Ignoranz und Arroganz im Jobinterview
Nicht nur unzureichende Online-Prozesse, auch schlecht geführte Jobinterviews können das Aus für Arbeitgeber bedeuten. 30 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber haben schon einmal einen Bewerbungsprozess abgebrochen, weil ihnen das Verhalten ihrer Gesprächspartner im Vorstellungsgespräch nicht gefallen hat. Bei Jobsuchenden mit Hochschulbildung (32 Prozent) ist der Anteil etwas höher als bei Personen mit einfachem Schulabschluss (28 Prozent). Das fand Softgarden E-Recruiting in einer Online-Umfrage unter 5.177 Bewerberinnen und Bewerbern heraus.
Wenn Arbeitgeber den Job nicht beschreiben können
Die Gründe für diese hohe bewerberseitige Abbruchrate sind in kommunikativen Mängeln auf Arbeitgeberseite zu finden: 82 Prozent der Befragten sagen, dass es ein K.-o.-Kriterium ist, wenn der Gesprächspartner während des Jobinterviews nicht erklären kann, worin der Job genau besteht. Arrogantes Verhalten, das Bewerbenden das Gefühl der Unterlegenheit vermittelt (78 Prozent) sowie Herumdrucksen beim Gehalt (76 Prozent) lassen die Befragten fast genauso häufig ihre Bewerbung zurückziehen. Aber auch Selbstbezogenheit und Desinteresse am Gesprächspartner (70 Prozent) sowie ein ausweichendes Verhalten, wenn die Unternehmen auf schlechte Arbeitgeberbewertungen im Internet angesprochen werden (65 Prozent) gelten einer Mehrheit als K.-o.-Kriterien im Bewerbungsprozess.
Wenn Arbeitgeber keine konkreten Gehaltsangaben machen
Und wie sieht das in der Jobinterview-Realität aus? Hier erlebt fast jede dritte Bewerberin bzw. jeder dritte Bewerber, dass die Interviewpartner aus dem Unternehmen nicht erklären können, worin der Job besteht, oder dass sie beim Gehalt um den heißen Brei herumreden. Jeder Vierte gewinnt den Eindruck, dass die Gesprächspartner ein Gefühl der Unterlegenheit vermitteln oder dass sie an ihrem Gegenüber desinteressiert sind. 17 Prozent der Befragten gaben an, dass sie das Thema Arbeitgeberbewertungen im Jobinterview angesprochen haben und darauf ein ausweichendes Verhalten erlebten.
Wenn Arbeitgeber Desinteresse zeigen
Auch die weit über 1.000 Kommentare und Berichte zu Jobinterviews, die die Befragten im Freitextfeld angegeben haben, zeigen, dass solche Verhaltensweisen im Jobinterview mit konkreten Erfahrungen belegt sind. Am häufigsten finden sich hier Berichte über despektierliches Verhalten, aber auch andere K.o.-Kriterien kommen vor, zum Beispiel mangelnde Diversity. Einige Beispiele:
- "Der Vorgesetzte war ein Narzisst und hat nur über sich und seine Erfolge gesprochen. Kein Wort über das Team."
- "Mir wurde mehrfach über den Mund gefahren, mit Boomer-Mindset. Belächelt und für dümmer gehalten werden, was frau ja traurigerweise gewohnt ist, was aber nicht heißt, dass man es ertragen möchte."
- "Die Damen haben nur über ihre Vita gesprochen und was mein Aufgabengebiet ist, was aber nicht mit dem Text auf Stepstone übereinstimmte. Auf bestimmte Fragen gab es keine Rückmeldungen, wie etwa nach den Sozialleistungen, weil die Dame von HR sich nicht vorbereitet hatte."
- "Es wurde nur über die Firma gesprochen… nicht über die Stelle oder das Gehalt und viel zu allgemein gehalten. Ich fühlte mich, als hätte die Gegenseite keinerlei Interesse an mir…"
- "Mir wurde im Gespräch klar, dass meine Bewerbungsunterlagen nicht wirklich gelesen wurden und es kein wirkliches Interesse an mir als Person gab. Es stellt sich heraus, dass ich nur eingeladen wurde, um eine bestimmte Anzahl an Kandidaten zu haben."
- "Gesprächspartner war schlecht gelaunt, schlecht angezogen (fleckiges T-Shirt, abgetragene Jeans), nahm meinen Lebenslauf komplett auseinander und fragte mich, wie ich denn bitte schön der Meinung sein könnte, ich würde mit diesem Lebenslauf auf die Stelle passen."
- "Der Geschäftsführer antwortete auf die Frage, was ihm in der Zusammenarbeit wichtig sei, dass er keine Fehler toleriere."
- "Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Man hat mich 30 Minuten warten lassen, vor Ort. Um mir dann mitzuteilen, dass man den Termin vergessen hat und keine Zeit für ein Gespräch hat."
- "Es fielen rassistische und diskriminierende Äußerungen und ich kam nicht zu Wort."
- "Haben mich gefragt, ob ich mein Kind zur Mutter geben könnte, dann könnten wir ja weiter über eine Einstellung reden. Bin alleinerziehender Vater. Und damals war mein Kind noch sehr klein."
Die Sichtweise der Kandidatinnen und Kandidaten fehlt
Diese und die vielen weiteren Beispiele aus den Kommentaren der Befragten zeigen, dass viele Arbeitgeber die Sichtweise der Bewerbenden außen vor lassen. Das gilt nicht nur für den digitalen Bewerbungsprozess, der ein unkompliziertes Ausfüllen des Bewerbungsformulars und eine schnelle Rückmeldung durch den Arbeitgeber beinhalten sollte, sondern eben auch für das Jobinterview. Dort sollten die Stellensuchenden, ihre Person sowie ihre Kenntnisse und Erfahrungen im Mittelpunkt stehen. Und sie sollten konkrete Antworten auf ihre Fragen zur neuen Aufgabe und zum Arbeitsumfeld erhalten.
Denn wenn sie einen Bewerbungsprozess zu diesem Zeitpunkt abbrechen, sind Zeit, Geld und Mühe, die in den bisherigen Prozess investiert wurden, umsonst gewesen – nicht nur für die Bewerbenden, sondern auch für die Arbeitgeber. Das bestätigt ein weiterer Bewerberkommentar:
"Über meine Gehaltsvorstellungen gesprochen. Im Nachgang noch zwei weitere Live-Termine vereinbart und beim Durchschauen des Vertrags festgestellt, dass das monatliche Gehalt um 1.000 Euro von meinem erwähnten Gehalt abweicht. Schade, dass im Vorfeld nicht einmal darüber gesprochen wurde, dadurch haben der Arbeitgeber und ich viel Zeit und Geld verloren."
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