Fühlen sich ältere Beschäftigte durch digitale Technologie überfordert?
Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sind mehrere Optionen in der Diskussion: die längere Beschäftigung älterer Arbeitnehmer sowie eine zunehmende Digitalisierung und Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) in den Unternehmen. Letztere kann den Personalbedarf teilweise deutlich senken, da viele Tätigkeiten bereits heute allein mit digitalen Lösungen durchgeführt werden könnten – in den öffentlichen Verwaltungen laut einer aktuellen Studie sogar deutlich über 40 % aller Arbeitsprozesse, Tendenz steigend.
Längere Beschäftigung älterer Arbeitnehmer scheitert an Digitalisierung?
Laut einer bislang dominanten Sichtweise würde aber gerade die Verbindung zwischen der Weiterbeschäftigung von Arbeitnehmern über ihr Renteneintrittsalter hinaus und der vermehrten Anwendung von IT und KI daran scheitern, dass ältere Beschäftigte
- mit digitalisierter Arbeit schlechter zurechtkämen als jüngere,
- in diesem Bereich geringere Kompetenzen aufwiesen und
- insbesondere bei Einführung neuer Technologien im Betrieb längere Zeit als jüngere Beschäftigte benötigen, um sich an die veränderten neuen Arbeitsprozesse anzupassen.
Eine Arbeitsintensivierung, z. B. durch Vorgaben für schnelleres Arbeiten, würde diese älteren Beschäftigten daher überfordern. Auch deshalb verspürten die meisten der älteren Beschäftigten kaum Motivation, über ihr Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten. Handelt es sich hierbei aber nur um Vorurteile? Dies hat die „lidA – leben in der Arbeit“-Studie des Lehrstuhls für Arbeitswissenschaft der Bergischen Universität Wuppertal über mehrere Jahre hinweg untersucht und nun erste Ergebnisse präsentiert.
Studiendesign
Im Rahmen der Untersuchung wurden mehrere Kohorten älterer Beschäftigter, die zwischen 1959 und 1965 geboren wurden, über Jahre wiederholt zur Arbeitsintensivierung infolge von digitalen Technologien am eigenen Arbeitsplatz befragt. Die Befragten wurden zufällig und repräsentativ aus Daten der Bundesagentur für Arbeit jeweils zu einem bestimmten Stichtag gezogen und an 220 Orten in Deutschland in ihrer eigenen Wohnung bzw. in der Coronazeit telefonisch interviewt. Dabei waren die beruflichen Hintergründe und Kompetenzen der Befragten sehr unterschiedlich. Spezialisierte und hochqualifizierte „Experten“ waren anteilsmäßig genauso berücksichtigt wie „normale Fachkräfte“ und Hilfskräfte.
Die Erhebungen fanden in den Jahren 2011, 2014, 2018 und 2022/2023 statt. Die Informanten beantworteten dabei vor allem die beiden Statements „Aufgrund der digitalen Technologien am Arbeitsplatz … 1) habe ich mehr Arbeit als früher/…2) muss ich schneller arbeiten als früher“ mit der Punktewertung: 1 = trifft sehr zu, 2 = trifft überwiegend zu, 3 = trifft teilweise zu, 4 = trifft überwiegend nicht zu, 5 = trifft überhaupt nicht zu). Die Mittelwerte wurden jeweils für den dritten (2018) und vierten (2022/2023) Umfragezeitraum berechnet.
Ergebnisse
Der überwiegende Teil älterer Beschäftigter gab in der Befragungswelle 2018 an, sich bei der Nutzung digitaler Arbeitsmittel (eher) sicher und (eher) zufrieden zu fühlen. Wer digitale Arbeitsmittel häufig nutzte, hatte keine schlechtere psychische Gesundheit als Personen, die diese selten nutzten. Die Arbeitsfähigkeit lag sogar höher, ebenso die Motivation, weiter erwerbstätig zu bleiben.
Vier Jahre später (2022) war der Anteil nur geringfügig auf 20,3 % angestiegen. Zu jedem Zeitpunkt erlebte also eine sehr deutliche Mehrheit nur geringe (oder keine) Arbeitsintensivierung. Bei 20,1 % der Befragten hatte sich die Arbeitsintensivierung über die beiden Messzeitpunkte verändert: 9,2 % erlebten 2018 eine hohe Arbeitsintensivierung und vier Jahre später eine niedrige, bei 11,1 % verhielt es sich genau umgekehrt.
Die Studie konnte zeigen, dass diese Effekte unabhängig vom beruflichen Anforderungsniveau auftraten. So konnten die Forscher ausschließen, dass die positiven Effekte des digitalen Arbeitens nur Folge einer höheren beruflichen Position oder Qualifikation waren.
Mehrheitlich nicht überfordert
Die Studie konnte also gängige Vorurteile, dass sich ältere Beschäftigte generell durch digitale Technologien überfordert fühlen, weitgehend entkräften. Die am Projekt beteiligten Forscher geben hierbei mit Hinweis auf ältere Studien zu bedenken, dass die Effekte der digitalen Alterskluft in der Computernutzung in den 1990er-Jahren ihren Höhepunkt hatten.
Seitdem glichen sich die Altersgruppen wieder aneinander an und ein zum Beispiel 1965 geborener Arbeitnehmer könnte aufgrund seiner langjährigen Sozialisation mit digitalen Technologien seit den 1980er-Jahren möglicherweise weniger Probleme haben als ein junger Beschäftigter, der sich zum Beginn seiner Berufskarriere sofort mit allen bereits vorhandenen digitalen Arbeitsmitteln konfrontiert sieht. Außerdem würden die bisherigen Vorurteile die Frage ausblenden, über welche konkreten digitalen Kompetenzen Personen aus den jeweiligen Altersgruppen verfügen und inwiefern diese jeweils relevant für den Arbeitsplatz sind – oder im Gegenteil sogar hinderlich.
Arbeitsintensivierung problematisch
Dennoch fand die Studie auch heraus, dass Arbeitsintensivierung, d. h. dass mehr und schnelleres Arbeiten verlangt wurde, infolge des Einsatzes von digitalen Technologien am Arbeitsplatz von der Mehrheit der Befragten als Problem betrachtet wurde. Mentale Gesundheit und Arbeitsfähigkeit wurden unter diesen Umständen nicht mehr als optimal bewertet, oft sogar als Belastung.
Vor allem zwei Faktoren machten die Arbeitsintensivierung für die älteren Beschäftigten besonders belastend:
- die erhöhten Lernanforderungen und
- die erweiterte arbeitsbezogene Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeiten.
Die Studienmacher schließen aus ihrer Untersuchung: Zwar gehöre der Generalverdacht, dass ältere Erwerbstätige stärker als jüngere digitalisiertes Arbeiten als problematisch erleben, auf den Prüfstand. Trotzdem sei es relevant für die Prävention, mögliche ungünstige Ausprägungen digitalisierten Arbeitens bei der wachsenden Gruppe der Älteren im Blick zu behalten.
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