Interview zur Transformation beim Autozulieferer Schaeffler.

Mit einem neuen Aus- und Weiterbildungszentrum reagiert der Automobilzulieferer Schaeffler auf die Transformation in der Branche. Im Interview erklärt Personalvorständin Corinna Schittenhelm die strategische Bedeutung von Lernen im Unternehmen.

Haufe Online Redaktion: Frau Schittenhelm, im Januar haben Sie ein neues Ausbildungszentrum am Standort Schweinfurt eröffnet, in das nach eigenen Angaben sechs Millionen Euro investiert wurden und das Sie als Leuchtturm-Projekt in der Bildungswelt von Schaeffler bezeichnen. Nehmen Sie uns mal mit in das Zentrum.

Corinna Schittenhelm: Das Ausbildungszentrum war über Jahrzehnte eine Produktionshalle. Aus diesem alten Gebäude ist jetzt etwas ganz Neues entstanden: Eine Hightech-Ausbildungsstätte mit großen Fenstern, viel Licht und Platz. Unsere jungen Mitarbeiter können sich ihren Arbeitsplatz aussuchen und mit ihren Laptops an Inseln, an sogenannten Technologie-Cubes, arbeiten. Wir haben neueste Technologien in das Ausbildungszentrum integriert. Industrieroboter und moderne Anwendungen, wie beispielsweise Augmented Reality, schaffen eine neue Lernumgebung. Auf die klassischen Handwerkzeuge haben wir natürlich trotzdem nicht verzichtet. Die Ausbildung hier ist sehr vielfältig und ermöglicht, dass unsere Auszubildenden sowohl in der Automotive- als auch in der Industrie-Sparte der Schaeffler-Welt eingesetzt werden können.

Lernen, mit Veränderung umzugehen

Haufe Online Redaktion: Ein Industriemechaniker, der bei Schaeffler in die Lehre geht, wird heute an Maschinen arbeiten, die es in zehn Jahren vielleicht schon nicht mehr geben wird. Wie bringen Sie jungen Menschen bei, souverän auf Veränderungen in der eigenen Erwerbsbiografie zu reagieren – ohne ihnen gleichzeitig ein Gefühl von Sicherheit zu nehmen?

Schittenhelm: Das ist genau eine der Fragen, auf die Schaeffler mit dem neu geschaffenen Ausbildungszentrum eine Antwort bieten möchte. Das Zentrum ist integrierter Bestandteil unseres Standorts in Schweinfurt und steht allen Mitarbeitenden zur Verfügung. Dort können sie sich weiterbilden, gerade mit Blick auf die Zukunftsthemen Industrie 4.0, Digitalisierung und Elektromobilität. Das bewirkt auch bei den Auszubildenden etwas. Sie sehen: Ich arbeite in einer Firma, die mich auch nach meiner Ausbildung fortwährend schult und auf alles, was da noch kommen mag, vorbereitet. Wir wollen nicht nur ausbilden, sondern auch weiterbilden und das in denselben Räumlichkeiten. Zudem glaube ich, dass die jüngere Generation diese Bereitschaft für das ständige Weiterbilden mitbringt. 

Haufe Online Redaktion: Wie können Mitnehmen und Lust machen auf Veränderung bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gelingen? 

Schittenhelm: Wir haben in den vergangenen zwei Jahren mit der Initiative „Qualifizierung für morgen“ bereits erste Programme konzipiert. Im Bereich der Mechatronik schulen wir in diesem Zusammenhang Ingenieure, die bisher an konventionellen Antriebstechnologien zum Verbrenner arbeiten, im Bereich E-Mobilität. Einen ähnlichen Lern-Baukasten planen wir für die Produktion. Dazu haben wir ein breites Portfolio an Qualifizierungsprogrammen im Angebot. Wir haben mit der Schaeffler-Academy die notwendige Infrastruktur und das notwendige Fachwissen dafür im eigenen Haus und sind als Bildungsträger vom TÜV Süd zertifiziert. Das halte ich für einen großen Vorteil. Nicht zuletzt werden mit diesen Qualifizierungen auch Ängste bei den Mitarbeitenden abgebaut. 

