02.10.2013 | Serie Kolumne Wirtschaftspsychologie

Neuro-Mythen in der Personalarbeit

Serienelemente
Prof. Dr. Uwe P. Kanning klärt in seiner monatlichen Kolumne über psychologische Fakten in der Personalarbeit auf.
Bild: Haufe Online Redaktion

So mancher Mythos geistert durch die Personalabteilungen - gerade wenn es um psychologisches Wissen geht. Professor Uwe P. Kanning klärt in seiner monatlichen Kolumne über die Fakten auf. Heute: Die Mythen der Neurowissenschaften - wenn man nur zehn Prozent des Gehirns nutzt...

Wohl kaum ein Zweig der Wissenschaften hat in den vergangenen Jahren so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie die Neurowissenschaften. Kein Tag vergeht, an dem die Medien nicht über neueste Erkenntnisse und Deutungen neurowissenschaftlicher Forschung berichten. Die meisten von uns können die Qualität der Aussagen kaum beurteilen, da wir schlicht zu wenig von der Materie verstehen. Nur hin und wieder machen sich Zweifel breit, wenn wahlweise ein Neuro-Ökonom, Neuro-Soziologe oder gar ein Neuro-Philosoph nach der Beobachtung von drei Gehirnen per Magnetresonanztomographie Gott und die Welt erklärt. Wird hier mitunter die Generalisierbarkeit der Aussagen nicht ein klein wenig überdehnt? Sollte es tatsächlich so sein, dass sich Schokolade von Typ A im realen Leben besser verkauft, weil beim Anblick der Verpackung vier Probanden eine um drei Prozent erhöhte Aktivität im "Nucleus Dubiosus" aufweisen?

In den nächsten Jahren werden sich sicherlich die meisten dieser "Erkenntnisse" in Luft auflösen, da sie einer kritischen Überprüfung kaum dauerhaft standhalten. Doch selbst wenn die Wissenschaft die euphorischen Übertreibungen und Missverständnisse längst ad acta gelegt hat, dürfte so manche Scheingewissheit noch jahrzehntelang ihr Unwesen in den Köpfen der Menschen treiben. Schon heute gibt es einige Neuro-Mythen, die sich insbesondere in der Personalarbeit und Weiterbildung großer Beliebtheit erfreuen. Schauen wir uns einmal die drei vielleicht prominentesten Beispiele an.

Beispiel 1: Menschen denken entweder mit der rechten oder der linken Hirnhälfte!

Der entwicklungsgeschichtlich jüngste Teil unseres Gehirns – der sogenannte "Neocortex" – ähnelt rein optisch einer Walnuss. Wie bei einer Walnuss ist der Neocortex in zwei Hälften geteilt. Empirische Studien konnten zeigen, dass einige wenige Funktionen, wie die Steuerung der Sprache, in der linken Hemisphäre angesiedelt sind, während andere entweder rechts oder links liegen können. Manche Funktionen sind nur der Tendenz nach stärker links, wie zum Beispiel das analytische Denken, oder rechts, wie beispielsweise das holistische Denken, lokalisiert. Da beide Hirnhälften über das Brückenhirn ständig Informationen in beide Richtungen austauschen, ist eine entsprechende Verortung letztlich ohne praktische Bedeutung. Menschen denken immer mit beiden Hirnhälften. In der Ratgeberliteratur wird dies ignoriert, hier predigt man, dass Rechtshänder grundsätzlich analytische Typen seien, da sie eine dominante linke Hirnhälfte aufweisen sollen, während Linkshänder emotional und kreativ veranlagt erscheinen. So wird aus einer komplexen Realität eine einfache Scheingewissheit für den Hobby-Neurologen. Studien, in denen man die Persönlichkeit von Rechts- und Linkshändern vergleicht, konnten keine systematischen Unterschiede absichern.

Beispiel 2: Der Mensch nutzt nur zehn Prozent seines Gehirns!

Auch wenn man bisweilen bei der Lektüre von so manchem Ratgeber den Eindruck haben kann, dass zumindest einige Vertreter der Gattung Homo Sapiens tatsächlich nur zehn Prozent ihres Gehirns nutzen, gilt dies doch nicht für den Menschen an sich. Im Zuge der Evolution hätte sich ein Organ, das nur zu zehn Prozent eine nützliche Funktion erfüllt, als solches gar nicht in der vorhandenen Größe ausgebildet. Falls der heutige Mensch wider Erwarten weniger Hirnkapazität benötigen sollte als seine behaarten Vorfahren aus urzeitlichen Tagen hätte sich der Neocortex wieder entsprechend zurückgebildet. Jedes einfache EEG widerlegt die Zehn-Prozent-These ebenso überzeugend wie die unzähligen Beispiele von Menschen, die nach vergleichsweise geringen Hirnverletzungen weitgehend aus der Bahn geworfen wurden.

Beispiel 3: Das Gehirn kann negative Informationen nicht verarbeiten!

"Denken Sie jetzt bitte nicht an einen blauen Elefanten – zu spät!" Mit diesem einfachen Spielchen versuchen manche Trainer und Autoren der Ratgeberliteratur ihre Kunden einzulullen und zu beweisen, dass unser Gehirn so einfach gestrickt sei, dass es nicht einmal negative Informationen korrekt verarbeiten könne. Eigentlich müsste man nur ein klein wenig nachdenken, um zu einem gegenteiligen Schluss zu gelangen: Warum laufen in Parkanlagen eigentlich nicht alle Leute über den Rasen, wenn sie hierzu doch durch Hinweisschilder ("Grünanlage bitte nicht betreten!") permanent aufgefordert werden? Wie oft haben Sie in Ihrem Leben auf eine glühende Herdplatte oder in einen laufenden Ventilator gegriffen, weil Ihre Eltern Sie davor gewarnt haben? Fordern Sie doch einfach einmal, wenn Sie demnächst als Fußgänger an einer roten Ampel stehen, den Passanten neben ihnen auf, bitte nicht über die Straße zu gehen und beobachten Sie, was passiert.

Erfolgsgurus wollen mit Power-Seminaren überzeugen

Warum halten sich solche und ähnliche Mythen so hartnäckig, obwohl sie doch so leicht zu widerlegen sind? Den Ausgangpunkt der Entwicklung bilden wohl Erfolgsgurus, die ihren Kunden einreden, man müsse ihre Schriften lesen und ihre Power-Seminare besuchen, um sein defizitäres Gehirn auf Erfolg zu programmieren. Nach und nach diffundieren dann die beliebtesten Thesen immer weiter in die Breite der Ratgeberliteratur, bis irgendwann niemand mehr so recht weiß, woher all dieser Ideenmüll kommt. Dabei hilft der sogenannte Häufigkeits-Validitäts-Effekt: Je häufiger wir etwas hören oder lesen, desto glaubwürdiger erscheint es uns.

Doch ein wenig Hoffnung bleibt zum Schluss: Der Häufigkeits-Validitäts-Effekt wirkt natürlich auch in entgegen gesetzter Richtung. Man muss nur oft genug die Mythen als solche enttarnen, damit sich das Blatt in einer fernen Zukunft einmal wendet.

Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen und Personalentwicklung.

Schlagworte zum Thema:  Psychologie, Wissenschaft, Forschung, Personalarbeit

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