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| Berufsausbilung

Initiative "Vera": Azubis lernen von Senioren

"Senioren nehmen sich Zeit für Azubis und wissen nicht gleich alles besser", erklärt Walter Fischer.
Bild: SES

In der Ausbildungsinitiative "Vera" coachen Senioren Azubis - ehrenamtlich. Sie ist ein Beispiel für eine "Assistierte Ausbildung", die die Arbeitsagentur mit ihrer Initiative "Betriebliche Ausbildung hat Vorfahrt" fördern will. Ein Teamleiter zeigt, wie dies in der Praxis läuft.

Haufe Online Redaktion: Die Initiative "Vera" steht für die "Verhinderung von Abbrüchen und Stärkung von Jugendlichen in der Berufsausbildung". Wie sieht das in der Praxis aus?

Dr. Walter Fischer: Wir stellen Jugendlichen, die Probleme in ihrer Ausbildung haben, einen ehrenamtlichen Helfer, einen sogenannten "Senior Experten", zur Seite. Das Tandem aus Azubi und Begleiter trifft sich außerhalb der Ausbildungszeit – im Schnitt sieben Monate lang. Der Begleiter hört dem Jugendlichen zu um herauszufinden, wo die Probleme herrühren und anschließend eine Lösung zu entwickeln. Der Senior Experte soll allerdings nicht die Probleme des Jugendlichen lösen – vielmehr soll er ihm Hilfe zur Selbsthilfe geben.

Haufe Online Redaktion: Wer wendet sich vorwiegend an "Vera"?

Fischer: In 60 Prozent der Fälle treten die Jugendlichen selbst an uns heran - was uns überrascht hat. Der Rest verteilt sich auf Lehrer und Sozialarbeiter an beruflichen Schulen, die Probleme erkennen und an uns weitergeben. Auch Vertreter aus Unternehmen können uns kontaktieren – doch viele Personaler und Ausbilder kennen unsere Initiative noch nicht.

Haufe Online Redaktion: Mit welchen Problemen kommen denn die Jugendlichen auf Sie zu?

Fischer: Von den Jugendlichen, die sich an uns wenden, spielen nur etwa zehn Prozent mit dem Gedanken, den Ausbildungsplatz zu wechseln. Die überwiegende Mehrheit sind Jugendliche, die mit Fragen zu Prüfungen und Fachunterricht auf uns zukommen. Die tatsächliche Arbeit zeigt dann aber meist, dass es mehr um soziale als um fachliche Probleme geht. Oft trauen sich die Azubis etwa nicht zu fragen, wenn sie in der Schule oder im Betrieb etwas nicht verstanden haben. Es geht aber auch um Lerntechniken oder darum, wie man eine Prüfung angeht.

Haufe Online Redaktion: Zeigt das nicht einen Mangel des Ausbildungssystems in Schule und Betrieben, dass solche grundsätzlichen Dinge nicht geübt werden?

Fischer: Nein, das sehe ich nicht so. Ich denke schon, dass solche Themen  in der Schule besprochen werden. Aber bei 15 bis 20 Schülern in der Klasse kann es immer zwei oder drei geben, bei denen das nicht ankommt. Doch bei uns geht es nicht so sehr um fachliche Nachhilfe. Vielmehr versuchen unsere Senior Experten, die Jugendlichen aufzubauen und ihre Persönlichkeit zu stärken.  

Haufe Online Redaktion: Wie rekrutieren Sie denn diese Senior Experten, und welche Voraussetzungen müssen sie erfüllen?

Fischer: Interessierte Senioren können sich beim Senior Experten Service registrieren lassen. Wenn wir einen Experten konkret für "Vera" suchen, fragen wir an, ob die Senioren Interesse haben mit Jugendlichen zu arbeiten. Wenn das so ist, bereiten wir sie in einem zweitägigen Seminar darauf vor: Wir vermitteln die Besonderheiten der dualen Ausbildung und außerdem Pädagogik, Lerntechniken und Strategien zur Konfliktlösung. Und  wir zeigen die Intention von "Vera" auf: Das Programm soll keine Belehrung sein. Dazu sollten die Senioren dazu bereit sein, den Jugendlichen da abzuholen, wo er ist. Wenn jemand glaubt, dass früher alles besser war und Lehrjahre keine Herrenjahre sind, ist er nicht der richtige Begleiter.

Haufe Online Redaktion: Klappt das denn ohne pädagogische Vorkenntnissen und nur mit einem zweitägigen Crashkurs?

Fischer: Das klappt manchmal besser als mit einem Pädagogen. Die Pädagogik kennen die jungen Leute schon aus der Schule. Unser Konzept ist anders: Wir stellen den Jugendlichen jemanden Fremdes zur Seite, der neutral und lebenserfahren ist, der zuhört und versucht, ihre Persönlichkeit aufzubauen. Die Grundlagen müssen die Senior Experten allerdings kennen, und außerdem veranstalten wir zweimal im Jahr einen Erfahrungsaustausch mit Weiterbildung.

Haufe Online Redaktion: Wie matchen sie Jugendliche und Senioren?

Fischer: Wichtig sind vor allem die räumliche Nähe und die Persönlichkeit. Und dann sollte - wenn möglich - auch die fachliche Qualifizierung stimmen. Manchmal passt das Matching einfach nicht, weil Jugendlicher und Senior Experte nicht auf der gleichen Wellenlänge liegen. Dass das Matching jedoch in den meisten Fällen gelingt, sehen wir daran, dass viele Jugendliche ihre Begleiter zur Lossprechungsfeier, wenn die Gesellenbriefe übergeben werden, einladen. Viele sagen: "Ich weiß nicht, ob ich die Prüfung ohne meinen Begleiter geschafft hätte."

Haufe Online Redaktion: Worin sehen die Jugendlichen den größten Mehrwert des Programms gegenüber Schule und Betrieb?

Fischer: Die stärkste Aussage, die wir in einer Evaluierung bekommen haben, war: "Der Begleiter hat Zeit für mich."  Die Jugendlichen schätzen es, dass die Begleiter erst einmal zuhören und nicht alles gleich besser wissen.

Dr. Walter Fischer ist Teamleiter der Initiative "Vera" beim Senioren Experten Service (SES) in Bonn.

Das Interview führte Andrea Sattler, Redaktion Personal.

Hinweis: Die Titelstrecke der Ausgabe 09/2014 des Personalmagazins befasst sich auch mit dem Thema Ausbildung. Dort erfahren Sie, wie Unternehmen bei Azubis punkten können.

Haufe Online Redaktion

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