16.09.2016 | Vision Forum 2016

Ein Ort der Inspiration

Thomas Sattelberger: "Das Konzept der Industrie 4.0 ist das deutsche Kastrat der Digitalisierung."
Bild: Haufe Online Redaktion

Das Leitbild der Industrie 4.0 führt nicht in die Zukunft - das kann nur eine emotionale Vision, die Sinn stiftet. Das ist die Botschaft des ersten Kongresses der ZAAG. Vom "Vision Forum 2016" berichtet Personalmagazin-Herausgeber Reiner Straub.

Als die Zukunftsallianz für Arbeit und Gesellschaft (ZAAG) vor zwei Jahren gegründet wurde, wurden große Erwartungen erweckt. Die berufsständischen Vereinigungen HR Alliance und Deutsche Gesellschaft für Personalführung (DGFP), die zuvor miteinander konkurrierten, rückten zusammen und gründeten eine Allianz mit Gruppen aus der Zivilgesellschaft, um das „System Arbeit“ in die Zukunft zu transformieren. Lange Zeit passierte wenig, sodass schon die Frage auftauchte, ob es die ZAAG noch gibt. Mit dem „Vision Forum 2016“ meldet sich die ZAAG nun zurück, samt dem großen Gestaltungsanspruch, der sich im Untertitel der Veranstaltung erkennen lässt: „Innovation Valley statt Industrie 4.0.“

Vision Forum 2016: Innovation Valley statt Industrie 4.0

Das Versprechen wurde auf dem Kongress auch tatsächlich eingelöst.Die Kongressmacher – Oliver Maassen, Joachim Schledt, Angela Titzrath und Thomas Sattelberger -  organisierten Referenten aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, die sich an einem geschichtsträchtigen Platz, im Allianz-Forum am Brandenburger Tor, zwei Tage lang mit den großen Zukunftsfragen beschäftigten: Wie verändert die Digitalisierung unsere  Arbeitswelt und Gesellschaft? Was müssen Unternehmen, Politik, Schulen und die Gesellschaft tun, um die Veränderungen erfolgreich zu gestalten?

Portfolio der Arbeit

Den Auftakt machte Sven Otto Littorin, ehemaliger Arbeitsminister in Schweden, der aus New York anreiste und in seiner Keynote forderte, die Arbeitsmarktpolitik neu zu denken. Der Arbeitsmarkt in Europa würde für alle gut funktionieren, die im System drin sind. Doch für die Outsider – Junge, Flüchtlinge, Arbeitslose – seien die Hürden viel zu hoch, um in das System hineinzukommen.

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Das sei nur zu ändern, wenn sich die Politik vom Leitbild der Vollerwerbstätigkeit verabschiede, an dem sich alle Systeme zur sozialen Sicherung derzeit orientieren. Zur Realität gehöre es längst, dass viele Menschen mehrere Jobs nebeneinander ausüben, wobei er dazu auch öffentliche, soziale und ehrenamtliche Jobs zählte. Die Arbeitsmarktpolitik müsse sich künftig an einem „Portfolio der Arbeit“, wie er das neue Leitbild nannte, ausrichten.

Dialog über Grenzen hinweg

In zwei großen Podiumsrunden, die einen halben Tag in Anpruch nahmen, brachten die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ihre Perspektiven ein: Unternehmer, Politiker, Betriebsräte, Schulen, Stiftungen, Startups und  Hochschulen. Der cross-sektorale Dialog, den die Kongressmacher als Lösungsweg zur Beantwortung der Zukunftsfragen vorschlagen, sollte in der Praxis ausprobiert werden. Um es vorweg zu sagen: Der Praxistest ist gelungen. Die Referenten brachten neue Einsichten ans Licht, die die derzeit vorherrschende Vorstellung in der Wirtschaft aufbrachen und erweiterten.

