WING-Projekt: Digitale Transformation und Mitbestimmung

Das Projekt "Wing" (Wissensarbeit in Unternehmen der Zukunft) hat in den vergangenen fünf Jahren in betrieblichen Praxislaboratorien getestet, wie Veränderungen agil, beteiligungsorientiert und sozialpartnerschaftlich angegangen werden können. Die Ergebnisse wurden nun auf der Abschlusskonferenz "Wir gestalten Zukunft" in Berlin vorgestellt.

„Wie können wir gemeinsam mit den Menschen die digitale Transformation gestalten?“ – Mit dieser Frage hat sich das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Projekt "Wing" fünf Jahre lang beschäftigt. Dass die Antwort auf diese Frage nicht allein in den Führungsetagen der betroffenen Firmen gefunden werden sollte, machte schon die Redner- und Teilnehmerliste von „Wir gestalten Zukunft“ deutlich. Die Konferenz markierte den Abschluss des Wing-Projekts und fand am 18. Januar in der Hauptstadtrepräsentanz der Robert Bosch GmbH in Berlin statt. Neben Gerhard Steiger, Vorstandsvorsitzender von Bosch Chassis Systems Control und Klaus Rüffler, Geschäftsführer Personal bei der DB Systel GmbH, standen mit Andreas Boes, Professor am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V -  ISF München, IG Metall- Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban, Staatssekretär Björn Böhning und einigen weiteren Rednern auch Vertreter aus Forschung, Gewerkschaft und Politik auf der Bühne.

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Die unterschiedlichen Interessensvertreter waren sich in den Diskussionsrunden dennoch oft erstaunlich einig. Das mag am Projekt "Wing" liegen, das von Anfang an auf eine Kooperation verschiedener Partner aus den genannten Bereichen setzte und von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des ISF geleitet wurde. Oder am Projektthema selbst: Die Herausforderungen eines sich stark verändernden Arbeitsmarktes, so lautete das einstimmige Credo, könnten nur gemeinsam erfolgreich angegangen werden - und das nicht in von den Unternehmen neu gegründeten Start-ups, sondern in den Organisationen selbst.

Betriebliche Praxislaboratorien als Hilfsmittel

„Wir brauchten ein Gestaltungsprojekt, das es den Unternehmen möglich macht, nicht auf der grünen Wiese irgendeinen Hokuspokus zu machen, sondern industrielle Kerne, die über Jahrzehnte gewachsen sind, in einen Umbruchprozess zu bringen“, beschrieb Projektleiter Andreas Boes das Wing-Projekt. Das Herzstück des Projekts sind deshalb die Betrieblichen Praxislaboratorien, die gemeinsam mit der Robert Bosch GmbH entwickelt wurden. Das besondere an den Praxislaboratorien: In ihnen sollten die Teilnehmenden nicht nur agil, sondern auch beteiligungsorientiert und sozialpartnerschaftlich zusammen Lösungen rund um den Umbruchprozess erarbeiten. Wie so eine Zusammenarbeit innerhalb eines Unternehmensbereichs konkret aussehen kann, stellten unter anderem Vertreter der Robert Bosch GmbH, der Fiducia & GAD IT AG und der DB Systel GmbH vor. Die Anwendungsbeispiele reichten von der Einführung neuer digitaler Tools über neue Formen der Arbeitsorganisation bis hin zur Entwicklung neuer Führungskonzepte. Neben diesen prominenten Projektteilnehmern haben mehr als 600 Unternehmen die Betrieblichen Praxislaboratorien getestet.

Politik möchte Zukunftsbilder entwerfen

Das Wing-Projekt entstand im Rahmen der Initiative Neue Qualität der Arbeit des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Staatssekretär Björn Böhning erinnerte in seiner Keynote an das Weißbuch Arbeit 4.0 und die Anfänge der Lern- und Experimentierräume, für die sich die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles stark gemacht hatte. „Das war auch ein Versuch des Arbeitsministeriums, sich diesem Thema zu nähern“, sagte Böhning. Mittlerweile habe die Regierung mit dem Qualifizierungschancengesetz und der Brückenteilzeit konkrete Gesetze geschaffen. „Mit dem Weißbuch 4.0 ist die Diskussion um die Zukunft der Arbeit noch lange nicht beendet“, so Böhning, die neu geschaffene Denkfabrik Digitale Arbeitswelt solle dabei helfen, Bilder einer plausiblen Zukunft zu entwerfen.

