Wenn es um medizinische Unterlagen geht, läuft in der Hightech-Nation Deutschland noch vieles auf Papier oder per Fax. Der Wandel zu neuen elektronischen Akten für die Patienten soll endlich Fahrt aufnehmen.

Was eigentlich so alles über sie erfasst ist, wissen wohl die meisten Kassenpatienten gar nicht genau. Wie hieß noch mal das Medikament, das der Arzt im Urlaub verschrieben hat? Ans Ergebnis des letzten Blutbilds ist die Erinnerung auch nur noch schwach. Dabei liegen bei Ärzten, Kliniken und Krankenkassen jede Menge Daten, die Behandlungen schneller und zielgenauer machen könnten - nur sind sie eben großflächig verstreut. Seit Jahren mühen sich die Akteure des Gesundheitswesens um mehr elektronische Vernetzung, doch voran geht es kaum. Große Krankenkassen preschen nun mit digitalen «Akten» vor.

Was sollen elektronische Patientenakten bringen?

Für Jens Baas, den Chef der Techniker Krankenkasse (TK), geht es um nicht weniger als eine «Revolution», indem diverse Daten zu neuen hilfreichen Informationen zusammengeführt werden. Das soll vermeiden, dass Ärzte etwa lieber noch ein extra Röntgenbild machen, weil ein Befund eines Kollegen nicht so einfach aufzutreiben ist. Zudem sollen Patienten erstmals Klarheit über ihre gebündelten Gesundheitsdaten bekommen und so besser mitreden können, wenn es um Behandlungen geht.

Wie soll das technisch funktionieren?

Die TK will bundesweit einen digitalen «Datensafe» als Handy-App an den Start bringen, den Patienten nach eigenen Wünschen füllen können, etwa mit allen verordneten Medikamenten und Labordaten. Gespeichert werden können auch Angaben zu Arztbesuchen - samt Diagnose plus der Rechnung, wie viel die Kasse dafür gezahlt hat. Alle Daten sollen verschlüsselt und nur mit ausdrücklicher Freigabe des Patienten für Ärzte einsehbar sein. Die AOK hat bereits erste Projekte mit einer digitalen Akte in Betrieb und will das Netzwerk weiter ausbauen. Beide Kassen versichern: Die volle Datenhoheit haben die Patienten.

Was sagen Patientenschützer?

Neben der Datensicherheit geht es auch darum, dass die schöne neue Digitalwelt niemanden benachteiligt. Absolut freiwillig und kostenlos seien die Angebote, heißt es von den Kassen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz mahnt indes: «Wer nicht mitmachen kann oder will, wird schnell identifiziert und dann vielleicht diskriminiert.» Da nur der Staat höchste Standards garantieren könne, solle besser ein Bundesamt für die Digitalisierung im Gesundheitswesen kommen. Die Verbraucherzentralen begrüßen mehr Vernetzung und Transparenz. «Das klappt aber nur mit einheitlichen Standards», sagt Experte Kai Vogel.

Wie geht es weiter?

Dass die Digitalisierung dringend Fahrt aufnehmen muss, bestreitet niemand. «Seit über zehn Jahren sind Krankenhäuser, Ärzte, Apotheker und Kassen nicht in der Lage, ein sicheres System zu etablieren», klagt der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Fast zwei Milliarden Euro seien nur für die elektronische Gesundheitskarte verschwendet worden - erhoffte Zusatzfunktionen leistet sie immer noch nicht. «Da könnte man nicht einmal ein Röntgenbild abspeichern», sagt Kassenärzte-Chef Andreas Gassen. Die digitalen «Akten» kommen denn auch ohne die Karte aus. Sie sollen aber auch keine Inseln werden, sondern mit der Datenautobahn des Gesundheitswesens verknüpfbar sein, die gerade - mit Verzögerung - entsteht. Ein Ziel für die Einführung von E-Patientenakten hat auch die Bundesregierung: spätestens 2021.

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