Kapitel 1: Einführung in di... / III. Supranationale Ebene
 

Tz. 101

Auf supranationaler Ebene sind zum einen die Internationalen Standards zu nennen, die seit 1973 das International Accounting Standards Committee (IASC) und seit 2001 dessen Nachfolgeorganisation, das International Accounting Standards Board (IASB) veröffentlicht. Zu anderen geht es um die seit Anfang der siebziger Jahre unternommenen Bemühungen der EWG, später der EG und schließlich der EU um die europäischen Bilanzrechtsangleichung vor allem in Gestalt von Richtlinien und Verordnungen.

1. Internationale Standards

a) Gründe für die Schaffung sowie Pro und Contra internationaler Standards

 

Tz. 102

Mit der Globalisierung und dem Zusammenwachsen der Kapitalmärkte ergibt sich das Bedürfnis nach international standardisierten und vereinheitlichten Rechnungslegungsgrundsätzen. Denn die bislang bestehenden nationalen Unterschiede in Grundverständnis, Funktion und Methode der Rechnungslegung führen zu teilweise erheblichen qualitativen und quantitativen Ausweisdifferenzen. Dies wurde durch den Gang deutscher Unternehmen an den New York Stock Exchange besonders deutlich. So ergibt der Vergleich der Abschlüsse etwa von Daimler-Benz im Jahre 1993 einen Gewinn nach HGB von 615 Mio. DM und einen Verlust nach US-GAAP von 1,839 Mrd. DM.[160] Die dadurch hervorgerufene Verunsicherung der Anleger, das Bedürfnis nach weltweiter Vergleichbarkeit von Abschlüssen und die erhebliche Doppelbelastung der Unternehmen fördern die Bemühungen um internationale Rechnungslegungsstandards.

 

Tz. 103

International einheitliche Rechnungslegung erleichtert den Zugang zu ausländischen Kapitalmärkten. International agierende Konzerne profitieren von einer Standardisierung im Hinblick auf die Konzernabschlüsse, weil im Rahmen der Konzernabschlusserstellung die Aufbereitung und Anpassung der Einzelabschlüsse auf das Rechnungslegungsrecht des Mutterunternehmens entfällt. Grenzüberschreitend agierende Investoren, Analysten, Gläubiger und Ratingagenturen erhalten international vergleichbare Abschlussinformationen. Zugleich wird durch die Anwendung eines weltweit verbreiteten Standards die Globalisierungsfähigkeit erhöht. Die Kosten der Transformation der Daten in ein anderes System entfallen. Für international agierende WP-Gesellschaften kann die Standardisierung die Einsatzfähigkeit ihrer Prüfer erhöhen, während sich auf nationaler Ebene die Überprüfung von Einzelabschlüssen ausländischer Töchter im Rahmen der Konzernabschlussprüfung vereinfacht.[161]

 

Tz. 104

Gegen die internationale Standardisierung wird allgemein eingewandt, sie könne unerwünschte Auswirkungen auf das Entscheidungsverhalten der Unternehmen haben. Befürchtet wird etwa, dass die Umstellung von der Bewertung nach Anschaffungskosten auf die Fair-Value-Bewertung eine auf kurzfristige Gewinnerzielung verengte Sicht zur Folge hat. Da institutionelle Anleger für ihre Analyse primär auf nationale Konkurrenten und landes- bzw. branchenspezifische Entwicklungen schauen, fragt sich, ob eine internationale Standardisierung notwendig ist. Schließlich ist bislang ungeklärt, ob und in welchem Umfang die Adressaten der Rechnungslegung tatsächlich auf die gebotenen Abschlussinformationen zurückgreifen und ob sie in der Lage sind, diese Informationen angemessen zu verarbeiten und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.[162]

 

Tz. 105

Ein besonderes Problem resultiert daraus, dass internationale Standards aus dem Blickwinkel international tätiger, großer und damit kapitalmarktorientierter bzw. börsennotierter Unternehmen konzipierten sind. Allerdings liegt es nahe, dass sie vor allem über die Prüfungspraxis großer WP-Gesellschaften auf mittelgroße und kleine Unternehmen ausstrahlen. Dies führt zu der Frage, ob die regulären internationalen Standards (full standards) für solche Unternehmen (KMU) inhaltlich überhaupt geeignet sind.

[160] Heyd, Internationale Rechnungslegung, Stuttgart 2003, 1.
[161] Alvarez/Kleekämper/Kuhlewind, in: Baetge u. a., IFRS-Ko, Kapitel I Rn. 10.
[162] Winkeljohann, Rechnungslegung nach IFRS, Herne/Berlin 2005, 4 f.; Hennrichs, ZHR 170 (2006), 499.

b) Institutionelle Einbindung, Organisation und Zielsetzung des IASB

 

Tz. 106

Hauptakteur der Internationalen Standardsetzung im Bereich der Rechnungslegung ist das International Accounting Standards Board (IASB ), eine privatrechtliche Einrichtung, die seinerseits getragen wird von der im März 2001 (seinerzeit als IASC Foundation) gegründete IFRS Foundation, einer privatrechtlich verfassten Not-for-profit Corporation nach dem Recht von Delaware. Ihr Leitungsorgan ist das Board of Trustees, das das IASB beaufsichtigt, ferner das IFRIC sowie der Standards Advisory Council (SAC).[163] Weitere Einrichtungen unter dem Dach der IFRS Foundation sind das Monitoring Board, das als Bindeglied zwischen dem Board of Trustees und den öffentlichen Institutionen fungiert, die für die Überwachung der nationalen Standardsetzer zuständig sind.[164] Finanziert wird die IFRS Foundation durch Spenden der Wirtschaft und verschiedener Organisationen, die die Internationalisierung der Rechnungslegung fördern.[165] Als privatrechtliche Einrichtung hat das IASB per se keinerlei hoheitliche oder gar Rechtssetzungsbefugnisse. Ho...

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