Hype um Startups

Die Vorstellung vieler CEOs fasste Dr. Svenja Falk, Direktorin von Accenture Research, zusammen: Sie reisen ins Silicon Valley, besuchen und gründen Startups, weil sie sich von diesen Agilität, Pioniergeist und neue Geschäftsmodelle erwarten. Startups und Innovation-Labs  sollen helfen, die Herausforderungen der Digitalisierung zu bewältigen, die 25 Prozent der Wirtschaftsleistung betrifft. Industrie 4.0 wird als Leitbild propagiert, um der kalifornischen Digitalökonomie Paroli zu bieten. Doch 95 Prozent der erfolgreichen Startups aus dem Silicon Valley werden von Konzernen gekauft. „In Startups werden vor allem Abteilungsleiter für Großbetriebe produziert“, kommentierte Svenja Falk diese Entwicklung der Wirtschaft.

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Die Stimme der Startups bekam auch auf dem Kongress ein Forum, doch sie wurden in einen breiteren Kreis eingebettet, eben den cross-sektoralen Dialog, bei dem unter anderem die folgenden Einsichten gewonnen wurden.

Nicht nur auf das Digitale fixieren

Professor Dieter Spath, CEO der mittelständischen Wittgenstein AG, berichtete davon, dass sie sich als Vorreiter von Industrie 4.0 sähen und außerhalb der bestehenden Organisation Innovations-Labs gründeten, die radikale Innovationen hervorbringen sollen. Trotz dieser strategischen Orientierung erzählte er aber voller Stolz, wie es ihnen gelungen sei, nahe am Stammgeschäft eine mechanische Innovation hervorzubringen, die jetzt mit dem renommierten Hermes-Award ausgezeichnet wurde. Seine Botschaft: Das Digitale bietet Zukunftschancen, aber man darf sich nicht nur darauf fixieren.

Bürger als Innovatoren

Jens Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, machte darauf aufmerksam, dass im gemeinnützigen Sektor, den viele als Reparaturbetrieb der Gesellschaft betrachten, vielfach neue Geschäftsmodelle entstehen. In der Schwarzwaldgemeinde Schönau beispielsweise sei die Energiewende von Bürgern erfunden worden, die das örtliche Stadtwerk übernahmen und auf Ökostrom umstellten. Auch die Geschäftsidee von Airbnb sei im gemeinnützigen Sektor entstanden.

Dr. Katrin Suder, Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, kann sich vorstellen, Berliner Hinterhöfe für Technologieentwicklung zu nutzen, was einen gewaltigen Kulturwandel in der Verwaltung erfordere. Allerdings verwies die ehemalige McKinsey-Beraterin darauf, dass verlässliche Strukturen und Regeln in vielen Bereichen weiterhin ein Erfolgsgarant seien, gerade auch bei der Truppe. „Im Einsatzfall müssen bei uns die Prozesse sitzen, wir können nicht experimentieren. Auf Verlässlichkeit basiert unsere Sicherheit“, so Suder.

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Die Gründerin Verena Pausder freut sich zwar über die hohe Wertschöpfung der Startups in der gegenwärtigen Debatte, weist allerdings darauf hin, dass die Arbeit hier sehr hart sei. „Als Gründer muss man sich immer die Hände schmutzig machen“, sagte sie und bemerkte lakonisch. „Wenn ich abends nach Hause gehe, wünsche ich mir manchmal, in geregelten Strukturen zu arbeiten.

Experimente wagen

Marc Stoffel, CEO von Haufe-Umantis, verwies darauf, dass wir agile Führungsstrukturen brauchen. Er berichtet von der demokratischen Wahl der Führungskräfte im eigenen Haus, die Kräfte frei setze – auch wenn es für manchen nicht so läuft, wie er sich das vorstellt. „Teamleiter, die abgewählt wurden, zeigen entgegen der Erwartung eine besonders gute Performance“, sagte er und warb dafür, Experimente in der Führungskultur zu wagen. „Jedes Unternehmen muss machen, was zu ihm passt.“

Google Personalchef Frank Kohl-Boas versuchte sein Unternehmen, das viele als Ikone des Innovationskultur sehen, zu entzaubern. „Keiner unserer Mitarbeiter kam mit einem Google-Gen auf die Welt. Wir sind nicht anders als andere Unternehmen“, sagte er und verwies darauf, dass Google seine Arbeitsmethoden über die Plattform re:work mit allen teilt.

Erfolg durch Kooperation

Schulleiterin Margret Rasfeld berichtete von ihrem projektorientierten Unterricht, in dem die Kinder ihre Neugier ausleben können, Selbstständigkeit und auch das Scheitern lernen. Oder von der Lehrerfortbildung, bei der 14jährige Schüler ihre Lehrer coachen.

