerte fundiert die Bewertung der Unternehmenslage. Die von der Theorie erarbeiteten Normwerte, z. B. über Vermögens- und Finanzstrukturen, sind jedoch nur in sehr begrenztem Umfang in ihrer Relevanz für betriebswirtschaftliche Entscheidungen gesichert. Gleichwohl sind bilanzanalytische Normen in der praktischen Arbeit und in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen, da sie im Sinne von Konventionen insbesondere bei der Kreditwürdigkeitsprüfung eine beträchtliche Rolle spielen. Es zeigt sich jedoch, dass diese Normen der Kreditgeber in aller Regel ihre Begründung aus Vorstellungen über übliche Branchenverhältnisse herleiten und somit auf einen Vergleich mit Durchschnittswerten hinauslaufen. Anders ist die Situation bei rechtlichen Normvorgaben, die sich entweder aus allgemeinen Rechtsvorschriften, wie der Fixierung von Untergrenzen für das gezeichnete Kapital bei Unternehmen in der Rechtsform der AG oder GmbH sowie branchenbezogen, insbesondere bei Banken und Versicherungen für bestimmte Eigenkapitalrelationen, oder aus vertraglichen Vereinbarungen, beispielsweise im Zuge von Emissionsbedingungen für die Ausgabe von Schuldverschreibungen, ergeben.[2] Ebenso kommt empirisch-statistisch abgeleiteten Normen, wie sie sich z. B. als kritische Kennzahlen-Schwellenwerte bei der Insolvenzgefährdungsdiagnose mithilfe von Diskriminanzanalysen ergeben, große bilanzanalytische Bedeutung zu.[3] Die Norm-Ist-Analyse stellt somit aus Sicht der Bank einen Vergleich zwischen allen Kredit suchenden Unternehmen dar und eine Bank wird bemüht sein, Kredite vorrangig an Unternehmen zu vergeben, deren Ist-Werte nah an den Normwerten für stabile Unternehmen liegen. Bei strukturellen Problemen in einer Branche kann somit auch ein im Vergleich mit Konkurrenten gut aufgestelltes Unternehmen ein schlechtes Rating erhalten.

 

Rz. 20

Die Branchenanalyse stellt eine Relation zwischen dem betrachteten Unternehmen und anderen Unternehmen derselben Branche her. Der Vergleich mit Branchendurchschnitten erlaubt eine Absoluteinordnung des betrachteten Unternehmens, gemessen an durchschnittlichen, als Normalfall anzusehenden Verhältnissen der betreffenden Branche. Ein in dieser Weise durchgeführter überbetrieblicher Vergleich gibt z. B. Hinweise auf die relative Stellung des Unternehmens im Rahmen der Konkurrenzunternehmen. Man erkennt Schwachstellen und Stärken des betrachteten Unternehmens. In diesem Sinne liefert der Vergleich mit Durchschnittswerten Maßstäbe für eine absolute Einordnung und ökonomische Beurteilung des analysierten Unternehmens. Liegen die Kennzahlen des betrachteten Unternehmens oberhalb des Branchendurchschnitts, deutet dies auf einen Vorsprung gegenüber den Konkurrenten hin. Dies wiederum kann ein schlechtes Abschneiden bei einem Norm-Ist-Vergleich (etwa weil die Branche in einer Krise steckt) teilweise wieder ausgleichen, weil es dem betrachteten Unternehmen besser gelungen ist, sich an die Gegebenheiten der Branche anzupassen.

 

Rz. 21

Ein Zeitvergleich gibt Aufschluss über die dynamische Entwicklung des Unternehmens. Es werden dabei Veränderungen des betrachteten Sachverhalts im Zeitverlauf deutlich. Dies betont Entwicklungstendenzen, die eventuell prognostisch in die Zukunft verlängert werden können. Die Problematik des zeitlichen Vergleichs liegt darin, dass nicht deutlich wird, inwieweit die betrachtete Position – absolut gesehen – gut, schlecht oder durchschnittlich zu beurteilen ist. Über einen Zeitvergleich in einem Ratingsystem kann berücksichtigt werden, ob eine Kennzahl über die letzten Bilanzierungsperioden eine stetige Verbesserung erkennen lässt, was auf eine erfolgreiche Arbeit an der Verbesserung der Unternehmenssituation hindeutet. Eine sich kontinuierlich verschlechternde Kennzahl weist dagegen auf ein Risiko hin, das die Unternehmensführung nicht erkannt hat oder nicht in den Griff bekommt. Dies bedingt eine Abstufung beim Rating.

 

Rz. 22

Im Selbstratingsystem sollen alle 3 Möglichkeiten der Auswertung zur Anwendung kommen. Anhand des Norm-Ist-Vergleichs wird eine grundsätzliche Einstufung in 6 verschiedene Risik...

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