Stellen werden abgebaut, trotz Weiterbildungsinitiative

Haufe Online Redaktion: Diese Ängste sind durchaus real: Anfang Oktober 2019 gab es die Meldung, dass Schaeffler 1.300 Arbeitsplätze in Deutschland abbauen wird. Sind das die Arbeitskräfte, für die in der Transformation der Autobranche kein anderer Platz mehr geschaffen werden kann und für die Weiterbildung keine Option ist?

Schittenhelm: Wir haben konjunkturbedingt 1.300 Stellen identifiziert, die fortlaufend so nicht mehr benötigt werden. Wir stellen es Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern frei, sich dafür zu entscheiden, Schaeffler zum Beispiel aufgrund des Alters oder einer anderen Lebensplanung zu verlassen. Wir sprechen also keine Kündigungen aus. 

Haufe Online Redaktion: Welche Bereiche sind betroffen?

Schittenhelm: Es betrifft alle Bereiche, den Automotive- wie den Industriebereich, die Verwaltung wie die Produktion. Aber nochmal: Das Programm beruht auf Freiwilligkeit. 

"Wir haben mit der Schaeffler-Academy die notwendige Infrastruktur und das notwendige Fachwissen dafür im eigenen Haus"

Haufe Online Redaktion: Auf der einen Seite wird abgebaut, gleichzeitig suchen Sie sicher auch nach neuen Arbeitskräften. Finden Sie die Leute, die es braucht, um den Wandel zu gestalten?

Schittenhelm: In den vergangenen Jahren konnten wir tatsächlich ohne Probleme die geeigneten Mitarbeiter für unsere offenen Stellen finden. Es ist durchaus möglich, dass es in den nächsten Jahren für die gesamte Branche schwieriger wird. Wir kommen in die geburtenschwachen Jahrgänge, gleichzeitig herrscht ein großer Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt um Fachkräfte. Dazu kommt: Es gibt junge Menschen, die nicht mehr unbedingt in einem Industriebetrieb arbeiten wollen. Daher müssen wir noch stärker an unserer Außenwahrnehmung als Automobil- und Industriezulieferer und als attraktiver Arbeitgeber arbeiten und unsere gute Arbeit nach außen kommunizieren.  

Deutsche Unternehmen sind innovationsfähig

Haufe Online Redaktion: Einige Expertinnen und Experten malen ein sehr düsteres Bild für die Automobil- und Zuliefererbranche: Es gäbe zu wenig Innovation und ein zu starkes Festhalten am Alten. Was können Sie entgegnen?

Schittenhelm: Die Betriebe in Deutschland hat immer ausgezeichnet, dass wir, wenn wir ein Problem erkannt haben und die notwendigen Maßnahmen zur Lösung des Problems vereinbart haben, schnell und strukturiert agieren. Wir haben allesamt Aufholbedarf, sind inzwischen aber gut unterwegs. Wir wollen hier unsere Kunden bei der Veränderung, zum Beispiel wenn es um ihre CO2-Bilanz geht, unterstützen. Das Thema Nachhaltigkeit ist für Schaeffler ein strategisches Thema. Fest steht: Wir sind ein hoch-innovatives Unternehmen. Das zeigt auch die Zahl der im letzten Jahr eingereichten Patentanmeldungen; Hier stehen wir nach Bosch in Deutschland auf Platz zwei. 

"Wir haben konjunkturbedingt 1.300 Stellen identifiziert, die fortlaufend so nicht mehr benötigt werden. Aber: Wir sprechen also keine Kündigungen aus."

Haufe Online Redaktion: Trotzdem befindet sich Schaeffler im Wandel. Wie kann sich so ein traditionsreiches Familienunternehmen wandeln? 

