09.02.2016 | Integration

Handwerk stellt Qualifizierungsprogramm für Flüchtlinge vor

Flüchtlinge: Im Handwerk sehen Experten die größten Chancen auf eine Beschäftigung
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

350.000 Flüchtlinge kann der deutsche Arbeitsmarkt Experten zufolge jährlich aufnehmen. Doch wie kann die Integration konkret gelingen? Der Zentralverband des Handwerks hat jetzt ein spezielles Qualifizierungsprogramm vorgestellt, das Flüchtlinge für eine Ausbildung fit machen soll.

Die Bundesagentur für Arbeit hält den deutschen Arbeitsmarkt für stark genug, um eine große Zahl von Flüchtlingen aufnehmen zu können. „350.000 Flüchtlinge jährlich sind für den deutschen Arbeitsmarkt rein quantitativ derzeit kein Problem, denn jährlich entstehen rund 700.000 Arbeitsplätze neu“, sagte BA-Vorstand Detlef Scheele am Montag der „Welt“. Eine Konkurrenz zu arbeitslosen Deutschen sieht er im Regelfall nicht: „Dafür ist die Gruppe der Migranten zu klein.“

Flüchtlinge können Fachkräftemangel nicht beheben

Scheele dämpfte Hoffnungen auch aus der Wirtschaft, dass die Zuwanderung das Problem des Fachkräftemangels kurzfristig werde lösen können. „Der Weg an den Arbeitsmarkt ist lang. Es wird nicht jeder Arbeit finden, aber viele. Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Flüchtlinge nach einem Jahr eine Arbeit finden können, 50 Prozent nach fünf Jahren und 75 nach zwölf bis 13 Jahren.“ Auch Vize-Arbeitgeberpräsident Gerhard Braun warnte vor zu hohen Erwartungen an die Zuwanderer. „Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir mit Flüchtlingen das demografische Problem lösen“, sagte Braun. „Nur ein relativ geringer Teil der Flüchtlinge wird uns eine Hilfe sein.“ Experten vermuteten, dass weniger als 10 Prozent der Flüchtlinge eine akademische oder berufliche Ausbildung mitbringen und direkt hier einsetzbar wären. „Deshalb muss man sehr viel Zeit investieren“, sagte er. „Bis die Flüchtlinge den Durchschnitt der Bevölkerung erreicht haben, kann es 10 bis 15 Jahre dauern.“

Qualifizierungsprogramm soll Flüchtlinge fit für eine Ausbildung machen

Generell gilt eine Berufsausbildung als „Eintrittskarte“ in den deutschen Arbeitsmarkt. Regierung und Arbeitgeber haben deshalb junge Flüchtlinge als "neue Zielgruppe" für die duale Ausbildung entdeckt. Die besten Möglichkeiten für Flüchtlinge sehen Experten im Handwerk. Eine Chance für die jungen Flüchtlinge – und auch für die Handwerksbetriebe, die vielfach ihre Ausbildungsstellen nicht besetzen können. Daher sollen rund 10.000 Flüchtlinge in den nächsten beiden Jahren mit einem Qualifizierungsprogramm für die Ausbildung im Handwerk fit gemacht werden. Die Bundesregierung stellt dafür 20 Millionen Euro zur Verfügung. Dabei arbeitet das Bildungsministerium eng mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) und dem Zentralverband des Handwerks (ZdH) zusammen. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka betont: „Ich möchte, dass in diesem Programm junge Frauen besonders angesprochen und auch gefördert werden.“ Die Qualifizierungsinitiative sieht vor, dass die Bundesagentur zunächst Qualifikationen und Sprachkenntnisse mit Interviews und Probearbeiten sichtet, um eine Vorauswahl treffen zu können. Das Ministerium bereitet Bewerber in überbetrieblichen Ausbildungsstätten vor, später übernimmt dann das Handwerk. Das Qualifizierungsprogramm zielt auf Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge, aber auch auf Geduldete. Sie sollten unter 25 Jahre alt sein und einen Integrationskurs des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sowie das BA-Programm „Perspektiven für junge Flüchtlinge“ durchlaufen haben. Daneben will Wanka sich bemühen, die Arbeitsmarktperspektiven für junge Flüchtlinge über 21 Jahren auch gesetzlich zu verbessern.