Unsicherheit in den Unternehmen

Dass viele Zukunftsbilder in den Unternehmen aktuell nicht positiv sind, verdeutlichten die Forschungsergebnisse, die aus dem Wing-Projekt hervorgegangen sind. „Viele fühlen sich als Getriebene, als Spielball einer technischen Entwicklung, die ihnen Angst macht und der sie mehr oder minder ausgeliefert sind, und die sie kaum beeinflussen können“, sagte Tobias Kämpf vom ISF München, der gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Interviews in den beteiligten Firmen führte.  Ein zentrales Thema für die Personalpolitik sei deshalb die Weiterqualifizierung der Mitarbeiter, auch die Themen agiles Arbeiten, Arbeitsplatz der Zukunft und Führung müssten von den Unternehmen, gemeinsam mit ihrer Belegschaft, bearbeitet werden. „Abgesehen von den absoluten Vorreiter-Unternehmen stellen wir dringenden Handlungsbedarf fest – zugespitzt gilt, dass die Neueinstellung in der Breite der Wirtschaft zu scheitern droht.“ Die Praxislaboratorien seien ein Lösungskonzept für dieses Problem.

Selbstbestimmung durch Mitbestimmung verläuft nicht reibungslos

Dieser Überzeugung waren auch die anderen Konferenzteilnehmer. Unter das Lob und die Begeisterung mischten sich auch kritische Zwischentöne. Klaus Rüffler, Geschäftsführer Personal bei der DB Systel GmbH, machte deutlich, wie schwierig es ist, ein ganzes Unternehmen in den Transformationsprozess zu schicken. „Wir befinden uns gerade auf einem nicht ganz einfachen Weg. Jetzt kommen wir an den Kern der Organisation, der nicht mehr von allein nach vorne läuft.“ Zwischen den beiden nun existierenden Unternehmenswelten zu führen, das sei schwierig. „Wir müssen bei dieser Transformation aufpassen, dass wir keine Spaltung in der Belegschaft bekommen, in diejenigen, die davon profitieren und diejenigen, die abgehängt werden“, sagte Ralf Mattes, Referent des Gesamtbetriebsrat der Audi AG. Sowohl für Betriebsräte aber auch für ein modernes Personalmanagement sei es deshalb wichtig, einen internen Arbeitsmarkt zu schaffen, so dass Arbeitnehmer, deren Arbeit durch die Transformation wegfallen könnte, eine Chance auf Weiterqualifizierung und Weiterbeschäftigung im Unternehmen haben.

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IG Metall Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban warnte vor einer gesellschaftlichen Spaltung. „Das Potential der Digitalisierung ist auch die Vernichtung von Arbeitsplätzen, die Entwertung von Erfahrungswissen, die stärkere Überwachung der Beschäftigten und Arbeitsformen, in denen die Gesundheit schneller verschlissen wird als bisher. Von Fragen der Datensicherheit und des Datenschutzes gar nicht zu reden.“ Auch die Perspektive der Digitalisierungsverlierer sollte eingenommen werden. „Wir müssen nicht nur über neue Formen der Arbeitsmethoden und ein neues Mindset, sondern auch über neue Formen der Organisation von Sicherheit und Schutz nachdenken.“ Sonst wäre die Gewerkschaft gezwungen, Prozesse zu blockieren.

Forderung nach Mitbestimmung

Projektleiter Andreas Boes forderte deshalb ein „ehrliches Angebot“. „Die Idee der Lern- und Experimentierräume ist eine geniale Idee.“ Die Idee dürfe aber nicht mit dem Glauben angegangen werden, kurzfristig Gewinne damit zu machen.  „Es geht darum, dass wir ein überzeugendes Konzept des Bewältigens dieses Umbruchs vorlegen. Das muss so sein, dass die Menschen die zentrale Instanz sind, diesen Prozess aktiv zu gestalten. Das muss glaubwürdig und authentisch sein. Und es muss die Möglichkeit der Revision und die Möglichkeit des Eingreifens haben.“


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