27.10.2014 | Betriebliche Altersversorgung

Nachholbedarf bei Rente und bAV

Ist das Regelwerk der deutschen bAV zu komplex? Im Ländervergleich schneiden wir schlecht ab.
Bild: MEV-Verlag, Germany

Bei einem Vergleich von 25 Altersversorgungssystemen weltweit liegt Deutschland auf Platz elf - gemessen an Angemessenheit, Nachhaltigkeit und Integrität. In der bAV sind es insbesondere vier Eigenheiten, die das deutsche System von den Pensionslösungen anderer Länder unterscheiden.  

Der Melbourne Mercer Global Pension Index untersucht und bewertet die Altersversorgung verschiedener Länder hinsichtlich ihrer Angemessenheit, Nachhaltigkeit und Integrität. Im daraus entstehenden Ranking belegt im Jahr 2014 Dänemark zum wiederholten Mal die Spitzenposition, Neueinsteiger Finnland erreicht Platz vier.

Die Schlusslichter des Rankings bilden Indien, Südkorea und Japan. Dabei wurden neben den staatlichen Rentensystemen und der betrieblichen Altersversorgung auch private Anlagen und Vorsorgemaßnahmen berücksichtigt.

Problemlage international gleich

"Der relativ hohe Punkteabstand zur Spitze, zum Beispiel zu den skandinavischen Systemen, zeigt, dass es noch viel zu tun gibt", erklärt Achim Lüder, Geschäftsführer von Mercer Deutschland. Insgesamt zeigten nicht nur der Index, sondern auch andere Untersuchungen, wie zum Beispiel Analysen der OECD, dass die meisten (Industrie-)Nationen mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen haben. Letztlich läge eine der Hauptschwierigkeiten in der demografischen Entwicklung.

Aber auch das seit längerem anhaltende Niedrigzinsniveau bereite den Pensionsplänen auf der ganzen Welt gewisse Schwierigkeiten. Darüber hinaus zeige sich deutlich, dass nationale und europäische Gesetze und Richtlinien die Altersversorgung teilweise komplexer, verwaltungsintensiver und dadurch teurer machen.
Die deutsche bAV prägen in diesem Zusammenhang nach Auffassung von Mercer insbesondere die folgenden Unterschiede:

1. Leistungszusagen statt Beitragszusagen
Der Altersversorgung liegt in Deutschland immer ein Leistungsversprechen des Arbeitgebers zugrunde. Reine Beitragszusagen (DC-Pläne) sind in Deutschland nicht möglich, obwohl sich Bestrebungen in diese Richtung zeigen. Sie hätten aus Sicht der Unternehmen den Vorteil, dass die Risiken deutlich reduziert werden. Die Mitarbeiter übernehmen dadurch die Chancen (einer guten Kapitalanlage) und Risiken (Zinsrisiko, Langlebigkeitsrisiko) der Altersversorgung.

2. Interne Finanzierung
Ein großer Unterschied zwischen deutschen und beispielsweise angelsächsischen Pensionssystemen liegt in der Finanzierung. In Deutschland wird nach wie vor ein großer Teil der Altersversorgung intern, das heißt ohne die spezielle Mittelauslagerung (beispielsweise auf Fonds) finanziert. Die Unternehmen zeigen die Verpflichtung auf der Passivseite der Bilanz als Rückstellung und verwenden die Mittel (beispielsweise aus Arbeitgeberzusagen und Mitarbeiterbeiträgen) für Investitionszwecke. Wenn die Leistung fällig wird, finanzieren die Unternehmen diese aus dem laufenden Cash Flow.

Bei der reinen Außenfinanzierung werden die Mittel sofort ausgelagert und zur Finanzierung der Altersversorgung reserviert. Die Systeme der Innen- und der Außenfinanzierung haben ihre spezifischen Vor- und Nachteile, so dass den Studienautoren eine Wertung nicht angebracht erscheint.

3. Kein Opting-Out oder Auto-Enrollment

Im Vergleich zu diversen angelsächsischen Ländern werden so genannte Opting-Out-Modelle oder Auto-Enrollment-Systeme in Deutschland nicht praktiziert. Bei diesen Modellen werden die Mitarbeiter automatisch in die betrieblichen Altersversorgungssysteme aufgenommen und können sie nur auf eigene Initiative abwählen (Opting-Out).

Es gibt auch Modelle bei denen die Finanzierungsbeiträge automatisch erhöht werden. Die Erfahrung in einzelnen Ländern zeigt, dass sich mehr und vor allem jüngere Mitarbeiter an der bAV beteiligen und eigene Beiträge leisten, als wenn sie sich selbst aktiv hätten anmelden müssten. Diese Regelungen sind in Deutschland nicht gesetzlich flankiert und auch nicht üblich.

4. Insolvenzschutz
Schließlich ist in Deutschland ein flächendeckender gesetzlicher Insolvenzschutz für alle Durchführungswege vorgesehen, die von der Leistungsfähigkeit des Arbeitgebers abhängen. Ein Druck der begünstigten Arbeitnehmer zu einer versorgungspezifischen und insolvenzfesten Vorausfinanzierung erübrigt sich somit. Die dadurch für den zusagenden Arbeitgeber gewonnene Freiheit, nicht versorgungsspezifisch voraus zu finanzieren, führt jedoch zu dem Zeitpunkt, ab dem viele Arbeitnehmer in Rente gehen, zu hoher Liquiditätsbelastung.

Den vollständigen Studienreport können Sie unter mercer.com herunterladen.

Weitere Informationen im "bAV Spezial" des Personalmagazins
40 konkrete Hemmnisse, die der Verbreitung der bAV in Deutschland entgegenstehen, finden Sie im neuen bAV Spezial. Sie wurden  im Rahmen einer Machbarkeitsstudie, die das BMAS zur Frage, wie die bAV gefördert  werden kann, identifiziert.

Schlagworte zum Thema:  Betriebliche Altersversorgung

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