Wechselnde Einsatzstellen und auf Großbetriebe ausgerichtete Managementtheorien sieht Dachdeckermeister Thomas Briller als die größten Herausforderungen im betrieblichen Gesundheitsmanagement eines Handwerkbetriebs. Der Geschäftsführer schildert, wie sich BGM trotzdem im Kleinbetrieb erfolgreich umsetzen lässt.

Es mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, wenn Dachdecker mit Obst, Wasser und Sonnencreme auf einer Baustelle erscheinen. Doch für die Scholl und Briller GmbH sind gesunde Ernährung und Hautkrebsprophylaxe ein fester Bestandteil ihres betrieblichen Gesundheitsmanagements. Der Handwerksbetrieb mit zwanzig Mitarbeitern wurde für sein vorbildliches Gesundheitsmanagement mit dem Sonderpreis Handwerk beim Corporate Health Award ausgezeichnet.

Kernstück des BGM bei Scholl und Briller ist ein umfassender Maßnahmenplan zu Themen wie Gefährdungsbeurteilung, Stressprophylaxe, gesunder Führung, Suchtbekämpfung, Kommunikation und Ergonomie, der regelmäßig aktualisiert und evaluiert wird. Geschäftsführer Thomas Briller erläutert die Besonderheiten eines BGM in Handwerksbetrieben.  

Haufe Online-Redaktion: Was sind die besonderen Herausforderungen für Handwerksbetriebe, ein betriebliches Gesundheitsmanagement aufzubauen?

Thomas Briller: Im Handwerk überwiegen die Klein- und Kleinstbetriebe, so hat ein durchschnittlicher Handwerksbetrieb weniger als zehn Mitarbeiter. Das führt natürlich zu komplett anderen Strukturen und Voraussetzungen. Unsere Firma hat insgesamt 20 Mitarbeiter. Im Vergleich zu großen Firmen und Konzernen haben wir somit keinen HR-Manager, ganz zu schweigen von einer kompletten Abteilung. Das bedeutet, dass das Gesundheitsmanagement in der Regel von dem Inhaber oder Geschäftsführer, neben allen anderen Aufgaben, initiiert und gesteuert wird. Gleichzeitig sehe ich aber auch große Vorteile gegenüber sehr großen Firmen. Eine Firma in einer Struktur als Familienunternehmen, wie bei uns, sieht in der Regel die Mitarbeiter wie einen Teil der Familie an. Ich kenne alle Familien meiner Mitarbeiter und auch deren Sorgen und Nöte. Als Chef sehe ich es als selbstverständlich an, dass ich mich nicht nur um die Qualität der Arbeit kümmere, sondern auch um die Gesundheit der Mitarbeiter.

Außendienst erschwert BGM-Maßnahmen im Handwerk

Haufe Online-Redaktion: Und rein praktische Probleme? 

Briller: Eine Schwierigkeit im Vergleich mit großen Unternehmen ist im Handwerk die dezentrale Tätigkeit. Meine Mitarbeiter sind nur sehr kurz in der Firma, da wir unser Geld mit Arbeiten auf den Dächern unserer Kunden verdienen. Alle gemeinsamen Aktivitäten im Gesundheitsmanagement müssen also sehr gut geplant sein, da die Mitarbeiter nicht mal eben kurz in einen Seminarraum kommen können.

Haufe Online-Redaktion: Wie haben Sie das geschafft? 

Briller: Wir haben hierfür eine Struktur geschaffen, die es ermöglicht zu bestimmten Zeiten alle Mitarbeiter bei den Aktivitäten beteiligen zu können. Wichtige Entscheidungen zum Gesundheitsmanagement werden in den regelmäßigen Teamsitzungen getroffen. 

Kommunikation mit Mitarbeiter ist Voraussetzung für Erfolg im BGM

Haufe Online-Redaktion: BGM braucht auch Strategie – kann man Handwerker hierfür begeistern?    

