Bild: Corbis

Als in den 1970er Jahren in New York die Gewalt und Kriminalität überhandnahm, wurde ein Begriff geprägt, der auch für Compliance-Verantwortliche eine große Bedeutung hat: Zero Tolerance spielt auf die Bedeutung selbst kleinster Abweichungen an, um eine Kultur der Integrität zu prägen.

Deshalb müssen Vorgesetzte immer und überall Vorbilder sein. Eine falsche Bemerkung kann jahrelange Bemühungen zunichte machen.

Zerbrochene Fenster und Integrität – Broken-Windows-Theorie

Das New York der 1970er und 80er Jahre war nicht unbedingt ein Sehnsuchtsort. Kriminalität und Gewalt waren weitverbreitet und prägten in vielen Viertel das Stadtbild. Viele Sozialwissenschaftler und Politiker machten sich darüber Gedanken, wie dem begegnet werden könnte. Dabei hat eine Theorie auch Bedeutung für viele heutige Compliance-Programme. Die „Broken-Windows-Theorie“ besagt, dass bereits einzelne eingeworfene Fensterscheiben, die nicht repariert werden ein fatales Signal aussenden. Nämlich: Es ist uns egal, ob das Fenster kaputt ist oder nicht und es interessiert uns nicht, dies zu verfolgen. Dieses Signal führt bei denjenigen, die gerne Fensterscheiben einwerfen zu der Erkenntnis, dass sie dies ungestraft tun können und werden weitere Scheiben einwerfen, was das Signal verstärkt und durch eine sich selbst verstärkende Spirale von Signalen insgesamt zu einer Kultur und Akzeptanz der Gewalt insgesamt führt. Um diese Spirale gar nicht in erst in Gang zu bringen, müssen bereits kleinste Vergehen, wie z.B. das Einwerfen von Scheiben, verfolgt und geahndet werden. Gegenüber Regelübertretungen – egal ob groß oder klein – darf es also null Toleranz geben.

Null-Toleranz ja oder nein?

Dieser Anspruch der Null-Toleranz steht auch in vielen Compliance-Verlautbarungen. Umgesetzt wird sie aber nicht immer. In vielen Unternehmen kursieren Gerüchte oder Geschichten über Compliance-Verstöße von Top-Verkäufern oder -Managern, deren Fehlverhalten nicht geahndet wurde, weil man z.B. deren Vertriebserfolg nicht gefährden wollte. Oder es gibt einzelne Vorgesetzte, die Compliance-Regeln für sich nicht akzeptieren und dies gegenüber Ihren Mitarbeitern auch äußern. Manchmal wird explizit gesagt, dass Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden. Manchmal wird auch nur augenzwinkernd behauptet, dass nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Beides ist gemäß der Broken-Windows-Theorie gleichermaßen fatal. Nur wenn alle Scheiben unbeschädigt sind, d.h. wenn alle Führungskräfte gleichermaßen hinter Compliance und Integrität stehen, kann Compliance erfolgreich betrieben werden. Der mühsame Vertrauensaufbau durch Compliance-Trainings und -Kommunikation von Jahren kann u.U. durch eine falsche Bemerkung oder Handlung zunichte gemacht werden, wie z.B. durch eine ausbleibende Sanktionierung von Fehlverhalten aufgrund opportunistischer Abwägungen.

Was können Compliance-Verantwortliche tun, um wirkliche Null-Toleranz umzusetzen?

Das Wichtigste, das Compliance-Verantwortliche tun können ist, Erwartungen keinesfalls zu enttäuschen und das was sie ankündigen auch umzusetzen. Im Englischen wird das gerne Walk the Talk genannt. Wenn Erwartungen wie z.B. die Erwartung der Entlassung von bestechenden Verkäufern nicht erfüllt wird, führt das dazu, dass Erwartungen entsprechend angepasst werden und in Zukunft andere Verkäufer wieder öfter auf das Mittel der Bestechung zurückgreifen könnten oder potentielle Hinweisgeber Hinweise zurückhalten, weil sie das Gefühl haben, dass dies ja doch keinen Unterschied machen würde. Das bedeutet, dass Erwartungen im Vorfeld schon realistisch gestaltet werden sollten. Versprechen Sie nur, was Sie auch halten können. Erklären Sie aber auch Ihre Entscheidungen und seien Sie transparent. Möglicherweise konnten ja gar nicht genug Beweise gesammelt werden, um dem Vertriebskollegen Bestechung nachzuweisen. Eine Kündigung hätte entsprechend vor Gericht keinen Bestand gehabt.

Fazit

Das eine ist, sich selbst an das zu halten, was man verspricht. Im Unternehmen sind Sie aber auch immer auf Ihre Kollegen und insbesondere die Führungskräfte angewiesen, um erfolgreiches Compliance-Management zu betreiben. Überzeugen Sie deshalb zunächst die Führungskräfte von der Bedeutung von Compliance. Nutzen Sie dabei das ganze Spektrum von Argumenten. Angefangen bei moralischen Argumenten, dass es das Richtige ist, sich an das Gesetz zu halten. Vernachlässigen Sie aber keinesfalls Nützlichkeitsargumente, nämlich dass es für jeden einzelnen vorteilhaft ist, sich an die Regeln zu halten, da bei Nichtbeachtung Sanktionen drohen oder allgemein integre Unternehmen auch erfolgreichere Unternehmen sind.

Schlagworte zum Thema:  Compliance-Kultur, Compliance-Organisation, Compliance-Beauftragter

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