Bild: VW

Ohne eine Veränderung der Unternehmenskultur wird es keine erfolgreiche Transformation geben, meint Personalstratege Thymian Bussemer. Er setzt sich bei Volkswagen und auch beim Bundesverband der Personalmanager (BPM) für Zukunftsthemen ein.

Haufe Online Redaktion: Warum investieren Sie Zeit und Energie in den Bundesverband der Personalmanager BPM?

Thymian Bussemer: Ich habe da eine klare Grundhaltung: Man soll sich dort, wo man beruflich unterwegs ist, auch um seine Interessenvertretung und die des eigenen Berufsstands kümmern. Seit zwei Jahren bin ich Mitglied im BPM und kann jetzt als Beisitzer im Präsidium Personalthemen intensiver vorantreiben. Dazu passt es gut, dass ich mich innerhalb des Präsidiums vor allem um die Profilierung von HR als Professionsberuf kümmern werde.


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Haufe Online Redaktion: Welche Schwerpunkte treiben Sie besonders um?

Bussemer: Für mich hängen die Themen Digitalisierung, Zukunft der Arbeit und künftige Ausprägung der Mitbestimmung eng zusammen. Wichtig ist mir zudem immer die gesellschaftliche Dimension unternehmerischen Handelns. Deswegen hat mich zum Beispiel der Weißbuch 4.0-Prozess des Bundesarbeitsministeriums extrem elektrisiert, der gesellschaftliche Zukunftsfragen und betriebliche Reglungsthemen verbindet. Zum Glück bin ich in der privilegierten Situation, dass mich die Ex-Arbeitsministerin und jetzige SPD-Bundestagsfraktionschefin Andrea Nahles hin und wieder nach meiner Meinung fragt. Mit der halte ich dann nicht hinterm Berg.

"Personalmanager können Arbeit 4.0 ungemein beeinflussen"

Haufe Online Redaktion: Manche meinen, Personalthemen würden durch die Digitalisierung weniger wichtig, alles werde in der Linie entschieden...

Bussemer: Personalmanager müssen sich unbedingt einmischen, denn sie können Arbeit und Industrie 4.0 ungemein positiv beeinflussen. Dabei geht es nicht um abstrakte Ideen, sondern um sehr konkrete Stellhebel wie die Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitszeit, von Entscheidungswegen und interdisziplinärer Projektarbeit. HR ist hier eigentlich in einer traurigen Position: Das General Management unterschätzt den Einfluss der Personalarbeit, aber auch Gewerkschafter und Politikernutzen das Know-how von Personalfachleuten zu selten. Die übersehen vielfach, dass die Unternehmensseite ja kein monolithischer Block ist, sondern sehr heterogene Fraktionen hat. Ich denke dabei an die legendären Streits bei der Telekom zwischen Finanzvorstand Tim Höttges und Personalvorstand Thomas Sattelberger. Der eine hatte die Kapitalmärkte im Blick, der andere die Mitarbeiter. Das ergab im Vorstand regelmäßig mehr als explosive Mischungen.

Haufe Online Redaktion: Wie sieht diese Wirksamkeit in der Phase der Disruption aus?

Bussemer: Die durchgehende Präsenz der HR-Funktion auf allen Unternehmensebenen sichert überhaupt erst die Umsetzung von Transformationsprozessen. Eigentlich stehen HR große Zeiten bevor, denn die Digitalisierung macht den einzelnen Mitarbeiter wertvoller und damit das Human Resources Management wichtiger. Ob Tarifverhandlungen oder Konflikte, der Personaler ist Lösungsprofi. Er muss seine Rolle aber verstanden haben und richtig interpretieren: Ein Arbeitsdirektor ist dem Kapitaleigner in gleichem Maß wie den Arbeitnehmern verpflichtet. Das ist ein historisch angelegter Spagat, der ihn zwingt, gesamtstrategisch in unterschiedlichen Sphären zu überlegen, welcher Weg für das Unternehmen der erfolgreichste sein wird. Im Unternehmenskonzert muss HR deshalb gestärkt werden.


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Haufe Online Redaktion: Die strategische Komponente der Personalpolitik beschäftigt Sie im BPM-Präsidium, aber auch bei VW – einem Konzern, der wegen der Dieselaffäre in den vergangenen zwei Jahren stark unter Beobachtung steht.

Bussemer: Ich sehe das sportlich: Die externen Entwicklungen erhöhen den Anspruch, den wir im Personalmanagement an uns stellen. VW steht an einem Punkt völliger Neuausrichtung. Unser Verständnis von Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Verpflichtung muss an verschiedenen Stellen neu gedacht werden, um Share- genauso wie Stakeholdern gute Zukunftsaussichten zu eröffnen. So haben wir jahrelang Zeitarbeitnehmer in großen Tranchen in die Stammbelegschaft übernommen. Damit ist erst einmal Schluss. Von daher brauchen wir neue Perspektiven für diese Menschen.  

