Jörg Baetge/Peter Wollmert/... / VIII. Latente Steuern

1. Ansatz latenter Steuern

 

Tz. 140

Stand: EL 31 - ET: 3/2017

Latente Steuern sind nach § 274 Abs. 1 HGB und den Regeln des IFRS für KMU gemäß dem Temporary-Konzept für temporäre Differenzen zwischen den Werten von Vermögensgegenständen bzw. -werten und Schulden nach HGB bzw. IFRS für KMU und den entsprechenden steuerlichen Werten sowie für steuerlich be­stehende Verlustvorträge abzugrenzen (vgl. Herzig/Vossel, BB 2009, S. 1175; Sec. 29.2 und 29.8). Allerdings besteht nach HGB – anders als nach IFRS für KMU – ein Wahlrecht, aktive latente Steuern, die den Betrag der passiven latenten Steuern übersteigen, anzusetzen. Da nach IFRS für KMU sämtliche latenten Steuern ansatzpflichtig sind, kann ein HGB-Abschluss den diesbezüglichen Regeln des IFRS für KMU angenähert werden, indem der Bilanzierende das Ansatzwahlrecht für aktive latente Steuern des HGB so nutzt, dass er sämtliche aktive latente Steuern ansetzt. Kleine Kapitalgesellschaften und Personenhandelsgesellschaften, die nicht verpflichtet sind, die Vorschrift des § 274 HGB anzuwenden, dürfen diese indes freiwillig beachten und können dadurch ihren Abschluss hinsichtlich der Bilanzierung latenter Steuern wie mittelgroße und große Kapitalgesellschaften an den IFRS für KMU annähern (vgl. HFA des IDW, 2009a, Rn. 19).

 

Tz. 141

Stand: EL 31 - ET: 3/2017

Aktive latente Steuern aus temporären Differenzen sind nach HGB nur anzusetzen, wenn die Steuerentlastungen aus den temporären Differenzen wahrscheinlich eintreten. Dies setzt den Nachweis mittels einer steuerlichen Planungsrechnung voraus, dass im Zeitraum der Umkehr der temporären Differenzen verrechenbares steuerpflichtiges Einkommen erzielt wird (vgl. HFA des IDW, 2009a, Rn. 6). Der Ansatz der nur wahrscheinlich nutzbaren aktiven latenten Steuern stimmt mit der Bilanzierung aktiver latenter Steuern nach den Regeln des IFRS für KMU überein (vgl. Eierle/Ketterer/Ther, 2016, S. 605 zu der durch den Comprehensive Review überarbeiteten Sec. 29.7).

 

Tz. 142

Stand: EL 31 - ET: 3/2017

Aktive latente Steuern auf steuerliche Verlustvorträge sind sowohl nach HGB als auch IFRS für KMU nicht anzusetzen, wenn sie aufgrund steuerrechtlicher Vorschriften – wie etwa § 8c KStG, § 10a GewStG und § 15 Abs. 3 UmwStG – künftig voraussichtlich verfallen und daher nicht genutzt werden können (vgl. Senger, in: Bruns/Eierle et al. (Hrsg.), IFRS for SMEs, Abschn. 29, Tz. 62). Zudem dürfen in einem HGB-Abschluss aktive latente Steuern auf steuerliche Verlustvorträge nur angesetzt werden, wenn aufgrund einer steuerlichen Planungsrechnung mit einer Realisierung der Steuerentlastung innerhalb von fünf Jahren gerechnet wird (§ 274 Abs. 1 Satz 4 HGB). Die Wertberichtigung aktiver latenter Steuern, die nicht innerhalb von fünf Jahren genutzt werden, ist auch nach IFRS für KMU akzeptabel, da die Prognosen verrechenbarer steuerlicher Ergebnisse über fünf Jahre hinaus regelmäßig sehr unsicher sind (vgl. Senger, in: Bruns/Eierle et al. (Hrsg.), IFRS for SMEs, Abschn. 29, Tz. 91; Brembt 2010, S. 143). Die Begrenzung des Ansatzes aktiver latenter Steuern auf Verlustvorträge auf solche, die innerhalb von fünf Jahren realisiert werden, ist indes nach HGB und IFRS für KMU nicht sachgerecht, wenn dadurch ein Überhang passiver latenter Steuern verbleibt (vgl. HFA des IDW, 2009a, Rn. 14; Kühne/Wesemann/Melcher, WPg 2009, S. 1057 f.).

2. Bewertung latenter Steuern

 

Tz. 143

Stand: EL 31 - ET: 3/2017

Zur Bewertung der latenten Steuern sind die temporären Differenzen und die steuerlichen Verlustvorträge mit einem Steuersatz zu multiplizieren. Dieser ist sowohl nach HGB als auch nach IFRS für KMU derjenige Steuersatz, der im Zeitpunkt der Realisierung der erwarteten Steuerbe- oder -entlastung gültig ist (§ 274 Abs. 2 Satz 1 HGB; Senger, in: Bruns/Eierle et al. (Hrsg.), IFRS for SMEs, Abschn. 29, Tz. 73). Allerdings sind künftige Steuersätze aus Gründen der Objektivierung nur anzuwenden, wenn sie zum Bilanzstichtag verkündet sind oder sehr wahrscheinlich verkündet werden (vgl. BT-Drucks. 16/10067, S. 68; Sec. 29.27).

Der ursprüngliche IFRS für KMU enthielt Vorschriften, wonach bei der Bewertung latenter Steuern Unsicherheit hinsichtlich der Akzeptanz steuerlich erklärter Werte durch die Finanzverwaltung in Form eines Erwartungswertes zu berücksichtigen waren. Diese Vorschriften basierten auf einem Entwurf zur Überarbeitung von IAS 12 in den full IFRS. Da dieser Entwurf allerdings nicht umgesetzt wurde, wurden die Vorschriften des IFRS für KMU im Rahmen des Comprehensive Review an diejenigen des IAS 12 angeglichen (vgl. IASB 2015, BC219). Damit sind der Bewertung latenter Steuern Beträge als tax base zugrunde zu legen, die nach Ansicht des Unternehmens bei Realisierung steuerlich abzugsfähig sind (vgl. Sec. 29.9–29.11). Die Berücksichtigung von Steuerunsicherheiten durch die Bildung eines Erwartungswerts wurde indes abgeschafft (vgl. Eierle/Ketterer/Ther, 2016, S. 605). Durch einen HGB-Abschluss werden daher die überarbeiteten Vorschriften des IFRS für KMU bezüglich der Bewertung latenter Steuern erfüllt.

 

Tz. 144–149

Stand: EL 3...

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