| HR-Start-ups

"Eine neue Form der HR-Arbeit"

Dr. Simon Werther ist Gründer und Geschäftsführer von HR Instruments sowie Leiter der Fachgruppe HR-Startups im BVDS.
Bild: Haufe Online Redaktion

Simon Werther vertritt die Interessen von HR-Start-ups in Deutschland. Er erläutert im Interview mit dem Personalmagazin, warum Innovationen im HR-Bereich schwierig, aber dringend nötig sind.

Haufe Online Redaktion: Sie sind Mitglied im Bundesverband deutscher Startups (BVDS)  und haben dort im vergangenen Jahr die Fachgruppe HR-Startups gegründet, deren Vorsitzender Sie nun sind. Wofür setzt sich der Verband ein?
Simon Werther: Der BVDS ist gedacht als Inte­ressenvertretung für Start-ups auf Bundesebene. Es gab und gibt sehr viele regionale Gründerinitiativen – der Bundesverband soll diese verknüpfen und eine gemeinsame Stimme für Start-ups in Richtung Politik, Gesellschaft, andere Verbände und Unternehmen sein. Dementsprechend fußt die Verbandsarbeit auf drei Säulen. Erstens, politische Interessensvertretung und Lobbyarbeit. Zweitens, Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung. Es geistern doch immer noch viele Vorurteile über Start-ups herum, im Sinne von: Das sind chaotische Haufen, die nachmittags um drei anfangen zu arbeiten ... Und ganz zentral ist, drittens, die Netzwerkbildung, sowohl unter Start-­ups selbst als auch Start-ups mit Verbänden, Politik und etablierten Unternehmen. Denn ein entscheidender Erfolgsfaktor bei einer Gründung ist es, innerhalb kürzester Zeit Kontakt mit den richtigen Leuten zu knüpfen. Und genau da soll der Verband unterstützen.

Haufe Online Redaktion: Und wie sieht Ihre Arbeit in der HR-Fachgruppe konkret aus? Was planen Sie für die Zukunft?
Werther:
Für uns steht vor allem Öffentlichkeitsarbeit und Netzwerkbildung im Mittelpunkt. In punkto Öffentlichkeitsarbeit initiieren und organisieren wir beispielsweise gemeinsame Veranstaltungen, damit wir als HR-Start-ups sichtbar werden in der Menge der HR-Dienstleister. Aktuell planen wir beispielsweise die „HR Innovation Road­show“, bei der HR-Innovationen in ganz Deutschland präsentiert werden. Die Herausforderung ist, uns als Innovationsführer zu positionieren neben den Anbietern wie SAP & Co., die natürlich eine starke Marktpräsenz und riesige Marketingbudgets mitbringen. Da braucht es kreative Wege, um über mediale Präsenz und Live-Events sichtbar zu werden. Beim Aspekt Netzwerkbildung ist es der Fachgruppe einfach wichtig, sich untereinander auszutauschen und von den anderen zu lernen. Gerade im HR-Umfeld gibt es bestimmte Dos and Don’ts, die man kennen sollte. Die meisten unserer Gründer sind sehr erfahren im HR-Umfeld. Einige sind aber auch Quereinsteiger, was einerseits gut ist, weil sie eine unverblümte Perspektive mitbringen, aber gleichzeitig die He­rausforderung birgt, dass man die Spielregeln der Branche schnell lernen muss. Wir sehen uns als HR-Fachgruppe in der Pflicht, die Professionalisierung hochzuhalten und voranzutreiben.

Haufe Online Redaktion: Laut Bundesverband gibt es derzeit rund 6.000 Start-ups in Deutschland. Auch im Bereich HR steigen die innovativen Unternehmensideen. Welche Themen spielen bei den Neugründungen im Bereich HR die größte Rolle?
Werther:
Der Bereich Recruiting und Personalmarketing macht den größten Anteil aus. Auch deshalb, weil dort die Not der Unternehmen am größten ist. Da gibt es einerseits diejenigen, die mit sehr großen Bewerberzahlen kämpfen – und sich fragen: Wie sortiere ich sinnvoll aus? Andererseits gibt es Unternehmen, die kaum Bewerbungen erhalten und große Schwierigkeiten haben, überhaupt geeignete Mitarbeiter zu finden. Dementsprechend groß ist das Innovationspotenzial. Insgesamt bieten die HR-Start-ups aber ein breites Leistungsspektrum für alle Personalprozesse: Neben dem Recruiting ist von Personalentwicklung über Administration und HR-Controlling bis hin zu Compensation & Benefits alles dabei.

