„ESRS hat sich als Rahmenwerk etabliert – es führt kein Weg zurück“
Nachhaltigkeitsberichte von Banken teilweise sehr lang
Sie haben die Nachhaltigkeitsberichte von deutschen und europäischen Banken untersucht und verglichen. Was ist das Auffälligste oder Interessanteste an den Berichten, die Sie analysiert haben?
Joel Santos: Auffällig war die große Bandbreite in der Ausgestaltung der Berichte. Ich hatte erwartet, dass sich die Länge der Nachhaltigkeitsberichte in eine einheitliche Richtung entwickelt – entweder insgesamt kürzer oder länger. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Die Unterschiede sind erheblich. Einige Banken haben trotz neuer regulatorischer Anforderungen kompakte Berichte erstellt, während andere sehr umfangreiche Dokumente veröffentlicht haben. Das zeigt, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden. Im ersten Jahr lag der Fokus klar auf Compliance und Vollständigkeit. Für die kommenden Berichtszyklen beobachten wir jedoch, dass viele Institute bereits daran arbeiten, die Inhalte redaktionell zu optimieren und die Berichte wieder zu straffen.
Wie vergleichbar sind die Berichte denn, wenn sie so stark variieren?
Santos: Die Berichte sind derzeit noch nicht vollständig vergleichbar. Das Ziel der Regulatorik – eine hohe Vergleichbarkeit und Transparenz – wurde im ersten (freiwilligen) Berichtsjahr nur teilweise erreicht. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Interpretation der Anforderungen. Banken setzen teils abweichende Schwerpunkte und variieren im Aufbau. Beispielsweise bei der Nutzung von Strukturelementen oder der Verortung der Taxonomie-Berichterstattung. Solche Unterschiede hängen auch von der Interpretation der lokalen Prüfer ab. Hinzu kommt, dass es sich um das erste Berichtsjahr handelt – es gab keine etablierten Referenzberichte, an denen sich die Institute orientieren konnten. Wir erwarten, dass sich hier in den kommenden Jahren eine stärkere Harmonisierung entwickelt.
Lisa Ertl: Auch mich hat diese ausgeprägte Heterogenität etwas überrascht, denn wir sprechen über Nachhaltigkeitsberichterstattung, die zukünftig Teil des Lageberichtes sein wird. Und beim Lagebericht haben wir bereits einen Standard, der sich über Jahrzehnte etabliert hat in Bezug auf Umfang, Darstellung, Grafikelemente. Lageberichte sind sehr zahlenorientiert, in vielen Nachhaltigkeitsberichten ist uns dagegen teilweise weiterhin die eher blumige Nachhaltigkeitssprache begegnet. Die Bandbreite war enorm. Manche Berichte sind sehr nah an den regulatorischen Anforderungen, die aufgelistet und abgehakt wurden. In anderen dagegen war viel mehr beschreibende Prosa mit entsprechenden Bildern zu lesen, etwa, wenn es um soziale Projekte ging, die gefördert wurden. Noch fehlt an der einen oder anderen Stelle die Präzision. Das wird sich jetzt im zweiten Jahr sicher ändern.
Santos: Interessant ist die deutliche nationale Differenzierung bei der Länge der Berichte. Deutsche Banken tendieren zu eher umfangreichen Dokumenten, spanische Institute teilweise sogar noch darüber hinaus. Im Gegensatz dazu waren nordeuropäische Banken deutlich prägnanter. Das deutet auf unterschiedliche nationale Ansätze und Prioritäten hin, die sich vermutlich aus regulatorischen Interpretationen und Marktgepflogenheiten ergeben.
Wie vergleichbar sind die Berichte denn?
Santos: Bei den quantitativen Angaben ist die Vergleichbarkeit deutlich höher. Hier sind die Interpretationsspielräume geringer, anders als bei der qualitativen Berichterstattung. Bei Emissionswerten hingegen befinden sich viele Banken noch in einer Entwicklungsphase, sodass wir für den zweiten Bericht klare Weiterentwicklungen erwarten. Schon jetzt bieten die Daten eine solide Grundlage für Vergleiche, auch wenn die Datenqualität aktuell noch variiert. Diese Unterschiede werden sich in den kommenden Jahren weiter angleichen.