Bürokratische und emotionale Hürden abbauen

Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer sagte anlässlich der Präsentation des Programms, trotz 17.000 offener Stellen in den Handwerksbetrieben im Vorjahr würden qualifizierte Bewerber benötigt: „Wir brauchen keine Schubkarrenschieber, wir brauchen Fachkräfte.“ In den 550 Bildungsstätten des Handwerks könnten viele Flüchtlinge entsprechend vorbereitet werden. Allerdings bräuchten die Betriebsinhaber „keine zusätzlichen bürokratischen Hürden und auch keine emotionalen“, etwa im Falle eines nicht geklärten Asylstatus. Auch BA-Chef Frank-Jürgen Weise sagte, wichtig sei eine rasche Feststellung dieses Status, denn: „Wer nicht anerkannt ist, wird nicht eingestellt.“ Weise erklärte außerdem, es könne schwierig werden, gerade auch im Schriftlichen die notwendigen Sprachkenntnisse zu vermitteln. Zudem müsse den Flüchtlingen vermittelt werden, wie wertvoll eine Ausbildung im Handwerk sei, auch wenn sich dort zunächst nicht so viel Geld verdienen lasse wie in anderen Jobs. Handwerkspräsident Wollseifer hofft, dass die Abbrecherquoten durch die in dem Programm vorgesehene gezielte Vorbereitung auf eine Lehre gedrückt werden.

Kritik vom DGB: Keine Konkurrenz zwischen Einheimischen und Flüchtlingen

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack kritisierte, die Initiative greife viel zu kurz. „Für die Integration in Ausbildung brauchen wir keine Insellösungen für einzelne Wirtschaftszweige.“ Notwendig seien Angebote, die Einheimischen und Geflüchteten offenstehen müssen. „Eine Bildungskonkurrenz zwischen Einheimischen und Flüchtlingen dürfen wir nicht zulassen.“ Die IG Metall hatte erst vergangene Woche ein Konzept für ein betriebliches „Integrationsjahr“ vorgelegt, das nicht nur anerkannten Flüchtlingen, sondern auch Langzeiterwerbslosen eine Brücke in Qualifizierung und Job bauen könnte.

Arbeitgeber fordern Bleibegarantie für Azubis und gesetzliche Lockerungen bei der Zeitarbeit

Vize-Arbeitgeberpräsident Gerhard Braun fordert derweil den Wegfall von Hürden für Zeitarbeit, um Flüchtlinge schneller in Jobs zu bringen. «Das Beschäftigungsverbot für Flüchtlinge in der Zeitarbeit von 15 Monaten muss fallen, weil Zeitarbeit ein wichtiger Einstieg in den Arbeitsmarkt ist», sagte der Vizechef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) der Deutschen Presse-Agentur. Im Oktober hatte die Bundesregierung das Zeitarbeitsverbot für Asylbewerber zwar gelockert - zuvor gab es für eine Sperre von vier Jahren. Wirtschaftsvertretern geht das allerdings nicht weit genug. Braun dringt auch auf eine Bleibegarantie für Azubis. «Wenn ein Flüchtling eine Ausbildung macht, muss er und sein Arbeitgeber sicher sein, dass er während der drei Jahre nicht abgeschoben wird und auch nicht zwei Jahre danach», sagte er.

 

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Mehr zu den rechtlichen Voraussetzungen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen sowie Praxisbeispiele für Unternehmensinitiativen und zur Rekrutierung von Flüchtlingen lesen Sie im Personalmagazin Ausgabe 1/2016.

Schlagworte zum Thema:  Flüchtlinge, Integration, Ausbildung, Arbeitsmarkt, Handwerk

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