Nachhaltig im Wandel

Knipex: Nachhaltig von Wuppertal bis ins All


Nachhaltig im Wandel: Knipex

60.000 Zangen gehen von Knipex Tag für Tag in alle Welt. Dazu braucht das Unternehmen enorme Mengen an Energie und Stahl. Wie es dem Familienunternehmen trotzdem gelingt, nachhaltiger zu wirtschaften und hochgesteckte Klimaziele zu erfüllen? Mit System!

Knipex fertigt Zangen und handgeführte Werkzeuge für professionelle Anwender, und das seit über 140 Jahren und ausnahmslos am Standort Wuppertal. Das in vierter Generation geführte Familienunternehmen beschäftigt rund 1.700 Mitarbeitende und produziert im Stadtteil Cronenberg täglich mehr als 60.000 Zangen. Knipex ist in seinem Segment Marktführer. Das Unternehmen exportiert in über 100 Länder. Die Produkte werden sogar im All genutzt: Auf einem Foto von der Internationalen Raumstation (ISS) sind Alexander Gerst und seine Mit-Astronauten zu sehen – am Bildrand schwebt eine Zange aus Wuppertal.

Kurzum: Knipex ist eines dieser Vorzeigeunternehmen, das alle meinen, wenn vom deutschen Mittelstand die Rede ist. Dazu zählt auch, dass Nachhaltigkeit kein Zwang und keine lästige Pflicht oder eine Frage von EU-Richtlinien ist, sondern dass Knipex immer schon nachhaltig wirtschaftet, weil es der Zukunftssicherung dient. Das spiegelt sich auch im Selbstverständnis der Nachhaltigkeitsbeauftragten Barbara Meimeth wider, wenn sie sagt: „Ich bin Ingenieurin und denke in Systemen.“

Meimeth, Barbara

Genau so ist Nachhaltigkeit bei Knipex organisiert: nicht als Projekt, nicht als Abteilung, sondern als dauerhafte Managementaufgabe. „Alles, was wir machen, machen wir nach dem klassischen Plan-Do-Check-Act-System: Wir planen, setzen um, überprüfen und optimieren. Ich bin ein ganz großer Freund von Kennzahlen, nicht weil ich irgendwelche KPIs haben möchte. Sondern weil sie mir zeigen, ob eine Maßnahme funktioniert und ob wir uns verbessern.“

Dieses systematische Vorgehen zahlt sich aus, zum Beispiel mit Blick auf die Regulatorik. Weil Knipex schon seit 2014 ein Energiemanagementsystem nach DIN ISO 50001 anwendet und soziale Verantwortung seit Jahrzehnten Teil der Unternehmensstrategie ist, muss hier niemand in Aktionismus ausbrechen, wenn neue Vorgaben kommen. Das Unternehmen agierte schon nachhaltig, bevor Berichtspflichten wie die CSRD auftauchten. Seit Anfang 2025 weist Knipex im Product Carbon Footprint sogar die Klimawirkung jeder einzelnen Zange aus. Entsprechend gelassen reagiert Barbara Meimeth auf die Frage, wie man im Hause auf die EU-Regulatorik reagiert: „Ich frage immer: Was genau wird von wem verlangt? Wie soll das kontrolliert werden? Und ist es für Knipex relevant?“

Fünf Patentanmeldungen sind Pflicht

Das Unternehmen hat eine extrem hohe Fertigungstiefe: Rund 98 Prozent der Wertschöpfung – angefangen bei der Entwicklung über den Bau der Anlage, die Schmiede, Wärmebehandlung und Beschichtung bis hin zur Verpackung – erfolgen im eigenen Werk. Die Zangen sind für einen jahrzehntelangen Einsatz ausgelegt, und wenn mal etwas kaputtgeht, dann sind Ersatzteile verfügbar und Reparaturen ausdrücklich vorgesehen. Zugleich entwickelt Knipex seine Zangen immer weiter, das erklärte Ziel sind fünf Patentanmeldungen pro Jahr; insgesamt bietet das Unternehmen heute rund 900 Zangenvarianten.

