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| Interview mit "Betahaus"-Gründer Max von der Ahé

"Start-ups können von Corporates Personalentwicklung lernen"

Max von der Ahé leitet das "Betahaus" in Berlin-Mitte, das er selbst mitgegründet hat.
Bild: Betahaus

Im Berliner "Betahaus" treffen Start-ups mit Konzernen wie Daimler und DB im Coworking-Space aufeinander. Wie sie sich gegenseitig befruchten und wie das Betahaus den Austausch fördert, erläutert dessen Gründer und Inhaber Max von der Ahé in der aktuellen Ausgabe der "Wirtschaft + Weiterbildung".

"Wirtschaft + Weiterbildung": Wie funktioniert Coworking denn in der Praxis?

Maximilian von der Ahé: Coworking gibt es in ganz verschiedener Couleur. Bei uns im Betahaus heißt Coworking, dass sich verschiedene Marktteilnehmer begegnen und an einem Ort zusammen sind. In Berlin haben wir ungefähr 550 aktive Mitglieder aus rund 350 verschiedenen Firmen. Die Gruppe unterteilt sich in ein Drittel Freelancer, ein Drittel Start-ups und ein Drittel Corporates. Eine Besonderheit ist auch die hohe Internationalität: Über 50 Prozent der Leute, die hier arbeiten, kommen nicht aus Deutschland. Wir bieten eine ganze Reihe von Formaten an, die dazu führen, dass sich diese Gruppen gut kennenlernen und oft zusammenkommen. Da ist zum Beispiel das Beta- Breakfast, bei dem jeden Donnerstag drei Teams aus dem Haus – mal Corporates, mal Start-ups, mal Freelancer – für die anderen pitchen. Dann gibt es Beta-Bier, im Grunde das Gleiche am Abend, und den "Tupperware Tuesday", bei dem Mitglieder dienstags zusammen essen. Dazu bieten wir jede Menge Meet-ups zu unterschiedlichen Themen. Häufig kommen dazu auch externe Gruppen ins Haus.

"Wirtschaft + Weiterbildung": Auch Großunternehmen wie Daimler mieten sich im Betahaus ein. Was haben die davon?

von der Ahé: Das ist sehr unterschiedlich. Manche Corporates wie Daimler, Ernst & Young oder Deutsche Bahn haben vor Ort einen Raum oder einen Schreibtisch. Manche schätzen das nicht-klassische Unternehmensumfeld und schicken zum Beispiel ihre Innovationsabteilungen hier- her, die anders arbeiten sollen als man das früher gemacht hat. Andere gehen gezielt an den Standort Berlin, weil sie da vielleicht Leute kriegen, die nicht in anderen Städten arbeiten möchten. Dabei geht es aber immer darum, die eigenen Mitarbeiter in eine innovative Community zu integrieren.


Daimler trifft Start-up: Coworking Space im Berliner Betahaus
Bild: Betahaus/Betahaus/Danique van Kesteren

"Wirtschaft + Weiterbildung": Wie bringen Sie Start-ups und etablierte Unternehmen nun eigentlich konkret zusammen?

von der Ahé: Wir stricken für die Corporates spezifische Accelerator-Programme, bei denen sie in die Start-ups investieren oder mit ihnen zusammen arbeiten. Die Unternehmen können Service-Accelerator sein oder Go-to-Market-Accelerator. Als "Early-stage"-Partner kennen wir die Startup- Szene sehr gut. Bei Betapitches, bei dem junge Teams aus allen möglichen Bereichen mitmachen können, screenen wir ungefähr 500 Start-ups pro Jahr in verschiedenen Städten wie Berlin, Hamburg, Sofia, Barcelona, Sao Paulo oder Seoul in Südkorea. Da haben wir einen unglaublichen Durchlauf und kennen sehr viele Erfolgsgeschichten. Diese Kontakte in die Community nutzen wir auch für die sogenannten Top-Talent-Programme der Firmenkunden. Denn die Unternehmen haben inzwischen gemerkt, dass die Anzahl der guten Teams da draußen beschränkt ist und viele Unternehmen sich um sie streiten. Deshalb setzen die Corporates nun auch darauf, den eigenen Mitarbeitern eine Art "Entrepreneur-Denke" einzuimpfen. Sie sollen möglichst viele Start-ups kennenlernen, damit der Funke überspringt.

"Wirtschaft + Weiterbildung": Worauf kommt es vor allem an, damit die Zusammenarbeit zwischen Corporates und Start-ups erfolgreich verläuft?

von der Ahé: Jedes Unternehmen sollte wissen, dass es einen langen Atem braucht, um einen Innovationstransfer zu erreichen. Wenn eine Firma glaubt, dass Innovationsquellen von außen effektiver sind als das, was man intern in der gleichen Zeit entwickeln kann oder dies einfach mal parallel versuchen möchte, muss klar sein, dass diese Innovation von außen nicht von heute auf morgen funktioniert. Das klassische Return-on-Investment- Denken ist hier fehl am Platz. Jedes Corporate funktioniert anders und man muss herausfinden, was für die eigene Firma passt. Das ist eine Kulturfrage. Wichtig sind feste Kapazitäten, die nicht zu stark ergebnisorientiert arbeiten müssen. Dann sollten sich die Firmen auch überlegen, ob die eigenen Prozesse mit Experimenten von Start-ups kompatibel sind. Klassischer Fall: Wir machen eine Challenge für ein Unternehmen. Da geht es beispielsweise um ein Problem, das in einem Konzern schon lange besteht. Dann gibt es einen Lösungsvorschlag, aber die Zusammenarbeit scheitert daran, dass zum Beispiel Datenschutzbestimmungen nicht zu der Lösung passen. Oder alles verzögert sich viel zu lange.

