15.02.2013 | Demografie

Papst wirft mit seinem Rücktritt Debatte um Altersgrenzen auf

Professor Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Uni Heidelberg
Bild: © Generali Deutschland

Der überraschende Rücktritt des Papsts wirft viele Fragen auf - nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Wirtschaft: Sind Altersgrenzen im Arbeitsleben sinnvoll? Wann kann man keine Höchstleistung mehr verlangen? Altersforscher Andreas Kruse gibt Antworten.

Der Direktor des Instituts für Gerontologie an der Uni Heidelberg, Professor Andreas Kruse, plädiert für einen neuen Blick auf das Alter. Der Vorsitzender der Expertenkommission, die für die Bundesregierung den Altenbericht erstellt, hält von starr ausgelegten Altersgrenzen nichts, wie er im Interview mit der dpa erläutert.

Ein 85 Jahre alter Papst gibt sein Amt auf, weil er nicht mehr die Kraft hat. In Zeiten des Jugendwahns ein positives Signal?

Andreas Kruse: Ich halte es in zweifacher Hinsicht für ein positives Signal. Zum einen gibt ein hochbetagter Mensch zu erkennen, dass er seine körperlichen Kräfte als begrenzt wahrnimmt. Zum anderen macht er deutlich, dass er in dieser Entscheidung auch den Ausdruck von Selbstverantwortung sieht. Der Mut zu sagen, ich gebe dieses Amt ab, ist Ausdruck einer bedeutenden seelischen und geistigen Kompetenz. Die Mischung beider Aspekte ist für unser Altersbild sehr wichtig.

Warum?

Kruse: Zum Einen kann hier ein Mensch aufgrund seiner körperlichen Erschöpfung sein Amt nicht mehr ausüben. Zugleich wird aber deutlich, dass trotz dieses Erschöpftseins noch immer eine hohe seelisch-geistige Kompetenz besteht. Ich glaube, wenn unsere Gesellschaft lernen würde, Alter nicht immer nur in seiner körperlichen Qualität wahrzunehmen, sondern auch in seiner seelischen, geistigen Dimension, dann wäre das ein großer Gewinn.

Aber bedingt nicht das Eine das Andere?

Kruse: Wir beobachten in der Altersforschung immer wieder, dass die körperlichen Veränderungsprozesse ganz anderen Gesetzen folgen als die seelischen und geistigen. Jemand kann körperlich sehr eingeschränkt sein, aber seelisch-geistig eine hohe Kompetenz aufweisen. Daraus ergibt sich eine Spannung: Alter ist keineswegs nur Verlust und Abbau, sondern kann auf der anderen Seite auch einen bemerkenswerten Reifeprozess bedeuten.

Ist es überhaupt vorgesehen, dass der Mensch bis zum Tod Höchstleistung bringt?

Kruse: Der Mensch hat ein seelisch-geistiges Entwicklungspotenzial bis zum Zeitpunkt seines Todes. Das Seelisch-Geistige sucht immer nach neuen Möglichkeiten, sich auszudrücken. Wenn der Papst jetzt sagt, seine Bestimmung wird künftig im Gebet für die Welt liegen, dann ist das eine für ihn wichtige Aufgabe, die er erkennt und ausüben möchte. Wir dürfen nicht den Fehler machen, dass wir unter Leistung und Produktivität immer nur die körperlich herausfordernden Tätigkeiten sehen. Die verschiedenen Formen geistiger Aktivität - auch wenn es sich eher um stille, verborgene Formen handelt - weisen ein bemerkenswertes Maß an Kreativität und Produktivität auf. In dem Geistigen liegt ja vielfach die Domäne des hohen Alters.

Für Bischöfe gibt es ja eine Altersgrenze, mit 75 Jahren können sie beim Papst um Entlassung bitten. Papst ist man in der Regel bis zum Tod. Wäre eine Altersgrenze nicht sinnvoll?

Kruse: Die Altersgrenzen, auch in der Arbeitswelt, haben auf der einen Seite eine Schutzfunktion für das einzelne Individuum. Mit Blick auf diese Funktion sind sie wichtig. Aber wir müssen Menschen auch die Möglichkeit geben, da die Leistungskapazität von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfällt, mitzubestimmen, wie lange sie arbeiten wollen und können. Starre Altersgrenzen sind in der Hinsicht problematisch.

Schlagworte zum Thema:  Altersgrenze, Demografie, Leistungsfähigkeit

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