ESRS hat sich bereits etabliert
Was lässt sich, trotz der beschriebenen Unterschiede, aus den Berichten herauslesen? Gibt es Gemeinsamkeiten?
Ertl: Die erste Gemeinsamkeit ist, dass fast alle Banken nach ESRS berichten, obwohl das ja noch freiwillig war. ESRS hat sich schnell als Rahmenwerk etabliert. Das wird bleiben, es führt kein Weg zurück. Auch mittelgroße Banken, die in Zukunft vielleicht gar nicht mehr verpflichtet werden, das Reporting aber schon umgesetzt haben, planen häufig beim neuen Rahmenwerk zu bleiben. Es wird die angestrebte Vereinheitlichung geben. Die zweite Gemeinsamkeit ist, dass bei Banken bestimmte Themen in der Regel immer als wesentlich identifiziert wurden. Beispielsweise der Umweltstandard E1, Klima – insbesondere in Bezug auf Finanzierungsportfolio der Banken – sowie bestimmte Governance-Themen wie die Prävention von Geldwäsche oder der Datenschutz.
Haben Banken Vorbildcharakter für andere Branchen in Sache Berichterstattung?
Santos: Die Berichterstattung nach den neuen Standards erfolgte in diesem Jahr vorwiegend freiwillig, da die nationale Umsetzung noch ausstand. Auffällig ist, dass insbesondere große Banken diesen Schritt proaktiv gegangen sind. Ein Grund dafür liegt in der hohen Regulierung des Bankensektors. Banken sind es gewohnt, komplexe Berichtspflichten zu erfüllen und gehen das Thema Nachhaltigkeit auch aus strategischer und Risikomanagement intensiv an.
Ertl: Bemerkenswert ist aus meiner Sicht auch, wie gezielt Banken von Anfang an die ja eigentlich sektoragnostischen ESRS für die besondere Rolle von Finanzunternehmen ausgelegt haben. Es wurde schnell erkannt, dass es für sie notwendig ist, auch gezielt auf die nachgelagerte Wertschöpfungskette, d.h. die Finanzierungs- und Investitionstätigkeiten zu schauen.
Blick auf die nachgelagerte Wertschöpfungskette .
Wird die Berichterstattung der Banken Einfluss haben auf die Berichterstattung der Unternehmen, die sie finanzieren?
Ertl: Es könnte eine indirekte Rückkopplung geben, wo Banken gezielt mit Großkunden ins Gespräch gehen. Falls sie beispielsweise bei ihren Wesentlichkeitsanalysen bereits explizit mit Kunden als Stakeholder im Austausch waren, haben diese bereits einen Einblick erhalten, welche Informations- und Datenbedarfe im Fokus der Banken stehen.
Santos: Ob und in welchem Umfang die Bankenberichterstattung Einfluss auf die Berichte ihrer Kunden haben wird, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung der EU-Regulierung ab. Noch ist unklar, wie viele Unternehmen künftig unter die Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung fallen. Das stellt auch Banken vor Herausforderungen: Viele Institute hatten gehofft, über die Berichte ihrer Kunden zusätzliche geprüfte Informationen zu erhalten, um die eigene Datenqualität und damit den klaren Blick auf ihre Kunden in der strategischen Steuerung sowie dem Risikomanagement gezielt weiter zu verbessern.
Standortbestimmung für Banken .
Was raten Sie Banken in Sachen Berichterstattung?
Ertl: Ich empfehle, eine Standortbestimmung vorzunehmen, einerseits im Hinblick auf die jeweiligen Peers und deren Nachhaltigkeitsberichte: Wie haben die anderen das gemacht? Wo sind sie vielleicht kürzer, präziser, besser? Und wo liegt das eigene Haus schon ganz gut im Vergleich?
Eine ähnliche Standortbestimmung sollten Banken auch im Innenblick auf den eigenen ESG-Reportingprozess anstellen: Was hat gut funktioniert, wo hat es gehakt? Welche Stellschrauben können den Prozess effizienter machen? Was lässt sich in Zukunft automatisieren? Diesen Fragen sollten sich die Banken stellen.
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