Donut Ökonomie: Wie wollen wir im 21. Jahrhundert leben?
Für Professorin und Forscherin Kate Raworth ist offensichtlich, dass unsere Welt aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Vorstellung, dass Studenten im Jahr 2050 ökonomische Theorien erlernen sollen, die aus dem Jahr 1950 stammen und ihren Ursprung sogar im Jahr 1850 haben, entspricht für sie nicht der Realität und den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts (Raworth, 2017, 2018).
Angesichts des fortschreitenden Klimawandels, wie im IPCC-Bericht von 2023 dargelegt, und der weiterhin weitreichenden globalen sozialen Ungleichheiten muss der Status Quo dringend überdacht werden. Trotz zahlreicher Bemühungen seit dem Club-of-Rome-Bericht von 1972, nachhaltiger zu handeln, hat sich bis heute keine Veränderung ergeben, die den Klimawandel entscheidend eindämmt oder verlangsamt (Weizsäcker et al., 2019).
Das Donut Economics Modell
Raworth sieht die Lösung imBild eines Donuts (englisch Doughnut). Das Donut-Modell beschreibt einen “sicheren und gerechten Raum für die Menschheit“, in dem gewährleistet ist, dass alle Menschen über die Ressourcen und Möglichkeiten verfügen, die für ein gutes Leben erforderlich sind („soziales Fundament“), und gleichzeitig die ökologischen Grenzen unseres Planeten nicht überschritten werden („ökologische Decke“). Raworth argumentiert, dass eine nachhaltige Gesellschaft und Wirtschaft sich in Richtung des Donuts entwickeln muss.
Die Überschreitung der ökologischen Decke schädigt die Umwelt unwiderruflich, während die Unterschreitung des sozialen Fundaments dazu führt, dass Menschen auf lebenswichtige Dinge wie Nahrung, Unterkunft oder Einkommen verzichten. Im Jahr 2019 gründete Raworth das Doughnut Economics Action Lab (DEAL), das Methoden und Unterlagen für Städte, Regionen, Schulen, Hochschulen und Unternehmen bereitstellt.
Was bedeutet die Donut-Ökonomie für Unternehmen?
Raworth plädiert dafür, Unternehmen so zu gestalten, dass sie innerhalb dieses sicheren und gerechten Raums funktionieren, in dem Mensch und Umwelt gedeihen können.
Unternehmen werden ermutigt, ihre Geschäftspraktiken zu ändern. Konkret bedeutet das, dass jegliche Entscheidungen, Firmenstrukturen, Prozesse, Beziehungen, etc. regenerativ und distributiv sind. Das veränderte „Deep Design“ ist die Grundlage für Veränderungen, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Gesellschaft.
Für viele Unternehmen beginnt ein Wandel typischerweise mit Innovationen im Produktdesign, der Beseitigung von Einweg-Kunststoffen und eingebauter Obsoleszenz, während sie sich gleichzeitig verpflichten, den Arbeiter:innen in der Lieferkette existenzsichernde Löhne zu zahlen (Erinch Sahan et al. 2022).
„Eine regenerative Wirtschaft geht über Nachhaltigkeit hinaus und bezieht sich auf Geschäftspraktiken, die die Natur regenerieren und aufbauen, statt auszubeuten und zu zerstören.“ Rahel Gerber, Impact Hub Basel
Neue Design-Innovationen, die notwendig sind, damit die Wirtschaft regenerativ und distributiv wird, werden derzeit entwickelt und erforscht. Bereits jetzt zeichnet sich ab, was alles möglich sein könnte: Aus einer regenerativen Perspektive könnte man Geschäftsmodelle in Betracht ziehen, bei denen die Erde zum alleinigen Anteilseigner, zum Vorstandsmitglied oder zum Geschäftsführer eines Unternehmens wird. Solche Beispiele gibt es bereits: Das amerikanische Bekleidungsunternehmen Patagonia hat die Erde zu seinem „einzigen Aktionär“ gemacht.
Donut Economics ist natürlich bei Weitem nicht die einzige Initiative, die einen Wandel in der Wirtschaft fordert. Viele andere Gruppen sind bereits im Gange, mit verschiedenen Schwerpunkten wie Veränderung der Denkweise von Unternehmensführung, Förderung von nachhaltigem Verbrauch, Überdenken der ESG- Kriterien und Unterstützung von kollektiven Aktionen.
Donut Economics weltweit und im deutschsprachigen Raum
Donut Economics erfreut sich immer größer werdender Beliebtheit. Über 14.000 Menschen aus 190 Ländern haben sich bereits auf der DEAL-Plattform angemeldet. Die Europäische Union bezieht sich in ihrem aktuellen Umweltaktionsplan auf die Donut Economics. Die Firma Deloitte, das Kollektiv Extinction Rebellion und der Papst interessieren sich für den Donut. Weltweit haben sich 50 Initiativen zusammengeschlossen, um das Donut-Modell in ihren Regionen bekannter zu machen. Über 70 Stadt-, Kreis- und Kommunalverwaltungen weltweit arbeiten mit Donut Economics zusammen, darunter Amsterdam, Barcelona, Brüssel, Kopenhagen, Grenoble und El Monte (Chile).
Auch im deutschsprachigen Raum gibt es Aktivitäten. In der Schweiz wurde am 13. November 2023 der Verein Doughnut Economics Switzerland im Impact Hub Basel gegründet. Die deutsche Beratungsfirma PD hat ein Projekt über Donut für Kommunen durchgeführt, darunter Workshops mit 14 Kommunen und Pilotprojekten in Bad Nauheim und Krefeld.
Wer Interesse hat, mehr zu erfahren, kann sich für einen der vielen akkreditierten Donut-Workshops anmelden oder die Materialien des Doughnut Economics Action Lab frei herunterladen.
Quellen:
Raworth, K. (2017). Doughnut economics: Seven ways to think like a 21st-century economist. Random House Business Books.
Raworth, K. (2018). Die Donut-Ökonomie: Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört (H. Freundl & S. Schmid, Übers.; 1. Auflage). Carl Hanser Verlag.
Weizsäcker, E. U. von, Wijkman, A., & Pantheon. (2019). Wir sind dran: Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen: Club of Rome: Der große Bericht.
Sahan, E., Sanz Ruiz, A., Rawort, K. (2022). What Doughnut Economics means for businesses
IPCC (2023). SPECIAL REPORT Global Warming of 1.5 ºC.
PD (2022). Donut-Ökonomie als strategischer Kompass.
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