Großinsolvenzen: Wie Unternehmen Dominoeffekte vermeiden können
Mehr Großinsolvenzen
Eine Allianz Trade Analyse zeigt, dass es 2025 global betrachtet 475 Fälle von Großinsolvenzen gab. Allein 94 Fälle stammen aus Deutschland. Dabei handelte es sich um Unternehmen mit Umsätzen über 50 Millionen EUR. Branchenbezogen waren besonders häufig der Dienstleistungssektor, Automobil-, Chemie- und Metallbranche sowie das Baugewerbe und der Einzelhandel betroffen.
Dominoeffekt auf Lieferketten
Wenn große Firmen pleitegehen, hat dies große Folgen für die gesamte Wirtschaft. „Das problematische an vielen Großinsolvenzen ist der mögliche Dominoeffekt auf die Lieferketten“, sagt Maxime Lemerle, Leiter der Insolvenzanalyse bei Allianz Trade. „Gerade kleine Unternehmen mit einer starken Abhängigkeit von wenigen großen Abnehmern sind hier gefährdet. Weltweit stieg der Gesamtumsatz der insolventen Großunternehmen – und damit die Schäden bei den Lieferanten – um 12 % auf 208 Mrd. EUR. Die umsatzmäßig größten Insolvenzen gab es dabei USA und China – sie verzeichneten gemeinsam 17 der 20 größten Pleiten.“
Interessant ist jedoch, dass in Deutschland der Gesamtumsatz der 2025 von einer Pleite betroffenen Unternehmen von knapp 18 Mrd. EUR auf etwa 12 Mrd. EUR sank. Bei den Lieferanten gab es also weniger Schäden – obwohl es mehr Großinsolvenzen waren. Könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass Unternehmen aufmerksamer im Bereich des Forderungs- und Risikomanagements agieren?
Nicht von der Pleitewelle mitgerissen werden: Das können Unternehmen tun
Die Tendenzen zeigen zumindest, dass Unternehmen hier sorgfältig und aufmerksam sein sollten. Nicht nur Großinsolvenzen haben zugenommen. Auch generell stiegen allein in Deutschland die Unternehmensinsolvenzen um elf Prozent an. Und auch für 2026 rechnen die Allianz Trade Experten mit steigenden Zahlen.
Was können Unternehmen tun? Angesichts steigender Großinsolvenzen und zunehmender Dominoeffekte in Lieferketten sollten Unternehmen ihr Risikomanagement aktiv nachschärfen. Besonders im Fokus stehen folgende Maßnahmen:
Maßnahme 1: Lieferanten- und Kundenstruktur diversifizieren
Bei steigenden Zahlen im Hinblick auf Großinsolvenzen lohnt sich ein Blick darauf, wie abhängig das eigene Unternehmen von einzelnen Großkunden ist. Diversifikation kann hier ein Hebel zur Risikominimierung darstellen. Auch die Lieferketten sollten regelmäßig geprüft werden.
Maßnahme 2: Bonitätsprüfung systematisch intensivieren
Gerade in wirtschaftlich angespannten Phasen verschlechtert sich die Bonität oft schleichend – wer hier früh reagiert, reduziert Ausfallrisiken deutlich, beispielsweise durch:
- regelmäßige Bonitätsprüfungen
- Frühwarnindikatoren definieren
- Branchenrisiken analysieren
Maßnahme 3: Forderungsmanagement professionalisieren
Je schneller auf Zahlungsverzug reagiert wird, desto höher ist die Realisierungsquote. Deshalb sollten Unternehmen ihr Forderungsmanagement konsequent betreiben:
- llare Zahlungsziele und standardisierte Mahnprozesse
- frühzeitige Kontaktaufnahme bei Überfälligkeiten
- Einsatz professioneller Inkassodienstleister bei Bedarf
- Eigentumsvorbehalte konsequent vereinbaren und dokumentieren
Ein weiterer Ansatz kann darin liegen, die Kreditlimits und Zahlungsbedingungen zu differenzieren. Steigen Risiken bei bestimmten Aufträgen, können beispielsweise die Zahlungsziele verkürzt werden. Und auch Anzahlungen/Vorkasse können in Risikofällen eine Option sein.
Maßnahme 4: Engmaschige Liquiditätsplanung
Gerade im VUCA-Zeitalter ist eine verlässliche Liquiditätsplanung entscheidend und herausfordernd zugleich. Hier lohnt es sich, die Prozesse zu modernisieren, um gezielte Maßnahmen zur Liquiditätssicherung ergreifen zu können, wie:
- Szenarioanalysen,
- Working-Capital-Optimierung und
- dem Aufbau ausreichender Liquiditätsreserven.
Maßnahme 5: Factoring und Kreditversicherung als Risikopuffer nutzen
Eine Warenkreditversicherung oder auch Factoring kann Zahlungsausfälle absichern. Für das Controlling bedeutet das: bessere Planbarkeit, stabilere Cashflows und höhere Finanzierungssicherheit. Allerdings müssen auch Kosten für diese Finanzierungsformen beachtet werden.
Bleiben Zahlungseingänge aus, können auch Inkasso-Services genutzt werden.
Maßnahme 6: Inkasso-Ranking -International bleibt es komplex
Wie oft werden Inkasso-Dienste benötigt – und vor allem: Wo? Die vierte Ausgabe des Inkasso-Rankings von Allianz Trade zeigt: Die weltweite Komplexität beim Eintreiben offener Forderungen bleibt hoch. Mit durchschnittlich 47,2 von 100 Punkten liegt sie nur leicht unter dem Niveau von 2022 (49 Punkte). Bewertet wurden 52 Volkswirtschaften, die rund 90 % des globalen BIP und Handels abdecken.
Erstmals sichert sich Deutschland den Spitzenplatz und gilt damit als Inkasso-Musterschüler – vor den Niederlanden und Portugal. Gründe sind das vergleichsweise gute Zahlungsverhalten, effiziente Gerichtsverfahren sowie funktionierende vorgerichtliche Einigungsprozesse. Für Unternehmen bedeutet das: Im Inland bestehen verlässliche Rahmenbedingungen für das Forderungsmanagement. Sie müssen aber auch genutzt werden.
Etwas anders gestaltet sich die Situation im Ausland. Besonders schwierig ist die Schuldeneintreibung in Saudi-Arabien, Mexiko und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch bei wichtigen Handelspartnern wie China, Slowakei und Indien ist die Inkasso-Komplexität hoch.
Insgesamt sind rund 1,1 Billionen US-Dollar – knapp die Hälfte der weltweiten Handelsforderungen – in Ländern mit sehr hoher oder schwerwiegender Komplexität gebunden. Für exportorientierte Unternehmen heißt das: Internationales Geschäft erfordert erhöhte Selektivität, klare Kreditrichtlinien und ein engmaschiges Monitoring. Inkasso ist damit längst kein operatives Detail mehr, sondern ein strategischer Risikofaktor.
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