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20.12.2013 | Serie Mobiler Arbeitsplatz

Psychologie: Arbeit im Home-Office kann demotivieren und übermotivieren

Serienelemente
Arbeitspsychologe Johann Weichbrodt hat die Vor- und Nachteile von Home-Office untersucht.
Bild: FHNW

Die Microsoft-Mitarbeiter ließen sich von der neuen Home-Office-Regelung offensichtlich nicht begeistern. Wie sehr das Home-Office die Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeiter beeinflusst, hat Arbeitspsychologe Johann Weichbrodt untersucht. Er klärt über Vor- und Nachteile auf.

Haufe Online-Redaktion: Microsoft hat die Home-Office-Regelung zurückgenommen, da die Mitarbeiter großen Unmut gezeigt haben. Ist das Home-Office tatsächlich ein Motivationskiller?

Dr. Johann Weichbrodt: Beim Fall Microsoft ging es darum, Unternehmensstandorte komplett zu schließen, sodass es für die Mitarbeitenden nur die Alternativen "Umzug in eine andere Stadt" oder "Vollzeit Home-Office" gab. Dass das für Unmut sorgt, ist nachvollziehbar. Vollständige Heimarbeit ohne Arbeitsplatz im Unternehmen ist nur für ganz wenige Beschäftigte attraktiv. Allerdings bevorzugen es viele, einen Teil ihrer Arbeit von zu Hause aus zu erledigen. In unseren Umfragen liegt der Wunschanteil für Home-Office meist bei ein bis zwei Tagen pro Woche.

Haufe Online-Redaktion: Wo liegen die größten Vorteile für die Arbeit im Home-Office?

Weichbrodt: Im Home-Office kann man sich die Arbeit meist besser gemäß den eigenen Bedürfnissen organisieren – zum Beispiel was die Reihenfolge der Aufgaben, Pausen oder Wechsel vom Schreibtisch zum Sofa angeht. Daher, und wegen allgemein höherer Konzentration und Ungestörtheit, wird oft von einer gesteigerten Produktivität berichtet. Die ebenso damit zusammenhängende gesteigerte Autonomie und Flexibilität wird auch von vielen geschätzt, das heißt, die Mitarbeitenden sind zufriedener. Private Angelegenheiten wie der Einkauf oder Arzttermine und Familienangelegenheiten wie das Bringen oder Abholen der Kinder lassen sich einfacher organisieren. Und nicht zuletzt schätzen es auch viele, dass der tägliche Pendelweg wegfällt.

Haufe Online-Redaktion: Welches sind die größten Nachteile der Arbeit im Home-Office?

Weichbrodt: Es bedarf einer gewissen Portion Selbstdisziplin, damit die Arbeit auch wirklich erledigt wird. Allerdings ist die weit größere Gefahr, dass eher zu viel statt zu wenig im Home-Office gearbeitet wird. Denn da ist zum Beispiel niemand, der einen mal zu einer Kaffeepause auffordert oder durch das Zusammenpacken der Unterlagen signalisiert: Jetzt ist Feierabend. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit muss der Mitarbeitende dann selbst ziehen, und für viele folgt daraus eher, dass sie mehr arbeiten als im Büro. Ein anderer Nachteil betrifft den informellen Austausch, der mit zunehmender Heimarbeit mehr und mehr verloren geht. Man bekommt weniger mit, was bei den Kollegen und im Unternehmen so los ist – womit nicht nur private Dinge gemeint sind: Denn oft vermischen sich in den Kaffeepausen private und geschäftliche Themen oder man bekommt zufällig etwas mit, was für die eigene Arbeit wichtig ist. Im Fall von Microsoft, wo für die betroffenen Mitarbeitenden gar kein physischer Arbeitsort im Unternehmen mehr vorgesehen war – oder nur in sehr großer Distanz – verschärft sich dies natürlich extrem. Die emotionale Anbindung an das Unternehmen geht verloren, wenn die Kommunikation derart reduziert wird auf Geschäftliches.

Haufe Online-Redaktion: Ist das Home-Office also generell empfehlenswert oder nicht?

Weichbrodt: Home-Office in Vollzeit, also ohne einen, wenigstens flexiblen Platz im "Desk Sharing", wird selten umgesetzt, vermutlich weil dies eben nicht die sonst üblichen Vorteile mit sich bringt. Dagegen kann der Wechsel zwischen Arbeit im Unternehmen und Arbeit zuhause bei vielen Mitarbeitenden zu mehr Produktivität und mehr Zufriedenheit führen. Allerdings ist auch diese Form der Arbeit nicht für alle geeignet. Manch einer hat womöglich zu Hause nicht genügend Platz oder kann nicht ungestört arbeiten, andere bevorzugen vielleicht einfach eine stärkere Trennung zwischen Arbeit und Privatem. Home-Office sollte daher nicht verordnet werden, sondern als Angebot umgesetzt werden. So kann jede und jeder Mitarbeitende die für ihn oder sie bestmögliche Arbeitsform nutzen.

Dr. Johann Weichbrodt ist Arbeits- und Organisationspsychologe. Er ist als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Nordwestschweiz - Hochschule für Angewandte Psychologie tätig.

Das Interview führte Kristina Enderle da Silva, Redaktion Personal.

Haufe Online Redaktion

Motivation, Zufriedenheit, Psychologie, Homeoffice, Arbeitsplatz, Arbeitsrecht, Lohnsteuerrecht

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