02.07.2012 | Teambildung

Was Sie aus Jogi Löws Niederlage lernen können

Peter Boltersdorf arbeitet als Reiss Profile Master Chiefinstructor, Trainer und Coach im Bereich Führung, Motivation und Kommunikation.
Bild: Claudia Fahlbusch

Nahezu berauscht war der deutsche Fußball von der erfolgreichen und dominanten Spielweise der deutschen Fußballer bei der EM 2012 - bis zur harten Landung im Halbfinale. Was ist passiert und was können wir daraus für das Management ableiten? Trainer und Motivationscoach Peter Boltersdorf hat die wichtigsten Lektionen für uns zusammengefasst.

Individuelle Führung im Team ist notwendig.

Moderne Führung und Entwicklung eines Teams erfordert sowohl im Management als auch im Profifußball ein tiefes Verständnis von den Persönlichkeiten der Teammitglieder. Menschen, die sich ständig an der Grenze ihrer Höchstleistung bewegen sollen, brauchen einen individualisierten Umgang aus der Führung. Ich denke, dass Joachim Löw das tut. Er hat einen engen Kontakt zu jedem seiner Spieler. In der Fußball-Bundesliga gibt es neben Mirko Slomka und Jürgen Klopp nur sehr wenige andere Trainer die dazu in der Lage sind.

Jedes Leistungsteam braucht emotional bedingte gemeinsame Interessen.

Im Profifußball sind erstaunlich wenige Menschen in ihrer Persönlichkeit tatsächlich teamorientiert. Die Tendenz bei den 500 getesteten Profifußballern entspricht der Tendenz in der Bevölkerung, nicht mehr. Das hat zur Folge, dass ich mich noch mehr um die Erkenntnis von gemeinsamen Interessen kümmern muss und diese auch kommunizieren muss, damit sie ihre verbindende Wirkung entfalten können. Achtung! Es geht hier um mehr Interessen als nur um den Sieg. Viele Profifußballer haben zum Beispiel eine starke Ausprägung in Ihrer Persönlichkeit, die wir mit dem Lebensmotiv "Familie" beschreiben. Das heißt, der fürsorgliche Umgang mit den eigenen Kindern ist für diese Menschen etwas sehr Bedeutsames. So etwas kann ich für den Zusammenhalt eines Teams effektiv nutzen. Wie weitgehend so etwas von Joachim Löw beachtet wurde, weiß ich nicht. Das Team wirkt harmonisch und ausreichend gemeinsamkeitsorientiert.

Jedes Leistungsteam braucht ein positives Geheimnis.

Jetzt wird es nicht esoterisch! Das ist einfach ein klares Ergebnis aus alltäglicher Arbeit in der Realität. So etwas wie ein Geheimnis ist ein stark verbindendes Element, das die Bereitschaft zur gegenseitigen Unterstützung weiter fördert. Ich habe zum Beispiel ein Vorstandsteam einer Konzerntochter begleitet, die die Holding zum gemeinsamen Feind erklärt haben, was natürlich nach außen unter gar keinen Umständen kommuniziert werden durfte. Die Intensität des Miteinanders und die Bereitschaft sich einzubringen, wurden wesentlich erhöht.

Hatte die deutsche Nationalmannschaft unter Joachim Löw für die EM solch ein Geheimnis? Es wurde offensichtlich zumindest versucht, in dem die jeweilige Aufstellung und Strategie für das kommende Spiel zum Geheimnis erklärt und nur den Trainern und Spielern bekannt sein sollte. Das hat leider nur bedingt funktioniert.

Hat ein Team die richtigen Mitspieler?

Die entscheidende Frage ist hier: wer oder was ist denn richtig? Ich betrachte das nur aus der Sicht der grundlegenden Persönlichkeitsprägungen. Für das Halbfinale gegen Italien kann man in dieser Hinsicht feststellen, dass die Italiener offensichtlich in diesem Punkt besser aufgestellt sind. Mehmet Scholl hat in seinem Statement zur Niederlage von "Straßenfußballern" gesprochen, womit er Ballotelli und Casano meinte.

Wenn es so ist, dass bei zwei fußballerisch gleichwertigen Teams, die Mannschaft mit einem größeren Anteil an "Straßenfußballern" eher gewinnt, dann hat Joachim Löw einen Fehler in der Auswahl seiner Spieler gemacht. Es gibt diese Spieler in der deutschen Mannschaft zurzeit nicht.

Mehmet Scholl beschreibt mit "Straßenfußballer" jemanden, der für den Gegner und selbst für den eigenen Trainer und die Mitspieler nicht berechenbar ist und den unbedingten Willen zum Sieg hat, eben Ballotelli und Casano.

Das würde bedeuten, dass Joachim Löw und/oder seine Scouts den talentierten Straßenfußballer in Deutschland übersehen haben, weil er möglicherweise gar nicht gesucht wurde. Das könnte ganz simpel daran liegen, dass der Teamchef selber nie ein solcher Fußballer war. Daraus können wir für uns lernen, wie wichtig und gleichzeitig schwierig es ist, der Falle zu entgehen, dass man die Menschen für sein Team zur sehr nach der eigenen Persönlichkeit auswählt.

Fazit: Ich bin überzeugt, dass man sich neben einer individualisierten Führung und dem Kommunizieren von gemeinsamen Interessen eine fundierte Erkenntnis verschaffen muss, welche fachlichen Kompetenzen und welche wichtigen Persönlichkeitsaspekte im Team als Mix vorhanden sein müssen, damit optimale Leistung und Ergebnis möglich sind. Es sieht so aus, als ob im Hochleistungsfußball die "Straßenfußballer" dazu gehören. Wie ist es damit bei Ihrem Team? Wen brauchen Sie wirklich? Wer muss als Persönlichkeit definitiv anders sein als Sie, damit es gelingt?

Anmerkung der Redaktion: Die Analyse von Peter Boltersdorf erfolgt aus der Sicht des Reiss Profile und seiner Arbeit mit mehr als 500 Fußballprofis aus der 1. und 2. Bundesliga. Darunter sind auch fünf der aktuellen Nationalspieler von der EM. Außerdem hat er Erfahrung aus der Arbeit mit mehr als 4.000 Managern aus allen Branchen.

Schlagworte zum Thema:  Teamführung, Motivation, Teambuilding

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