Bilanzpolitik in der Untern... / 6.3 Sachverhaltsgestaltungen
 

Rz. 35

Ebenfalls zentrale Bedeutung für die Bilanzpolitik in der Unternehmenskrise haben die sachverhaltsgestaltenden Maßnahmen. Mit diesen wird versucht, bilanzielle Reserven (stille Reserven) zu mobilisieren. Weil die Unternehmen unter Druck stehen und weil den agierenden Personen oft die erforderlichen zivil- und bilanzrechtlichen Kenntnisse fehlen, kommt es nicht selten zu fragwürdigen Maßnahmen, die zwar kurzfristig für die Abbildung sinnvoll erscheinen, langfristig aber ggf. ökonomische Probleme noch verstärken. Hierbei ist aber anzumerken, dass auch der Übergang von ökonomisch sinnvollen Bilanzoptimierungen, die ein vernünftig agierender Kaufmann stets zu beachten hat, zu echten sachverhaltsgestaltenden Maßnahmen fließend ist.

 

Rz. 36

Für den erstgenannten Teil ist es sinnvoll, sich am ROI-Schema zu orientieren. Die Kennzahl Return on Investment (ROI) gibt die Investivrendite des Unternehmens oder von Geschäftsbereichen an und stellt so eine typische Globalkennzahl zur Beurteilung der Erfolgslage von gesamten Unternehmen oder Segmenten dar.[1] Insgesamt ergibt sich die in folgender Abbildung wiedergegebene Grundstruktur eines ROI-Systems:[2]

Abb. 1: Grundstruktur eines ROI-Kennzahlensystems

 

Rz. 37

Da Rentabilitäten hochverdichtet über die Erfolgslage berichten, muss für die managementgemäße Anwendung gerade in der Unternehmenskrise eine vertiefte Analyse über die Ergebniszusammensetzung, die Aufwands- und Ertragsstrukturen sowie das Vermögen und Kapital erfolgen, um Abweichungen und Veränderungen auf Ursachen in der wirtschaftlichen Realität zurückführen zu können. Dabei ist die Umsatzrentabilität ein Indikator für die Markt- und Kosteneffizienz des Unternehmens, denn sie bringt zum Ausdruck, wie gut das Unternehmen seine Leistungen im Markt verwerten und wie kostengünstig es sie erstellen konnte. Je höher die Umsatzrentabilität ausfällt, umso mehr Widerstandskraft besitzt das Unternehmen, um Preisrückgänge und Kostensteigerungen abzufangen.[3] Als Erweiterung bieten sich die Aufwands- und Ertragsanalyse an. Die Analysen können im Zeitvergleich oder im Branchenvergleich erfolgen. Letzterer ist deutlich informativer, hat aber das Problem, dass die Qualität und die Aktualität der zur Verfügung stehenden Daten oft nicht sehr hoch ist. Die statistischen Reihen der Bundesbank oder des statistischen Bundesamtes hängen i. d. R. 1 bis 2 Jahre zurück und auch Branchenverbände haben oft kaum aktuellere Daten anzubieten. Da jedoch auch die Adressaten keine aktuelleren Daten haben, müssen diese unter Umständen ungenauen und älteren Daten zugrunde gelegt werden und sind damit auch in der Krisensituation als eine Orientierung sinnvoll. Dabei gilt, dass Abweichungen von den Branchendurchschnittszahlen zunächst intern begründet werden müssen, um diese Informationen auch extern zu kommunizieren. So kann eine abweichende Aufwandsstruktur durch eine geringere Fertigungstiefe als bei der Konkurrenz begründet sein, eine höhere Zinsaufwandsquote mit einer geringen Eigenkapitalausstattung zusammenhängen usw. Bezüglich der Optimierung der realen Gegebenheiten bzw. deren Darstellung wäre ein Angleichen an den Branchendurchschnitt bzw. ein Übertreffen eine geeignete Strategie, um Krisen vorzubeugen bzw. abzuwenden. Konkret können so Unwirtschaftlichkeiten und Ertragspotenziale aufgedeckt werden. Dabei ist zu beachten, dass die Umsatzrentabilität in der obigen undifferenzierten Form höchst problematisch ist.[4] So enthält das Jahresergebnis nach Steuern eine Reihe von Komponenten, die nicht mit dem Umsatz zusammenhängen, wie z. B. Finanzergebnis, unregelmäßiges und außerordentliches Ergebnis, und wird außerdem durch die gewinnabhängigen Steuern verzerrt, sodass die Relation von Jahresergebnis zu Umsatz keine sinnvolle Funktionalität abbildet und mit bereinigten Größen zu rechnen ist.

 

Rz. 38

Ebenso relevant ist in diesem Zusammenhang die Kapitalumschlagshäufigkeit. Diese drückt die Nutzungsintensität des betrieblichen Vermögens aus, die weiter untersucht werden kann, wobei sich insbesondere Umschlagszeiten im Vergleich zu Branchenzahlen als Fehlentwicklungsindikatoren anbieten. Prämisse aus dem Bonitätsanalyseblickwinkel ist, dass je höher die Umschlagshäufigkeit ist, desto höher ist die Flexibilität des Unternehmens. Es spricht zudem für eine gute Logistik etwa in der Lagerhaltung und äußert sich durch einen geringen Kapitalbedarf. Allerdings kann auch diese Kennzahl nicht isoliert gesehen werden, da es betriebswirtschaftlich nur bis zu einem bestimmten Maß sinnvoll ist, die Umschlagshäufigkeit zu erhöhen. So steigt etwa das Risiko von Produktionsausfällen mit einer Verringerung des Lagerbestandes oder sinnvolle Rationalisierungsinvestitionen unterbleiben wegen der dadurch sinkenden Umschlagshäufigkeit. Bei der Ermittlung der Kapitalumschlagshäufigkeit wird das Gesamtkapital (Gesamtvermögen) zum Umsatz in Beziehung gesetzt, was problematisch ist, denn im Gesamtvermögen ist auch das Finanzvermögen enthalten, welches nicht durch den ...

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