Pflege, Beruf und Familie: Die Belastung pflegender Angehöriger
Haufe Online Redaktion: Herr Meyer-Holz, welche spezifischen Herausforderungen erleben pflegende Angehörige, die gleichzeitig berufstätig sind, in ihrem Arbeitsalltag?
Clemens Meyer-Holz: Viele Beschäftigte geraten in eine Pflegesituation, ohne darauf vorbereitet zu sein. Manchmal passiert das sehr plötzlich - etwa nach einem Sturz oder einem Krankenhausaufenthalt eines Angehörigen. Dann klingelt das Telefon und innerhalb kürzester Zeit müssen Entscheidungen über Pflege, Organisation und Unterstützung getroffen werden. In anderen Fällen entsteht Pflege schleichend, etwa wenn eine demenzielle Erkrankung oder zunehmende körperliche Einschränkungen über Monate oder Jahre mehr Unterstützung im Alltag erforderlich machen.
In beiden Fällen stehen Beschäftigte vor der Herausforderung, komplexe Pflegefragen zu klären - von Pflegegradanträgen über Hilfsmittel bis zur Organisation der täglichen Versorgung - während ihr beruflicher Alltag gleichzeitig weiterläuft. Studien zeigen, dass pflegende Angehörige im Durchschnitt 49 Stunden pro Woche für häusliche Pflege aufwenden, häufig parallel zu einer Vollzeitstelle. Gleichzeitig fehlt vielen Menschen das notwendige Wissen: In einer Untersuchung unter Nutzern unserer Plattform Pflege ABC gaben 73 % an, kein ausreichendes Pflegewissen zu haben, 81 % kannten wichtige Entlastungsangebote nicht. Das führt zu Unsicherheit, Stress und Überforderung im (Berufs-)Alltag.
Haufe Online Redaktion: Warum wird die Belastung pflegender Angehöriger in vielen Unternehmen häufig unterschätzt?
Clemens Meyer-Holz: Pflege ist im betrieblichen Kontext leider häufig noch unsichtbar. Während beispielsweise Kinderbetreuung ein Thema ist, über das offen gesprochen wird, empfinden viele Beschäftigte Pflege als sehr privat oder sogar als tabu. Hinzu kommt, dass Pflegesituationen häufig schleichend entstehen. Es gibt keinen klaren Startpunkt wie bei der Elternzeit. Viele Mitarbeitende versuchen zunächst, alles alleine zu stemmen und sprechen erst darüber, wenn die Belastung bereits sehr hoch ist. Dadurch bleibt das Thema in Unternehmen lange unter dem Radar.
Haufe Online Redaktion: Wie wirken sich diese Belastungen langfristig auf Unternehmen aus, beispielsweise auf die Arbeitsleistung und die Unternehmenskultur?
Clemens Meyer-Holz: Wenn Beschäftigte dauerhaft zwischen Beruf und Pflege aufgerieben werden, wirkt sich das zwangsläufig auf ihre Leistungsfähigkeit aus. Konzentration, Energie und mentale Ressourcen sind begrenzt. Studien zeigen, dass viele Betroffene ihre Arbeitszeit reduzieren oder sogar ganz aus dem Beruf aussteigen müssen. Gleichzeitig entsteht ein organisationales Risiko: Unternehmen verlieren erfahrene Fachkräfte, während die Belastung in den Teams steigt. Ein unzureichend adressiertes Thema Pflege kann zudem dazu führen, dass Maßnahmen des Arbeitsschutzes nicht ausreichend auf die besonderen Belastungen pflegender Angehöriger eingehen. Dies könnte langfristig zu einer höheren Fehlzeitenquote und einem Anstieg der Krankheitsfälle führen. Umgekehrt beobachten wir, dass Unternehmen mit einer pflegesensiblen Unternehmenskultur deutlich stärker von Loyalität und Mitarbeiterbindung profitieren. Pflege ist deshalb nicht nur ein soziales Thema, sondern auch ein strategisches HR- und BGM-Thema.
Haufe Online Redaktion: Gibt es messbare Effekte, wie beispielsweise eine erhöhte Fehlzeitenquote oder sinkende Produktivität, die auf die Belastung pflegender Angehöriger zurückzuführen sind?