Haufe Online Redaktion: Auf gruenderszene.de schrieben Sie kürzlich, dass die Bedingungen für innovative Lösungen im HR-Bereich in Deutschland schwieriger sind als beispielsweise in den USA. Inwiefern?
Werther: 
Zum einen ist der Datenschutz in Deutschland sehr hoch gewichtet. Das ist natürlich auch positiv. Es geht uns in der HR-Fachgruppe nicht darum, Datenschutzanforderungen nach unten zu korrigieren. Aber die Frage ist, wie man das in der Praxis sinnvoll handhabt. Man kann ja transparent und sehr sicher mit Daten umgehen, aber bestimmte Lösungen dennoch umsetzen. Es kann durchaus sinnvoll sein, Mitarbeiter untereinander zu vergleichen oder bestimmte Formen von Rankings oder statistische Analysen durchzuführen, um strategische Implikationen abzuleiten. Da kommen wir in Deutschland insbesondere in größeren Unternehmen sehr schnell an unsere Grenzen, weil die Datenschutzbeauftragten hier in vielen Fällen einen eher konservativen Ansatz verfolgen.
Im HR-Bereich kommt dann noch die spezifische Herausforderung Betriebsrat hinzu. Auch hier ist unser Standpunkt klar: Es ist sehr gut, dass es Betriebsräte gibt, und Mitbestimmungspflicht hat absolut ihre Berechtigung, nur ist die Frage: Will ich als Betriebsrat aktiv mitgestalten oder will ich Etabliertes bewahren und schützen? Letzteres kann uns als HR-Start-ups extrem blockieren, weil die meisten unserer Themen letztlich mitbestimmungspflichtig sind und es in vielen Fällen um personenbezogene Daten geht. Das führt zu langen Abstimmungsprozessen in den Unternehmen und in der Folge zu sehr langen Sales-Zyklen, teilweise sechs bis zwölf Monate. Das ist für ein Start-up sehr schwierig und herausfordernd. Die geschilderten Rahmenbedingungen sind schon eine Besonderheit des deutschen Marktes im HR-Kontext. In anderen B2B-Kontexten ist das nicht ganz so extrem.

Haufe Online Redaktion: Wie offen sind deutsche Personalabteilungen dafür, neue innovative – vielleicht auch unkonventionelle Lösungen umzusetzen?
Werther:
Die Herausforderung ist, einen guten Mittelweg zu finden und mit Datenschutzbeauftragten, Betriebsrat, HR-Abteilung und Unternehmensleitung in einen Dialog zu treten. Dann besteht die Chance, wirklich innovative Lösungen auszuprobieren und zu implementieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es stark von der Einstellung der Entscheider abhängt – ob das eher die Bewahrer sind oder Menschen mit klaren Visionen, die etwas verändern und gestalten wollen. Die Offenheit hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die Not ist an einigen Stellen so groß, dass einfach klar ist, dass man nicht weitermachen kann wie bisher und innovative Wege gehen und kreative Lösungen einsetzen muss. Das ist eine große Chance für uns HR-Start-ups - aber auch für HR insgesamt, eine neue Form der HR-Arbeit zu gestalten und die Zukunft der Arbeitswelt aktiv mitzuprägen.

Das Interview führte Melanie Rößler.


Das vollständige Interview sowie weitere Themen rund um Start-ups finden Sie im Personalmagazin Ausgabe 4/2016.


Eine Personalmagazin-Serie stellt HR-Start-ups vor. Unter anderem:

Heaven HR: Eine Plattform für alle HR-Prozesse

Recruiting mit Talents Connect

Weiterbildungsevaluation mit Evalea

Schlagworte zum Thema:  Startup, Verband

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