Briller: Es ist tatsächlich eine Herausforderung für kleinere Betriebe, die Theorie des Gesundheitsmanagements, welche in der Hauptsache für Großbetriebe entwickelt wurde, in die Praxis eines Dachdeckerbetriebes zu überführen. Hier haben wir einen sehr kompetenten und erfahrenen Partner mit der IKK Classic gefunden. Ein entscheidender Erfolgsfaktor hier war meiner Ansicht nach auch die geglückte Ansprache an die Mitarbeiter: Unser Kooperationspartner der Krankenkasse stellt in den unterschiedlichen Handlungsfeldern Spezialisten zur Verfügung, die einen sehr hohen Erfahrungsschatz im Handwerk haben. Alle Themen wurden praktisch und auch in der Sprache der Handwerker gemeinsam erarbeitet. Dies führt schnell zu großem Vertrauen bei den Mitarbeitern und damit auch zu guten Ergebnissen.

Haufe Online-Redaktion: Statt großer Gesundheitskampagnen, wie es Großunternehmen über Gesundheitsbeauftragte einsteuern, mussten sie ihre Mitarbeiter persönlich einbinden – wie kann man das neben dem Tagesgeschäft schaffen?

Briller: Hier kam uns vielleicht unsere Struktur als kleines Unternehmen zu Gute. Unser Plus sind unter anderem die kurzen Kommunikations- und Entscheidungswege. In unserer Firma beziehen wir die Mitarbeiter in viele Überlegungen mit ein. Das machen wir zum Beispiel bei der Erprobung und Einführung von technischen Neuerungen und so haben wir das auch mit dem Gesundheitsmanagement gemacht. Was wir heute im Büro überlegen, wird morgen früh mit den Mitarbeitern besprochen und entschieden. Dann geht es schon in die Umsetzung. So hatten wir auch die Möglichkeit, alle Entscheidungsprozesse im Gesundheitsmanagement gemeinsam mit allen Mitarbeitern zu steuern. Die Beteiligung der Mitarbeiter an den Prozessen ist bei der Motivation der Mitarbeiter aus meiner Sicht entscheidend. Die Jungs haben hier die Möglichkeit ihren eigenen Arbeitsplatz und die Arbeitsumgebung mitzugestalten.

BGM-Maßnahmen: nah dran am Mitarbeiter 

Haufe Online-Redaktion: Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz in Ihrem BGM sind?

Briller: Vor allem während der Verleihung des Corporate Heath Awards ist mir aufgefallen, dass wir zwar in bestimmten Bereichen größere Herausforderungen in der Umsetzung haben, aber auf der anderen Seite auch große Ressourcen: Wir sind sehr nahe dran am Mitarbeiter.  Diese Ressourcen haben wir genutzt und müssen uns in keinem Fall hinter den großen Konzernen und Betrieben verstecken. Dass wir hier auf einem so guten Stand sind, macht mich schon ein Stück stolz, obwohl ich es eigentlich immer als selbstverständlich angesehen habe, mich in dieser Art um die Gesundheit der Mitarbeiter zu kümmern.

​​​​​​​Haufe Online-Redaktion: Welchen Tipp können Sie anderen Handwerksbetrieben geben, die betriebliches Gesundheitsmanagement in ihrem Unternehmen einführen wollen? 

Briller: Sehr wichtig sind die Einbindung der Mitarbeiter und eine Offenheit der Geschäftsführung. Der Prozess sollte gründlich geplant und strukturiert sein. Fehler zum Start können schnell das Thema Gesundheit im Betrieb verbrennen. Ich würde immer wieder einen professionellen Partner einbinden. Nach meinen Erfahrungen führt ein gutes Gesundheitsmanagement zu positiven Ergebnissen für alle Beteiligten. Meine Mitarbeiter sind fitter und gesünder und haben somit auch mehr Lebensqualität. Im Betrieb konnten wir durch eine stark gesunkene Krankheitsquote profitieren und die beteiligte Krankenkasse hatte geringere Leistungsausgaben.


Das Interview führte Katharina Schmitt. 


Thomas Briller ist Dachdeckermeister und Geschäftsführer der Scholl & Briller Dachdeckermeister GmbH, die mit dem CHA-Sonderpreis Mittelstand ausgezeichnet wurde.