Küting/Weber, Handbuch der Rechnungslegung – Einzelabschluss, Kap 8 Factoring-Verhältnisse

A. Klassisches Factoring

 

Rn. 1

Stand: EL 28 – ET: 05/2019

Das klassische Factoring ist ein Instrument der Verkaufsfinanzierung, das ein UN in seiner Funktion als Leistungserbringer bzw. Lieferant von Waren- und Dienstleistungsgeschäften ergreift. Factoring in seiner herkömmlichen Form ist also lieferantenseitig initiiert. Dies kann mit Kenntnis und ggf. Billigung der Abnehmer (Kunden) des UN erfolgen, hierin liegt jedoch kein zwingendes Merkmal von klassischen Factoring-Geschäften.

I. Grundlagen des Factoring

1. Begriff und Struktur des Factoring

 

Rn. 2

Stand: EL 28 – ET: 05/2019

Unter Factoring ist die revolvierende Übertragung von Geldforderungen aus (originären) Waren- und Dienstleistungsgeschäften eines UN (Lieferant) gegen dessen Abnehmer (Kunden) auf ein Kreditinstitut oder ein spezielles Finanzierungsinstitut, den sog. Factor (Zessionar), zu verstehen. Dabei tritt das UN als Factoring- bzw. Anschlusskunde (Zedent) seine Kundenforderungen an den Factor ab, welcher dem Factoring-Kunden als Forderungsverkäufer dafür den vereinbarten Gegenwert zahlt. Die grundlegende Struktur einer (offenen) Factoring-Transaktion ist in nachstehender Übersicht zusammengefasst:

Übersicht: Struktur eines (offenen) Factoring-Geschäfts

 

Rn. 3

Stand: EL 28 – ET: 05/2019

In rechtlicher Hinsicht stellt sich Factoring als Forderungsverkauf durch Abtretung i. S. d. §§ 433, 453 und 398 BGB dar. Factoring-Verhältnissen liegen regelmäßig längerfristige Verträge über die Globalzession einer (abgegrenzten) Gesamtheit von Forderungen des Factoring-Kunden zugrunde. Der Factoring-Kunde kann dabei sämtliche oder lediglich einen bestimmbaren Teil (z. B. die Kundenforderungen der Debitoren A bis K, Forderungen gegen deutsche Kunden) seiner gegenwärtigen und/oder zukünftigen Forderungen abtreten. Ist dann eine einzelne Forderung entstanden, zahlt der Factor dem Factoring-Kunden einen Gegenwert, der sich nach der Forderungshöhe inkl. Umsatzsteuer abzgl. der vereinbarten Gebühren bemisst.

2. Kernfunktionen des Factoring

 

Rn. 4

Stand: EL 28 – ET: 05/2019

Mit einem Factoring der Leistungsforderungen können je nach vertraglicher Ausgestaltung im jeweiligen Einzelfall einzelne oder gar mehrere der folgenden Funktionen durch den Factor übernommen werden:

(1) (Vor-)Finanzierungsfunktion;
(2) Delkrederefunktion;
(3) Dienstleistungsfunktion.
 

Rn. 5

Stand: EL 28 – ET: 05/2019

Aus Sicht des Forderungsverkäufers stellt Factoring in erster Linie ein Finanzierungsinstrument dar, mit dem die Liquiditätssituation des UN verbessert werden soll, indem die Zeitspanne zwischen der Abrechnung von LuL und dem Zufluss von Zahlungsmitteln betreffend diese Rechnungen verkürzt wird. Die Gutschrift der Forderungsbeträge beim Factoring-Kunden abzgl. eines vereinbarten Auszahlungs- bzw. Sicherungseinbehalts (meist zwischen 10 % und 20 % des Forderungsbetrags) sowie der anfallenden Factoring-Gebühren erfolgt dabei unverzüglich nach dem Ankauf der Einzelforderungen durch den Factor. Der Einbehalt dient der Absicherung des Factors aus etwaigen vertraglichen Zahlungsansprüchen gegen den Factoring-Kunden, bspw. aus Zinsnachträgen, Skontoabzügen des Kunden oder Gutschriften aufgrund von Rabattgewährungen oder Mängeleinreden (vgl. Brink (1997), S. 197). Soweit der Sicherungseinbehalt nicht (mehr) benötigt wird, insbesondere weil die Zahlung des Kunden vollständig vereinnahmt wurde oder auch – beim echten Factoring – der Delkrederefall eingetreten ist, wird der zunächst einbehaltene Betrag dem Abrechnungskonto des Factoring-Kunden wieder gutgeschrieben. Durch den Einsatz von Factoring wird das UN somit in die Lage versetzt, seinen eigenen Zahlungsverpflichtungen (schneller) nachzukommen, ggf. seinerseits Skonti in Anspruch zu nehmen oder als Barzahler weitere Preisabschläge bei seinen Lieferanten zu erreichen. Darüber hinaus kann es zu Kosteneinsparungen in Bezug auf die eigene Debitorenbuchhaltung (nebst Mahnwesen und Inkasso), das Einholen von Auskünften sowie die Vornahme von Bonitätsprüfungen führen (vgl. auch Bieg/Kussmaul/Waschbusch (2016), S. 418).

 

Rn. 6

Stand: EL 28 – ET: 05/2019

Mit der Übernahme der Delkrederefunktion übernimmt der Factor das Bonitäts- bzw. Ausfallrisiko für die vom Factoring-Kunden erworbenen Forderungen. Maßgebend für den Eintritt des Delkrederefalls ist die Zahlungsunfähigkeit des Abnehmers, die i. A. vertraglich schon vermutet wird, falls der Abnehmer nicht innerhalb eines bestimmten Zeitraums nach Fälligkeit der Leistungsforderung (bspw. 120 oder 150 Tage) gezahlt hat, ohne seine Zahlungsverpflichtung substanziiert bestritten zu haben. Der Factoring-Kunde haftet mithin nur für die Verität, d. h. den rechtlichen Bestand der übertragenen Forderung, nicht dagegen für deren Einbringlichkeit. Anders als bei einer Kreditversicherung wird beim Factoring i. d. R. keine (prozentuale) Selbstbeteiligung des Factoring-Kunden bei Forderungsausfällen vereinbart. Damit verbunden sind üblicherweise aber bestimmte vertragliche Ankaufsrestriktionen, speziell betreffend die Höhe der ankaufbaren Forderungen gegenüber einzelnen Schuldnern (Abnehmerlimit) sowie das Gesamtvolumen aller ankaufbaren Debitor...

Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Produkt Küting, Handbuch der Rechnungslegung - Einzelabschluss (Schäffer-Poeschel). Sie wollen mehr? Dann testen Sie hier live & unverbindlich Küting, Handbuch der Rechnungslegung - Einzelabschluss (Schäffer-Poeschel) 30 Minuten lang und lesen Sie den gesamten Inhalt.


Meistgelesene beiträge