Kolumne: Führungstrainings mit Wölfen

Wer kennt sie nicht, die Seminare und Führungskräftetrainings, die viel versprechen, aber letztlich nur wenig bewirken? Professor Uwe P. Kanning stellt sich in seiner Kolumne die Frage, ob Führungskräfte nicht einfach einmal unter Wölfe gehen sollten – und beantwortet sie gewohnt zugespitzt.

Haben Sie manchmal den Eindruck, dass Ihre Führungskräfte den nötigen Biss vermissen lassen? Haben es sich Ihre Führungskräfte allzu gemütlich eingerichtet und wollen mit den Mitarbeitern alles ausdiskutieren und zwar immer schön achtsam, ganzheitlich und im vollen Bewusstsein für das Hier und Jetzt? Oder ist es in Ihrem Unternehmen vollkommen anders? Missachten Ihre Führungskräfte die Bedürfnisse der Mitarbeiter und leben ungeniert den eigenen Narzissmus aus? Herzlichen Glückwunsch, in beiden Fällen hat Ihre Personalauswahl auf ganzer Linie versagt.

Was Führungskräfte von Wölfen lernen können

Aber diese Erkenntnis hilft leider nicht viel weiter. Wollte man alle Fehlplatzierungen rückgängig machen, würde das Unternehmen implodieren. Wie gut, dass es noch einen zweiten Weg gibt. Versuchen Sie doch einfach, die Leute in einem eintägigen Seminar zurechtzubiegen oder lieber doch gleich komplett rumzudrehen. Alles was Sie brauchen, ist ein hochwirksames Coaching. Bestimmt haben Sie da das eine oder andere schon ausprobiert und vielleicht nicht immer gute Erfahrungen gesammelt. Hat das letzte Urschrei-Seminar auf Bali keine Abhilfe geschaffen? Konnte selbst das Schamanen-Coaching im Teutoburger Wald keine Verbesserung erzielen? Nur Mut, Sie sind noch lange, lange nicht am Ende. Jede Woche entstehen völlig neue hochwirksame Methoden, die sich ausgewiesene Führungsexperten in unermüdlicher Feldforschung hart erarbeiten. Ihnen allen sei an dieser Stelle für ihren selbstlosen Einsatz einmal ausdrücklich gedankt. So viel Zeit muss sein.

Buchen Sie doch mal ein Führungskräfte-Coaching mit richtigen Wölfen. Klingt komisch, ist aber bestimmt nicht wirkungsloser als Trainings mit Pferden oder Schafen. Glauben wir den erfahrenen Wolfs-Experten – und natürlich glauben wir ihnen, denn es sind ja schließlich Leute mit viel Erfahrung – lässt sich von Wölfen eine ganze Menge lernen:

  • Der Alpha-Wolf zeigt uns, wo es langgehen soll. Er übernimmt mutig die Führung und gibt dem gesamten Rudel Orientierung, denn schließlich ist er den anderen an Körperkraft haushoch überlegen. Ist nicht genau das auch unser Bild eines Spitzenmanagers?
  • Der Alpha-Wolf hält straffe Disziplin, tötet aber nicht gleich jeden Jungrüden, der sich ihm in den Weg stellt. Wer sich der Autorität unterwirft und seinem Chef den Hals zum letalen Biss entgegenhält, darf weiterleben.
  • Wölfe sind keineswegs nur Einzelkämpfer, ganz im Gegenteil, denn nur im Rudel ließ sich seinerzeit das Mammut erlegen. Exakt das brauchen wir doch auch im Berufsleben, wenn es darum geht, Geschäftspartner zu bezwingen und fette Kunden auszuweiden.
  • Wölfe kommunizieren nicht nur verbal, sondern vor allem nonverbal. Wer das als Führungskraft erkennt, ist klar im Vorteil, auch wenn es leider keine vernünftigen Regeln zur Interpretation gibt.

Was Kritiker an der Wolfs-Theorie bemängeln

Nörgelige Kritiker mögen so mancherlei einwenden:

  • Wölfe verhalten sich untereinander anders als Menschen. Sie folgen primär biologisch determinierten Verhaltensmustern, die für ihre Spezies sinnvoll sind und nicht auf andere Spezies übertragen werden können. Man würde ja auch Feldhasen nicht empfehlen, im Rudel einen Dobermann zu reißen oder Vögeln raten, häufiger mal zu Fuß zu gehen.
  • Wölfe kommunizieren anders miteinander als Menschen. Da Menschen über eine differenzierte Sprache verfügen, wäre es sträflich, sich auf die Interpretation nonverbaler Informationen zu konzentrieren. Für den Jungwolf ist es hilfreich, sich auf den Rücken zu werfen und dem Alpha-Tier den Hals anzubieten. Für das Büro gibt es erfolgreichere Strategien.
  • Menschen sind – auch wenn es manchmal schwerfällt, das zu glauben – mit einem Neo-Cortex ausgestattet, der es ihnen ermöglicht, komplexer zu denken. Menschen lassen sich daher leider nicht so leicht führen wie Wölfe.
  • Der starke Teamgeist der Wölfe ist der Tatsache geschuldet, dass man nur so gemeinsam überleben kann. Unternehmen leben hingegen davon, dass auch mal jemand ausschert.
  • Weibliche Kreaturen scheinen in der Welt der Wölfe/innen eine etwas andere Rolle zu spielen als in modernen Gesellschaften des Homo Sapiens. Die meisten (weiblichen) Menschen würden wohl auch gerne dabei bleiben.

Kaspar Hauser und Mogli wären die besten Führungskräfte

Aber Sie sollten sich nicht verunsichern lassen. Keiner der Kritiker hat je mit einem Wolfsrudel zusammengelebt und kann sich daher selbstverständlich kein Urteil erlauben. So gesehen wären wahrscheinlich Kaspar Hauser oder Mogli die besten aller denkbaren Führungskräfte.

Also gehen Sie das Wagnis ruhig ein. Ihre Führungskräfte werden begeistert sein, ungefähr so, wie nach dem Urschrei-Seminar auf Bali und dem Schamanen-Coaching im Teutoburger Wald. Freuen Sie sich darauf, wenn sich schon bald die Belegschaft allmonatlich auf dem Parkplatz zusammenrottet und den Vollmond anheult. Nur vor Werwölfen müssen Sie sich dann noch in Acht nehmen ...


Der Kolumnist  Prof. Dr. phil. habil. Uwe P. Kanning ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Seine Schwerpunkte in Forschung und Praxis: Personaldiagnostik, Evaluation, Soziale Kompetenzen und Personalentwicklung.

Schauen Sie auch einmal in den  Youtube-Kanal "15 Minuten Wirtschaftspsychologie" hinein. Dort erläutert Uwe P. Kanning zum Beispiel zusammenfassend, wie Sie gute von schlechten Testverfahren unterscheiden warum Manager scheitern warum die Aussagekraft von graphologischen Gutachten ein Mythos ist oder was Sprachanalysen über die Persönlichkeit aussagen können.

Schlagworte zum Thema:  Führungskräfteentwicklung, Personalarbeit