Küting/Weber, Handbuch der ... / I. Induktion und Deduktion

1. Die Begriffe ›Induktion‹ und ›Deduktion‹

 

Rn. 8

Stand: EL 13 – ET: 12/2011

Die im Schrifttum diskutierten Gewinnungsmethoden für GoB sind v. a. die Induktion und die Deduktion (vgl. Leffson, U. 1987, S. 28 ff.). Hierbei ist wichtig, dass die Begriffe ›Induktion‹ und ›Deduktion‹ bzw. ›Induzieren‹ und ›Deduzieren‹ nicht mit den gleich lautenden Begriffen im streng mathematisch-logischen Sinn, z. B. mit der Deduktion mathematischer Formeln, gleichgesetzt oder verwechselt werden dürfen (vgl. Beisse, H. 1984, S. 3 und 8; a. A. Schneider, D. 1997, S. 108). Die beiden Begriffe werden hier vielmehr verwendet, um die Ermittlung von gesetzl. noch nicht kodifizierten GoB zu charakterisieren. Bei der Induktion wird von den konkreten Bilanzierungsweisen der Praxis und bei der Deduktion von den Zwecken von Bufü und JA auf die GoB geschlossen. Beide Gewinnungsmethoden sind in reiner Form bestenfalls für die Suche nach gesetzl. noch nicht kodifizierten GoB geeignet und lassen sich wie in der folgenden Übersicht dargestellt veranschaulichen.

Übersicht: Induktion und Deduktion als alternative Methoden zur Gewinnung von GoB

 

Rn. 9

Stand: EL 13 – ET: 12/2011

Beide Methoden werden im Schrifttum üblicherweise als sich gegenseitig ausschließende alternative Methoden betrachtet (vgl. HdR-E, Kap 4, Rn. 14; mit Modifizierung Leffson, U. 1987, S. 31).

2. Induktive und deduktive Vorgehensweise

 

Rn. 10

Stand: EL 13 – ET: 12/2011

Als induktiv wird die Methode bezeichnet, bei der von den Ansichten der Kaufleute auf (einen) GoB geschlossen wird. Diese Methode wird vom überwiegenden Teil der Literatur verworfen (vgl. u. a. Döllerer, G. 1959, S. 654; Leffson, U. 1964, S. 10; Spitaler, A. 1959, Sp. 634; relativierend Schneider, D. 1997, S. 108; a. A. Tiefenbacher, E. 1961, S. 1112). Kaufleute sind bei der Gewinnung von GoB keine neutralen Sachverständigen (vgl. Leffson, U. 1987, S. 118); vielmehr könn(t)en sie bei diesem Vorgehen ihre subjektiven Interessen vorrangig berücksichtigen (vgl. Baetge, J./Ballwieser, W. 1977, S. 201). Diese induktive Methode würde erlauben, dass von den Kaufleuten einseitig gesetzte, aber nicht offen gelegte und ggf. nicht mit dem Gesetz in Einklang stehende Zwecke die Bildung von GoB bestimmen. Die Gesamtheit der GoB erhielte auf diese Weise den Charakter der Beliebigkeit. Die ›Geschlossenheit‹ – im obigen Sinn (vgl. HdR-E, Kap 4, Rn. 7) – und die Systematik der GoB gingen verloren. Die induktive Methode ist deshalb zur Gewinnung eines i. d. S. ›geschlossenen‹ GoB-Systems nicht geeignet (vgl. Beisse, H. 1990, S. 502).

 

Rn. 11

Stand: EL 13 – ET: 12/2011

Ausgangspunkt der Diskussion über die Gewinnung von GoB war ein Aufsatz von Schmalenbach (E. 1933), in dem er als Quelle der GoB die Ansichten der ordentlichen und ehrenwerten Kaufleute bezeichnete. Er erachtete nur das als GoB, was man in der Praxis ordentlicher und ehrenwerter Kaufleute für richtig hielt. Indes ist auch diese qualifizierende induktive Methode unzureichend, weil sich ohne objektiven Maßstab kaum klären lässt, welches die Ansichten der ordentlichen und ehrenwerten Kaufleute im Unterschied zu denen anderer Kaufleute sind. Auch die von Schmalenbach empfohlene Filterung der deduktiv gewonnenen fachwissenschaftlichen Bilanzierungspostulate durch die Ansichten der ordentlichen und ehrenwerten Kaufleute ist nicht sinnvoll, denn es kann nicht ausgeschlossen werden, dass durch die von den Kaufleuten herausgefilterten, d. h. nicht akzeptierten, Bilanzierungsweisen die vom Gesetzgeber festgelegten Gewichte von Zweckelementen unzulässig verschoben werden (vgl. HdR-E, Kap 4, Rn. 44).

 

Rn. 12

Stand: EL 13 – ET: 12/2011

Die in der Literatur überwiegend befürwortete Gewinnungsmethode für GoB ist die sog. deduktive Methode. Mit dieser Methode wird versucht, die GoB aus den Zwecken des JA ›herzuleiten‹ bzw. zu ›deduzieren‹ (vgl. Leffson, U. 1987, S. 29 f.). Hierbei lassen sich in der Literatur (vgl. Yoshida, T. 1976; Moxter, A. 1983, S. 300 ff.; Mellwig, W. 1983, S. 1613 ff.; Schneider, D. 1983, S. 158 f.; Beisse, H. 1984, S. 3 f.) zwei Ansätze für die Deduktion von GoB unterscheiden:

(1) die betriebswirts. deduktive Methode und
(2) die handelsrechtl. deduktive Methode.
 

Rn. 13

Stand: EL 13 – ET: 12/2011

Voraussetzung für die betriebswirts. deduktive Methode zur Gewinnung betriebswirts. GoB (vgl. Yoshida, T. 1976, S. 54 ff.) ist ein eindeutiges, widerspruchsfreies und allg. anerkanntes Zwecksystem für Bufü und JA. Ein solches Zwecksystem liegt vor, wenn ausschließlich allg. anerkannte, eindeutige und widerspruchsfreie Zweckelemente in die Deduktionsbasis eingehen. Die betriebswirts. deduktive Methode bietet nur unter dieser Voraussetzung die Gewähr dafür, dass ein betriebswirts. akzeptables GoB-System ermittelt werden kann. Die betriebswirts. akzeptablen Zweckelemente von Bufü und JA sollen sich nach Ansicht des Schrifttums aus der sog. Natur der Sache, d. h. aus der Natur der Bufü und des JA, ergeben (vgl. Leffson, U. 1987, S. 34; Kruse, H. W. 1970, S. 88 ff.).

 

Rn. 14

Stand: EL 13 – ET: 12/2011

Die Voraussetzung für die betriebswirts. Deduktion eines betriebswirts...

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