Clemens Meyer-Holz: Ja, die Effekte sind durchaus messbar. In Deutschland leisten pflegende Angehörige jede Woche über 100 Millionen Stunden Pflegearbeit zusätzlich zum Beruf. Gleichzeitig zeigen Studien, dass 25 % der Betroffenen ihre Arbeitszeit reduzieren und 16 % ihren Job aufgrund der Pflege ganz aufgeben müssen. Für Unternehmen bedeutet das Produktivitäts- und Wissensverluste, höhere Fehlzeiten und einen erhöhten Druck auf Teams und Führungskräfte. Gleichzeitig wünschen sich über die Hälfte der pflegenden Beschäftigten mehr Unterstützung durch ihren Arbeitgeber.
Haufe Online Redaktion: Können Sie auch Best-Practice-Beispiele nennen, bei denen Unternehmen pflegende Angehörige gezielt unterstützt haben?
Clemens Meyer-Holz: Ein wirksamer Ansatz ist, Pflege systematisch in das betriebliche Gesundheitsmanagement zu integrieren.
In der Praxis kann das zum Beispiel bedeuten:
- Transparente Informationsangebote zu gesetzlichen Ansprüchen wie Pflegezeit oder Familienpflegezeit in digitaler und analoger Form
- Webinare oder Vorträge für Mitarbeitende zum Einstieg in das Thema Pflege
- Zentrale Anlaufstellen im Unternehmen, etwa über HR, BGM oder betriebliche Pflegeberater, die entsprechend geschult sind
Ergänzend können Unternehmen mit externen Angeboten zusammenarbeiten. Digitale Plattformen wie das Pflege ABC bieten beispielsweise verständliche Online-Kurse, Tools und Orientierung entlang der gesamten Pflege-Journey - und das kostenlos für gesetzlich Versicherte und damit ohne finanziellen Aufwand für den Arbeitgeber. Ein Vorteil solcher Lösungen ist, dass Mitarbeitende sich mit einer privaten E-Mail-Adresse anmelden können. Dadurch bleibt der Datenschutz gewahrt - Unternehmen erhalten keine sensiblen Informationen über individuelle Pflegesituationen. Gleichzeitig haben Betroffene jederzeit Zugang zu dieser Unterstützung, also auch abends oder am Wochenende. Auch werden diese Inhalte häufig mehrsprachig angeboten, sodass Betroffene diese sensiblen Inhalte in ihrer Muttersprache konsumieren können.
Entscheidend ist, dass Unterstützung niedrigschwellig, vertraulich und frühzeitig verfügbar ist - bevor Überforderung entsteht.
Haufe Online Redaktion: Welche Vorteile haben Unternehmen, wenn sie das Thema Pflege aktiv in ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement integrieren?
Clemens Meyer-Holz: Unternehmen profitieren gleich auf mehreren Ebenen davon, Pflege als Bestandteil ihres betrieblichen Gesundheitsmanagements mitzudenken. Zum einen geht es um ganz konkrete wirtschaftliche Effekte: Wenn Mitarbeitende frühzeitig Unterstützung erhalten, lassen sich Überlastung, Fehlzeiten oder auch ungeplante Arbeitszeitreduzierungen häufig vermeiden.
Zum anderen ist Pflege ein stark wachsendes gesellschaftliches Thema. Bereits heute werden rund zwei Drittel aller Pflegebedürftigen zu Hause ausschließlich von Angehörigen versorgt, und durch den demografischen Wandel wird die Zahl der Betroffenen weiter steigen. Für Unternehmen wird es deshalb zunehmend wichtig, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Mitarbeitenden in solchen Lebenssituationen Unterstützung bieten.
Unternehmen, die hier aktiv werden, stärken nicht nur die Gesundheit ihrer Beschäftigten, sondern auch die Mitarbeiterbindung, Arbeitgeberattraktivität und Führungskultur. Pflegefreundliche Strukturen signalisieren: Wir sehen die Realität unserer Mitarbeitenden und unterstützen sie auch in schwierigen Lebensphasen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels kann das ein entscheidender Faktor sein.
Haufe Online Redaktion: Herr Meyer-Holz, vielen Dank für das Gespräch und die wertvollen Einblicke in ein Thema.
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