Schittenhelm: Wichtig ist, dass sich unsere gesamte Führungsriege bewusst ist, was Schaeffler ausmacht und jahrelang erfolgreich gemacht hat. Dabei geht es nicht nur darum, was wir tun, sondern auch, wie wir das tun. Was also trotz Wandel bestehen bleibt, sind diese Werte und unser Bestreben, gemeinsam mit unseren Kunden Probleme zu lösen und neue Wege zu beschreiten. Dennoch hält die Zukunft einige Herausforderungen bereit, auf die wir reagieren. Dabei setzen wir vor allem auf Schlüsselelemente wie Qualifikation, Zusammenarbeit, Wertschätzung und auch unsere Führungskultur. Wir müssen uns zum Beispiel fragen: Wie offen sind wir für Feedback? Als ich vor vier Jahren zu Schaeffler kam, gab es in vielen Bereichen eine Kultur, die frei von Kritik aber auch von Dialog war. Hier haben wir mit unserer neuen Führungskultur und unseren Führungsleitlinien angesetzt.

Bedeutung der Führungskultur für dem Umgang mit Problemen

Haufe Online Redaktion: Wie sind Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen dabei vorgegangen?

Schittenhelm: Eine neue Führungskultur kann man sich nicht verordnen, sie muss von innen kommen und wachsen. Wir wollten dazu alle Ebenen der Führung erreichen und ihr Verständnis von Führung erfahren, vom Vorstand bis zur Teamleitung in unseren Werken und auch von den Kolleginnen und Kollegen im Ausland. Wir können nicht aus Herzogenaurach heraus die Welt erfinden. Das Interessante war, dass in Workshops in den verschiedenen Ländern und Abteilungen immer dieselben Dinge angesprochen wurden. Es gab keine kulturellen Unterschiede und es gab auch keine Unterschiede in den verschiedenen Altersgruppen. Am Ende haben wir ein globales Verständnis von guter und moderner Führung erarbeitet.

Haufe Online Redaktion: Welche Wünsche haben sich während dieser Workshops ergeben?

Schittenhelm: Das Thema Veränderung war sehr groß. Viele Führungskräfte haben betont, dass der Veränderungswille stärker sein muss und auch nochmal stärker von ihnen selbst vorgelebt werden muss. Ein zweiter wichtiger Punkt, der erarbeitet wurde, war die Führungsleitlinie „Care for People“. Sie beschreibt, dass die Führungskraft nicht nur ausschließlich Fachthemen, sondern mindestens ebenso den einzelnen Menschen im Blick hat, die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter stärker wahrnimmt und noch deutlich stärker die Rolle als Coach, Mentor und Gesprächspartner wahrnehmen muss. 

Haufe Online Redaktion: Sind diese Leitlinien und Maßnahmen eine reine HR-Strategie oder Teil einer Zukunftsstrategie? 

Schittenhelm: Die Unternehmensstrategie und die HR-Strategie gehen hier Hand in Hand. Mir war es von Anfang an wichtig, bei den genannten Projekten eine extrem enge Zusammenarbeit im ganzen Vorstandsgremium zu erzielen. Damit wir wirklich als eine Einheit auftreten. Eine große Veränderung kann eine einzelne Person im Vorstandsbereich auch nicht schaffen, im Gegenteil. Und diese Zusammenarbeit hat wirklich hervorragend funktioniert.

Haufe Online Redaktion: Als Sie 2016 in den Vorstand von Schaeffler kamen, waren Sie sich da bewusst, vor welchen großen Herausforderungen das Unternehmen und die gesamte Zuliefererbranche stehen?

Schittenhelm: Es war mir klar, dass ich in ein Unternehmen komme, das vor großen Veränderungen steht. Glücklicherweise war ich bisher immer in Bereichen tätig, die in irgendeiner Weise in einer Umbruchphase waren. In Zeiten der Veränderung kann man Neues gestalten und kreativ wirken, das treibt mich an. 


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