Andreas Toelke stellt sein Startup „Be an Angel“ vor, das aus bürgerschaftlichem Engagement entstand und bereits mehr Flüchtlinge in Arbeit vermittelte als alle DAX-Unternehmen zusammen.

Mathias Saiger, Betriebsrat beim Trumpf, berichtet, wie die Sozialpartner zusammen ein neues Jahresarbeitszeitmodell entwickelten, das mehr Freiräume für Mitarbeiter wie auch betriebliche Notwendigkeiten miteinander in Einklang bringt. „Konfrontation hilft nicht weiter, neue Lösungen entstehen durch Kooperation.“

Erfolgsfaktoren in den USA

Der Erfolg der kalifornischen Digitalwirtschaft sei nicht allein über die Technologie zu erklären, sondern durch das Zusammenspiel von Risikokapital, IT-Cluster und dem Spirit im Silicon Valley. „Die Unternehmen und Mitarbeiter wollen wirklich die Welt verbessern, das ist nicht nur Marketinggeschwätz“, analysierte Andreas Boes, der eine eigene Forschungsreise durchführte.

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Als mögliche Schwäche der Kalifornierer diagnostizierte er aber deren Technikgläubigkeit. „Soziale Fragen reduzieren sie häufig auf ein technisches Problem.“ Nach Boes ist das die Chance der Europäer, die in der Vergangenheit überzeugende Lösungen für soziale Fragen entwickelt hätten, die technologische Entwicklungen mit sich bringen.

Gesamtkonzepte sind gefragt

In dasselbe Horn blies auch Professor Dr. Stephan Jansen, der davon überzeugt ist, dass die Geschichtsbücher zum 21. Jahrhundert nicht von der kalifornischen Digitalisierung geprägt sein werden. „Die menschliche Intelligenz, die die Algorithmen nutzt, macht den Unterschied“, so Jansen. Die Deutschen müssten Lösungen für den Probleme der Menschheit finden, die technologische, soziale und ökologische Aspekte verbinden. Autos nach China zu verkaufen, die Smog in den Städten produzieren, sei kein Zukunftsmodell. „Können wir einer Stadt in China ein Verkehrssystem liefern, das ohne Abgase auskommt?“, nannte er als Beispiel für künftige Herausforderungen.

Emotionale Vision

Auch Thomas Sattelberger ist überzeugt, dass Transformationsaufgaben nicht mehr kleinteilig innerhalb eines Sektors gelöst werden können. In seinem Vortrag „Trampelpfade der Transformation“ bezeichnete er das Konzept Industrie 4.0 als das „deutsche Kastrat der Digitalisierung“, das keine Zukunftsvision für ein Land sei. Er zitierte eine Allensbach-Umfrage, nach der nur 19 Prozent der Bevölkerung das Konzept sympathisch finden.

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Ein gutes Beispiel für Zukunftsgestaltung sei der Gotthard-Tunnel, dessen Planungen im Bürgerkonsens entwickelt wurde.  „Die Planung war mühsam und aufwändig und hat viel Zeit gekostet, aber die Umsetzung war schnell“ sagte er und ergänzte. „Das Tunnelprojekt war keine rein technologische, sondern auch eine emotionale Vision. Die Schweiz als Land der Natur“, sagte Sattelberger mit Blick auf den BER, dessen Planung gemeinsam mit dem Gotthard-Tunnel startete, aber bei der Umsetzung langsam voran komme.

Dritte Orte

Sattelberger verwies auf „dritte Orte“, an denen schon in der Vergangenheit die Zukunft vorgedacht wurde. “Kaffeehäuser, Universitätsbibliotheken oder Buchläden waren vor hundert Jahren Orte der Inspiration.“ Ein solcher Ort war für zwei Tage das Allianz-Forum in Berlin und die ZAAG war der Initiator. Mit 200 Leuten war es zwar ein kleiner Kongress, aber einer, der das europäische Tal der Innovation beschritt.

Schlagworte zum Thema:  Industrie 4.0, Zukunft, Digitalisierung, Kongress

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