"Wirtschaft + Weiterbildung": Was macht die Innovationskraft von Start-ups aus Ihrer Sicht eigentlich aus?

von der Ahé: Das wichtigste Element ist ihre Agilität. Damit meine ich, dass sie nicht zu lange den falschen Weg gehen. Das kann nur im Konzern passieren und nicht im Start-up. Wenn sich ein Start-up das leisten würde, wäre es bald pleite. Deshalb muss es bei Bedarf den Fokus schnell verändern. In großen Unternehmen gehen zwar über solche Irrwege auch sehr viele Ressourcen verloren, aber es fällt nicht so schnell auf und man kann es sich meist finanziell leisten. Diese agile Mentalität, nach dem Motto "Wir bauen einen Prototypen, wir testen ihn, und wenn wir nicht sofort positives Feedback haben, machen wir was anderes", fehlt vielen etablierten Unternehmen.


Der "Woodshop" im Betahaus: für alle, die ihre Ideen gleich in die Tat umsetzen wollen
Bild: Betahaus/Danique van Kesteren

"Wirtschaft + Weiterbildung": Inwiefern gilt diese Agilität der Start-ups auch für das Personalmanagement?

von der Ahé: Beim Thema Personalmanagement sehe ich bisher die Stärken vor allem auf Seiten der Corporates – insbesondere in der Personalentwicklung. In einer schnellen Start-up-Kultur, die ständig wächst oder sich verändert, bleibt wenig Zeit für Personalentwicklung. Damit meine ich systematische Überlegungen, was die Ziele für jeden Einzelnen sind, wie er diese erreicht und wie er sich im Unternehmen entwickeln kann. Das ist auch für Start-ups nicht unerheblich, um erfolgreich zu sein. Gründer sollten das nicht vernachlässigen. Da können sie von Corporates etwas lernen.

"Wirtschaft + Weiterbildung": Denken wir doch noch einmal in die andere Richtung. Wie ließe sich die Entrepreneur-Denke der Start-ups denn in die Personalentwicklung der Unternehmen integrieren?

von der Ahé: Den Grundstein versuchen wir ja mit unseren Top-Talent-Programmen zu legen. In der klassischen Personalentwicklung ist das jedoch sehr schwierig. Ein Ansatz wäre aber zum Beispiel eine interne Rotation. Ein agiles Team formen, bei dem die Positionen etwas rotieren können, das wäre eine Idee. Das schafft auch wieder neue Anreize.


Im "HR Café" des "Betahaus" können sich die Gründer über ihre Ideen austauschen.
Bild: Betahaus/Danique van Kesteren

"Wirtschaft + Weiterbildung": Das Betahaus in Berlin gibt es nun auch bereits seit sieben Jahren – fast schon ein etabliertes Unternehmen, trotz aller Turbulenzen. Wie veränderungsfähig sind Sie selbst noch und was tun Sie dafür, veränderungsfähig zu bleiben?

von der Ahé: Wir sind ein kleines Unternehmen, in Berlin haben wir etwa 20 Mitarbeiter. Das macht es natürlich leichter, veränderungsfähig zu bleiben. Wir fördern dafür vor allem die Selbstverantwortung unserer Leute. Jeder Mitarbeiter hat das Ownership für die eigenen Projekte, er weiß, was in seiner Verantwortung liegt. Dabei ist es für uns selbstverständlich, auf Augenhöhe zu arbeiten. Außerdem versuchen wir mit unseren Tools immer up to date zu sein, also arbeiten wir im Projektmanagement zum Beispiel mit Slack oder Trello. Wir gehen mit unserem Team ein- bis zweimal im Jahr raus und machen strategische Arbeit. Natürlich setzen wir uns Ziele und prüfen regelmäßig, ob wir sie erreicht haben oder nicht. Das Coworking Business ist sehr dynamisch. Sehr viele Immobilienbesitzer oder Eigentümer stellen inzwischen fest, dass Coworking wunderbar als Betreiberkonzept taugt. Deshalb gehen wir einen eigenen Weg, indem wir uns auf die Community der Coworker konzentrieren und versuchen, die Community-Mitglieder zu besseren Unternehmern zu machen.


Maximilian von der Ahé ist Gründer und Inhaber des Coworking Spaces "Betahaus" in Berlin.

Das Interview, das Stefanie Hornung, Pressesprecherin bei Spring Messe Management führte, ist ein Auszug aus Ausgabe 04/2016 der "Wirtschaft + Weiterbildung".


Tipps zum Weiterlesen:

Mehr zum Thema, wie Start-ups und Unternehmen zusammenarbeiten und voneinander lernen können, lesen Sie im Titelthema "Schubkraft für die Arbeitswelt" in Ausgabe 04/2016 des Personalmagazins (Hier können Sie die Ausgabe als App herunterladen) sowie hier:


Haufe Online Redaktion

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