"Für alle Fachbereiche bei VW gilt: Go digital"

Haufe Online Redaktion: Welche Weichen hat HR bei VW schon gestellt?

Bussemer: Wir verstehen uns als Innovator und Promoter der Arbeitswelt von morgen. Für alle Fachbereiche bei uns gilt: Go digital. Digitale Workflows und Assistenten müssen die Büros ebenso erreichen wie die Produktion, in der die meisten der 627 000 Beschäftigten arbeiten. VW hat nach wie vor 50 Prozent Industriearbeiter, da wird ganz klassische Facharbeit geleistet. Deshalb müssen wir die Balance halten zwischen alt und neu, wenn wir die Personalarbeit auf andere Gruppen ausdehnen. Design, IT, Logistik werden wichtiger, aber unsere personalpolitischen Innovationen sollen auch die Facharbeiter ansprechen und begeistern. Es gilt, ein attraktives Umfeld für alle Mitarbeiter zu schaffen.  

Haufe Online Redaktion: 2025 – ist die Welt der Googles dann nicht an den Industrieunternehmen uneinholbar vorbeigezogen?

Bussemer: Es geht hier aus meiner Sicht um "überholen, ohne einzuholen". Nicht alle Rezepturen des Silicon Valleys passen für uns. Im Übrigen: Wir haben noch ein bisschen Zeit. Die neue Arbeitswelt kommt nicht so schnell, wie manche Apologeten glauben. Es kann Jahre dauern, neue Arbeitsweisen zu erproben. Allerdings ist der Wandel schon spürbar: Schrittweise ändern sich Berufe und Ausbildungen. Wir müssen auch an den Mindsets der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten, denen es manchmal zu sehr um Sicherheit geht und die zu oft Dinge akzeptieren, ohne sie zu hinterfragen. Schließlich arbeiten wir an einer kulturellen Öffnung. Es muss nicht alles in der Zentrale starten. Lernen kann man auch von Projekten in Brasilien oder China. Wir stärken den Austausch über Best Practices, das ist gerade für Wissensarbeitsplätze sehr nützlich. 


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Haufe Online Redaktion: Das mischt aber die traditionellen Hierarchien auf und ist sicher nicht bei allen Managern beliebt...

Bussemer: Deren Rolle ändert sich. Sie sind nicht mehr die großen Strategen, die auf dem Feldherrenhügel stehen, sondern Impulsgeber. Wir von HR moderieren diesen Veränderungsprozess in den einzelnen Marken. Die personalpolitische Grundphilosophie muss trotz des massiven Zuwachses an Komplexität überall verbreitet werden.

"Ohne die Kultur zu ändern, wird sich wenig bewegen"

Haufe Online Redaktion: Die Strategien klingen überzeugend, aber die Menschen bringen ihre eigenen Vorstellungen mit, die aus der alten Welt kommen und weniger dynamisch sind.  

Bussemer: Ich denke immer an Peter F. Drucker, von dem der schöne Satz stammt: "Culture eats strategy for breakfast." Ohne die Kultur zu ändern, wird sich wenig bewegen. Aber man muss auch die positiven Aspekte einer starken Kultur wie der bei VW beachten: etwa die Solidarität unter den Ländergesellschaften. Bei 120 Fabriken weltweit muss Volkswagen auch als guter gesellschaftlicher Akteur im lokalen Umfeld sichtbar werden.

Haufe Online Redaktion: Also ist die Transformation Ziel und Weg zugleich?

Bussemer: Veränderung ist kein Wert an sich. Aber auch eingefahrene Gleise führen nicht immer in die Zukunft. Personalmanager können die Rahmenbedingungen für gute Führung schaffen. Dazu gehören plan- und antizipierbare Veränderungen. Doch Offenheit und Netzwerkdenken dürfen nicht in die Orientierungslosigkeit abdriften. Es braucht genug Kapazität für Dinge, die sich radikal anders entwickeln als gedacht. Diesen nur vermeintlichen Luxus muss sich ein Unternehmen leisten.


Das Interview führte Ruth Lemmer, Wirtschaftsjournalistin in Duisburg.


Zur Person: Thymian Bussemer

Dr. Thymian Bussemer wurde im Sommer ins Präsidium des Bundesverbands der Personalmanager BPM gewählt. Im Hauptberuf ist er ‎Leiter Personalstrategie und soziale Nachhaltigkeit der Volkswagen AG.

Schlagworte zum Thema:  Führung

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