Viertagewoche schadet Unternehmen und Gesamtwirtschaft
Die einen erhoffen sich mehr Flexibilität und gesündere Mitarbeitende, die anderen fürchten weniger Wertschöpfung und mehr Fachkräftemangel: Die Diskussion um die Einführung einer Viertagewoche in Deutschland ist von kontroversen Ansichten geprägt. Bisherige Umfragen oder Studien zeichnen aller Wahrscheinlichkeit nach ein verzerrtes Bild von der Affinität der gesamten deutschen Wirtschaft zur Viertagewoche.
So weist auch das Institut der deutschen Wirtschaft in seinem jetzt veröffentlichten Studienbericht auf die Schwächen bisheriger empirischer Untersuchungen hin. Fragt man Arbeitnehmende nach der Zustimmung zur Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich werden wohl nur die wenigsten nachdrücklich ablehnen. So kam eine Befragung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung wenig überraschend zu dem Ergebnis, dass sich zwar 81 Prozent der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland eine Reduzierung der Arbeitszeit wünschen würden, nur acht Prozent jedoch wären bereit, dafür auch Gehaltseinbußen in Kauf zu nehmen.
Unternehmensbefragungen, bei denen ausnahmslos alle Befragten zugleich auch freiwillige Teilnehmer an einem Modellversuch zur Einführung der Viertagewoche sind, dürften sich aus empirischer Perspektive durch einen recht hohen „Selection Bias“ auszeichnen – denn die Teilnehmer stehen dem Konzept einer Viertagewoche sowieso positiv gegenüber und glauben an eine erfolgreiche Umsetzung im eigenen Unternehmen. So kam die Pilotstudie in Deutschland wenig überraschend zu dem Ergebnis, dass die Viertagewoche die Lebenszufriedenheit der Mitarbeitenden signifikant steigere sowie die psychische und mentale Gesundheit verbessere.
Repräsentative Befragung zur Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich
Die repräsentative Umfrage des IW liefert nun einen systematischen und zugleich differenzierten Überblick über die Haltung deutscher Unternehmen zur Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich. Befragt wurden mehr als 830 Personalverantwortliche und HR-Experten aus dem IW-Personalpanel. Es wurden dabei die betriebliche Perspektive, die Branchenperspektive und die volkswirtschaftliche Perspektive unterschieden.
Weit verbreitet ist das Modell der Viertagewoche demnach noch nicht: 82 Prozent der Unternehmen haben es noch gar nicht getestet. Zwar sieht rund die Hälfte der Befragten auch Chancen in der Viertagewoche, etwa um das eigene Unternehmen für Bewerbende und Fachkräfte attraktiver zu machen. Aber nur sechs Prozent glauben, dass der Fachkräftemangel mit einer Viertagewoche bekämpft werden kann.
Unternehmen stehen weiterer Arbeitsverdichtung skeptisch gegenüber
Auch das häufig in der Debatte präsentierte Argument, dass die Produktivität bei einer Verdichtung der Arbeitszeit steigt, stößt bei den Unternehmen auf wenig Zustimmung: Nur 20 Prozent halten eine Verdichtung der Arbeitszeit im eigenen Unternehmen überhaupt für möglich. Lediglich sechs Prozent der befragten Personalverantwortlichen sind der Überzeugung, dass eine steigende Produktivität der Beschäftigten die Arbeitszeitverkürzungen ausgleichen kann. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass in rund 94 Prozent der Unternehmen der deutschen Wirtschaft die Einführung einer Viertagewoche mit einem Verlust von Wertschöpfung verbunden wäre. Dies deckt sich mit einem bereits früher veröffentlichten Gutachten des IW im Auftrag des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, das zu dem Schluss kam, dass die Viertagewoche nicht durch Produktivitätsgewinne finanzierbar sei.
