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"Nicht nur die erste Garde der Jugendlichen aussuchen"

Paul Ebsen ist Pressesprecher bei der Bundesagentur für Arbeit (BA).
Bild: Paul Ebsen

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat in einer Bilanz zum Ausbildungspakt berichtet, dass Unternehmen und Azubis oft schwer zueinander finden. Die Bundesregierung warnt vor einer "Azubi-Lücke". Wie es dazu kommt und wie Unternehmen sich für Azubis attraktiv machen, erläutert Paul Ebsen von der BA.

Haufe Online Redaktion: Trotz vieler offener Stellen finden viele Jugendliche keine Lehrstelle. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?

Paul Ebsen: Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen regionale Unterschiede: Im Norden gibt es viele Jugendliche, die eine Stelle suchen, aber keine finden, während im Süden Stellen unbesetzt bleiben. Zum anderen sind das berufsfachliche Aspekte: Nahezu die Hälfte aller unbesetzten Stellen finden sich im Verkauf und in der Gastronomie. Die Ausbildungsberufe Koch, Bäcker oder Fleischer etwa sind für die Jugendlichen unattraktiv – das muss man leider so sagen. Dazu tragen die Arbeitszeiten, die niedrige Bezahlung und der Umgang mit den Lebensmitteln bei.

Haufe Online Redaktion: Aber liegt es nur an den Berufen, nicht auch an den Ausbildungsinhalten? In einer Umfrage von Ausbildung.de sagen drei Viertel der Azubis, sie fühlten sich unterfordert.

Ebsen: Das denke ich nicht, denn die Inhalte sind über Jahre bewährt und werden immer wieder angepasst. Vielmehr ist es eine Frage der schulischen Qualifikation: Bei den Bewerbungen hat die Zahl der Abiturienten zugenommen, währen die der Real- und Hauptschüler ungefähr gleich geblieben ist. Subjektiv fühlen sich die Abiturienten daher in manchen Berufen unterfordert, Real- und Hauptschüler aber eher nicht.

Haufe Online Redaktion: Wie versucht die BA, die richtigen Ausbildungspartner zusammenzubringen?

Ebsen: Wir leisten Aufklärungsarbeit in den Betrieben, um mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Den Arbeitgebern muss bewusst werden, dass ihnen durch den demografischen Wandel zunehmend Fachkräfte fehlen. Wer ausbildet, kann sich den Auszubildenden als Fachkraft sichern. Auch bei den Jugendlichen ist die Information das wichtigste Mittel: In den Abschlussklassen der Schulen bieten wir Berufsorientierung, um  die Jugendlichen über die Berufe und die Ausbildung zu informieren. Zudem können sie Online-Medien nutzen wie Berufe.tv oder Berufe.net und mittels Praktika, Boys' oder Girls' Day in die Berufe hineinschnuppern.

Haufe Online Redaktion: Aber dennoch nennen viele Jugendliche in der Studie von Ausbildung.de fehlende Informationen als Grund für den Abbruch der Ausbildung…

Ebsen: Das liegt nicht in erster Linie an der Aufklärung, sondern am Interesse der Jugendlichen: Oft sehen sie nur einen Traumberuf und denken nicht über Alternativen nach. Wenn sie dazu örtlich gebunden sind und es in der Region nur wenige Stellen gibt, werden sie leicht enttäuscht, wenn es mit dem Ausbildungsplatz nicht klappt.

Haufe Online Redaktion: Wie können sich denn Unternehmen als Arbeitgeber der Wahl oder zumindest als gute Alternative darstellen?

Ebsen: Viele Unternehmen locken Jugendliche inzwischen mit Anreizen wie Smartphones oder Tablets. Das ist wenig sinnvoll. Wer sich als Arbeitgeber wirklich attraktiv machen will, muss Jugendlichen nach der Ausbildung eine Perspektive bieten: Ein Jugendlicher mit Abitur, der eine duale Ausbildung beginnt, möchte wissen, was er danach machen kann, vielleicht ein duales Studium absolvieren. Die bessere Qualifikation erhöht jedoch das Risiko, die Fachkraft nach der Ausbildung zu verlieren. Unternehmen sollten deshalb nicht nur die erste Garde der Jugendlichen aussuchen. Denn oft sind es gerade die leistungsschwächeren, die länger im Unternehmen bleiben und treuer sind. Für sie gibt es eine Reihe von Fördermöglichkeiten: Bei Einstiegsqualifizierungen etwa unterstützt die BA das erste Ausbildungsjahr finanziell, sodass dem Betrieb so gut wie keine Aufwände entstehen. In dem Jahr können sich Jugendliche und Arbeitgeber kennenlernen und entscheiden, ob es für beide Seiten passt.

Paul Ebsen ist Pressesprecher bei der Bundesagentur für Arbeit.

Das Interview führte Andrea Kraß, Redaktion Personal.

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