Heidelberger Modell: Gleichzeitig lernen und bewegen
Das Lernen an Schulen oder Hochschulen findet fast noch mehr als die Büroarbeit im Sitzen statt. Beim Lernen sind Schüler und Studierende auch noch heute sprichwörtlich „über Bücher gebeugt“. Doch auch in diesem Kontext ist viel Sitzen nicht gesundheitsfördernd. Aus diesem Grund haben in den vergangenen Jahren an verschiedenen Hochschulen spezialisierte Wissenschaftler Modelle entwickelt, welche Lehren, Lernen und gesunde Bewegung miteinander zusammenbringen wollen. Dies sollte zunächst einmal lediglich in das akademische Lernumfeld integriert werden. Die als „Bewegte Hochschullehre“ bezeichneten Konzepte haben das Ziel, durch einen bewussten Wechsel zwischen sitzenden und aktiven Phasen die Lehre und Lernen dynamischer, bedürfnisgerechter und effektiver zu gestalten.
Heidelberger Modell
Das bislang bekannteste Konzept ist dabei das „Heidelberger Modell“, da es von Wissenschaftlern der Abteilung Prävention und Gesundheitsförderung der Pädagogischen Hochschule Heidelberg entwickelt wurde. Das Besondere an dem Modell. Die Bewegungszeit ist gleichzeitig die Lernzeit. Bewegung und Lernen/Lehre werden zeitlich nicht voneinander getrennt. Die Bewegung erfolgt, während Dozenten eine Vorlesung halten oder Studierende sich auf anderem Wege Wissen aneignen. So gelingt die Integration von Bewegung in analoge und digitale Lernformate ohne Zeitverlust. Ziel der Wissenschaftler war es, nicht nur für Bewegung in der akademischen Ausbildung zu sorgen, sondern die Studierenden auch zu motivieren, das „Bewegte Lernen“ im späteren Leben und im Beruf anzuwenden. Darüber hinaus sollten zukünftige Lehrkörper an Schulen, Universitäten und ähnlichen Einrichtungen ihren eigenen Unterricht entsprechend zu gestalten.
Bestandteile des Konzepts
Im Selbstverständnis des Heidelberger Modells soll Bewegung als fester Bestandteil des Lernprozesses etabliert werden, sodass Studierende gleichzeitig körperlich als auch kognitiv aktiviert werden. Die Implementation in Hochschulen besteht dabei aus fünf Bausteinen:
- bewegungsfreundliche Raumgestaltung,
- bewegende Methoden,
- Bewegungspausen,
- bewegende Lehrangebot sowie bewegende Weiterbildungen.
Während sich der erste Baustein auf die räumliche Ausstattung von Seminarräumen bezieht, handelt es sich bei den weiteren Bausteinen um konkrete Umsetzungshinweise für Dozenten und andere Lehrkörper, mittels derer eine bewegungsaktivierende Seminar- und Unterrichtsgestaltung umgesetzt werden kann.
Lehrmodul BSU
An der Pädagogischen Hochschule Heidelberg wurde 2019 im überfachlichen Studienbereich der Lehramtsausbildung ein optionales Lehrmodul „Bewegungsaktivierende Schul- und Unterrichtsgestaltung (BSU)“ geschaffen, das seitdem fest etabliert ist. Alle Lehrveranstaltungen des BSU-Moduls werden in bewegungsfreundlich gestalteten Lehrräumen durchgeführt. Hierfür stehen das mit Sitz-Stehpulten, Wackelhockern und Stehmatten ausgestattete Stehlabor, das auf 25 Studierende ausgelegt ist, zur Verfügung. Außerdem gibt es ein „Active Learning Center“ mit Stehtischen, erhöhten Stühlen und tragbaren Präsentationsflächen für 60 Studierende.
Befragung zur Rezeption
Wie hat sich dieses Modul bei den angehenden Lehrkräften bewährt? Wie ist die Rezeption bei den Studierenden? Das Forscherteam, dass das Heidelberger Modell entwickelte, wollte mittels einer Umfrage hierauf Antworten finden. Es sollte untersucht werden, ob die Studienangebote zur Bewegungsaktivierung überhaupt von Studierenden genutzt wurden, mit welchen Erwartungen und Vorwissen sie das „bewegte Studium“ antraten und inwiefern der Besuch des BSU-Moduls zu ihrer Köpersensibilisierung sowie zur Veränderung ihres Sitz-Steh-Bewegungsverhaltens beigetragen hat. Vor allem aber wollten die Forscher wissen: Führt der Besuch des BSU-Moduls aus Sicht der Studierenden zu einer Verbesserung ihrer Kompetenz, Bewegung lern- und gesundheitsförderlich selbst in die Schul- und Unterrichtsgestaltung integrieren zu können?
Umfragedesign
Im Zeitraum zwischen dem Sommersemester 2019 bis zum Sommersemester 2023 wurden insgesamt 144 Studierende jeweils am Semesteranfang und 93 am Semesterende befragt. Während der Covid19-Pandemie wurde das Seminar im digitalen Format angeboten. Um den gesundheitsförderlichen Mehrwert des Lehrmoduls zu ermitteln, wurde der vorgegebene Fragen- und Antwortkatalog noch um ein offenes Item ergänzt, in dem die Studierenden ihre Antworten selbst formulieren konnten. Bei diesem Item ging es darum, ob die Teilnahme am Modul auch das eigene Sitz-Steh-Bewegungsverhaltens im restlichen Studienalltag veränderte und ob die Studierenden dazu tendierten, das Lern-Bewegungsmodell nach dem Studium im Berufsleben anzuwenden.
Studierende wollen Konzept übernehmen
Die Ergebnisse zeigten, dass das BSU-Modul durch Studierende aller Lehramtsstudiengänge gleichermaßen angenommen wurde. Dies deute laut den Forschern auch darauf hin, dass die bewegungsaktivierenden Lehr-Lern-Methoden für sämtliche Lernkontexte attraktiv sind. Über zwei Drittel der befragten Studierenden gaben weiterhin an, am Ende des Kurses genügend Methoden kennengelernt zu haben, um bewegtes Lernen im Berufsleben in ihre eigene Schul- und Unterrichtsgestaltung integrieren zu können – und dies auch beabsichtigten zu tun. Das könne darauf hindeuten, dass die Popularität des bewegten Lehrens und Lernen in Zukunft weiter an Popularität zunehmen wird.
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