Unternehmen fürchten steigene Personalkosten
Mehr als drei Viertel der befragten Personalverantwortlichen befürchten für den eigenen Betrieb „steigende Personalkosten“, sollte eine Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich eingeführt werden. Dies dürfte in vielen Unternehmen eine recht direkte Auswirkung der Notwendigkeit zur „Einstellung zusätzlichen Personals“ (63 Prozent) sein. Gleichzeitig befürchten 69 Prozent der Befragten, dass die Bearbeitung von Aufträgen erschwert würde, was sich negativ auf die Geschäftsbeziehungen zu anderen Unternehmen und Kunden auswirken kann und die Prozesse in Lieferketten stört. Mit Umsatzrückgängen würde ein gutes Drittel der Unternehmen rechnen, womit in diesen Unternehmen die finanziellen Spielräume sinken dürften.
Viertagewoche könnte Fachkräftemangel verstärken
Diese steigende unternehmerische Nachfrage nach zusätzlichen Beschäftigten würde dann auf eine demografische Entwicklung in Deutschland treffen, die für sich genommen schon eine dramatische Verknappung der Arbeitskräfte bis zum Jahr 2030 bedeutet. Da bereits heute viele Unternehmen aufgrund des Fachkräftemangels Schwierigkeiten haben, alle offenen Stellen zeitnah zu besetzen, dürfte die Einführung der Viertagewoche nicht den Fachkräftemangel reduzieren, sondern diesen zusätzlich befeuern, heißt es im IW-Studienbericht.
60 Prozent der befragten Personalverantwortlichen erwarten von der Einführung einer Viertagewoche daher eine „steigende Arbeitsbelastung der Beschäftigten“ – was wiederum die Erwartung in Frage stellt, dass die Arbeitszeitverkürzung dank positiver Effekte auf die Gesundheit der Beschäftigten zu einer höheren individuellen Produktivität führt.
Konzept der Viertagewoche kaum umzusetzen
Für die meisten Unternehmen und Branchen sei das Konzept kaum umzusetzen, so lautet das Fazit der Studienautoren. „Die flächendeckende und undifferenzierte Einführung einer Viertagewoche könnte in den meisten Unternehmen und damit auch in der deutschen Gesamtwirtschaft erheblichen Schaden anrichten“, sagt Studienautor Thomas Schleiermacher.
Das könnte Sie auch interessieren:
Modelle der Viertagewoche: Was Unternehmen beachten sollten
Viertagewoche kein Selbstläufer
Debatte: Müssen wir mehr leisten?
-
Workation und Homeoffice im Ausland: Was Arbeitgeber wissen müssen
440
-
Essenszuschuss als steuerfreier Benefit
428
-
BEM ist Pflicht des Arbeitgebers
202
-
Vorlage: Leitfaden für das Mitarbeitergespräch
169
-
Ablauf und Struktur des betrieblichen Eingliederungsmanagements
156
-
Acht rettende Sätze für schwierige Gesprächssituationen
153
-
Probezeitgespräche als Feedbackquelle für den Onboarding-Prozess
137
-
Mitarbeiterfluktuation managen
1344
-
Checkliste: Das sollten Sie bei der Vorbereitung eines Mitarbeitergesprächs beachten
129
-
Das sind die 25 größten Anbieter für HR-Software
128
-
Was Führungskräfte in der digitalen Transformation brauchen
15.01.2026
-
Recruitingmessen richtig vorbereiten
13.01.2026
-
Welche Kanäle für Recruiting und Active Sourcing geeignet sind
13.01.2026
-
Persönliche Kandidatenansprache auf Recruitingmessen
13.01.2026
-
Jobmessen und Karrieremessen 2026 für Recruiter
13.01.2026
-
Drei Thesen zum Benefits-Portfolio der Zukunft
12.01.2026
-
Wie Führungskräfte gelassen und souverän ins neue Jahr starten
09.01.2026
-
Diese HR-Tech-Entwicklungen sollten Sie 2026 verfolgen
08.01.2026
-
2026 – Warum der bAV-Arbeitgeberzuschuss ohne Digitalisierung zum Risiko wird
07.01.2026
-
"HR darf nicht immer auf Erlaubnis warten"
07.01.2026