Knipex Zangenfertigung

Der Knackpunkt für die Nachhaltigkeitsbilanz liegt in der Produktion: Sie ist enorm energie- und ressourcenintensiv; das Unternehmen verbraucht so viel Energie wie ein Stadtteil mit 22.000 Einwohnern. Photovoltaik auf den werkeigenen Dächern deckt nur einen Bruchteil ab. „Unsere PV-Anlagen reichen gerade einmal aus, um die E-Fahrzeuge der Mitarbeitenden zu laden“, erklärt Barbara Meimeth. „Das zeigt, wie energieintensiv industrielle Fertigung wirklich ist.“

Dementsprechend liegt das Augenmerk auf der Effizienz von Heizung, Beleuchtung und Druckluft, auf Wärmerückgewinnung, energiesparende Technologien und intelligente Mess- und Regeltechnik. Die Abwärme der Glüherei wird beispielsweise in die Heizanlage eingespeist. Insgesamt gewinne Knipex über zehn Prozent seiner insgesamt eingesetzten Energie wieder zurück, heißt es auf der Website. Eigens ernannte Energiepaten haben die eingesetzten Energien – Gas, Strom, Öl und Kraftstoffe – immer im Blick und versuchen, Verbräuche weiter zu reduzieren.  

Nicht simpel: Die Umstellung auf Grünstahl

Seit 2022 bezieht das Unternehmen ausschließlich Grünstrom, seit 2023 kommt in der Fertigung zu 100 Prozent Biogas zum Einsatz. Scope-1- und Scope-2-Emissionen sind damit bilanziell nahezu klimaneutral. Seit 2020 reduzierte das Unternehmen seine Treibhausgasemissionen um über ein Drittel. Ziel ist eine Halbierung bis 2030 (gegenüber den Werten von 2020), bis spätestens 20245 will Knipex klimaneutral sein. Dabei herrscht die klare Devise: „Kompensation kommt für uns erst dann infrage, wenn Vermeidung, Reduktion oder Substitution nicht mehr möglich sind“, so Barbara Meimeth.

Stahl kann im Rahmen der thermodynamischen Gesetze unbegrenzt recycelt werden, ohne Verlust.

Und damit sind wir bei Scope 3 und somit einer mächtigen Herausforderung: Stahl. Stahl ist der zentrale Werkstoff für Knipex und zugleich der größte Emissionstreiber. Rund 98 Prozent der Treibhausgasemissionen entfallen auf Scope 3, und dort vor allem auf die vorgelagerte Stahlerzeugung. Das ist zu viel, befand die Unternehmensleitung, und beschloss im Jahr 2023, in Zukunft Grünstahl zu verwenden. Schrottbasierte Elektrostahlverfahren verursachen je nach Energieeinsatz 65 bis 80 Prozent weniger CO₂e pro Kilogramm Stahl als die klassische Hochofenroute. Eine Umstellung liegt also nahe, ist aber in der Praxis gar nicht so einfach, denn die CO₂e-Bilanz allein ist kein Kriterium, die Stähle müssen bestimmte Herausforderungen erfüllen: „Wir konnten nicht einfach umstellen, sondern mussten für jede einzelne Stahlsorte prüfen, ob sie unsere Qualitätsanforderungen in der Großserie erfüllt“, erzählt Barbara Meimeth.

Bei Knipex wurde getestet, analysiert und diskutiert, mit Lieferanten gesprochen und wieder getestet. Und tatsächlich: 2025 stellte das Unternehmen den kompletten Stahlbezug auf emissionsärmere Herstellrouten um und etablierte zugleich geschlossene Materialkreisläufe, in denen der anfallende Stanzgrat-Schrott direkt ins nahe E-Stahlwerk geht und dort mit grünem Strom zu neuem Zangenstahl verarbeitet wird. Das Gute daran: „Stahl kann im Rahmen der thermodynamischen Gesetze unbegrenzt recycelt werden, ohne Verlust“, so die Nachhaltigkeits-Chefin.

Tun, was sinnvoll ist

Die Kombination aus grünem Strom/Biogas, grünem Stahl und Kreislaufwirtschaft ist ein riesiger Hebel und macht Knipex zum Nachhaltigkeits-Vorzeigeunternehmen im produzierenden Mittelstand. Dafür – und für sehr viele weitere Aktivitäten, nachzulesen im Nachhaltigkeitsbericht 2025 – gab es bereits gleich zweimal den Deutschen Nachhaltigkeitspreis, die Auszeichnung Ecovadis in Platin oder den Wuppertaler Wirtschaftspreis. Daraus macht man bei Knipex aber kein großes Aufheben. „Dadurch, dass wir das hier so machen, ist es für uns alles total selbstverständlich. Wir machen es halt, weil wir es für sinnvoll halten. Da ist es dann schon schön, wenn man feststellt: Wow, wir sind hier echt mit hohem Tempo unterwegs.“
Was Knipex auszeichnet, ist die Konsequenz, mit der das Unternehmen Nachhaltigkeit betreibt. Der frühe Aufbau von Managementsystemen, die klare Priorisierung wirksamer Hebel und der nüchterne Blick auf industrielle Realitäten sorgen dafür, dass Nachhaltigkeit hier im Alltag funktioniert.

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