Resilienz stärken? Auf jeden Fall. Aber dazu muss man wissen, was darunter verstanden wird, welche Modelle oder Ansätze es gibt und welche Rolle Resilienz im Betrieblichen Gesundheitsmanagement spielen kann.

Resilienz bezeichnet in der Psychologie die Widerstandsfähigkeit von Menschen gegenüber Belastungen, andauerndem Stress und Veränderungen oder Traumata. Resilienz ist die Fähigkeit, sich von Krisensituationen ohne anhaltende Beeinträchtigungen zu erholen. Bislang gibt es kein einheitliches Verständnis davon, welche Eigenschaften oder Verhaltensweisen genau mit dem Begriff Resilienz gemeint sind. Einige Konzepte beinhalten aber einen Wachstumsgedanken: Demnach sind Menschen besonders resilient, die an Krisen wachsen und Veränderungen als Chance begreifen.

Individuelle und organisationale Resilienz

Der Begriff Resilienz kann nicht nur auf einzelne Menschen (individuelle Resilienz), sondern auch auf Gruppen oder Organisationen und Unternehmen (organisationale Resilienz) angewandt werden. Er wird auch auf natürliche oder technische Systeme bezogen (Öko- oder Wirtschaftssysteme). Ein System ist resilient, wenn es seine Funktionen angesichts äußeren oder inneren Wandels aufrechterhält oder wenn es sie im Notfall auf erträgliche und allmähliche Weise einschränkt.

Definition Resilienz

Der Begriff Resilienz leitet sich vom lateinischen Verb resilire ab, das so viel wie zurückspringen oder abprallen bedeutet. Ursprünglich wurde der Begriff Resilienz in der Physik verwendet. Hier ist damit die Eigenschaft eines Werkstoffs gemeint, nach einer Verformung durch Druck und Belastung von außen wieder in die ursprüngliche Form zurückzufinden.

Resilienz: Schutzfaktoren

In der Psychologie wurde der Begriff zuerst vorwiegend auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bezogen. Die Psychologin Emmy Werner führte Anfang der 1950er-Jahre Forschungen auf Hawaii zur Entwicklung von Kindern aus schwierigen Familienverhältnissen durch. Sie versuchte, diejenigen Schutzfaktoren zu finden, die bei einem Teil der Kinder zu einer positiven Entwicklung zu stabilen und gut integrierten Erwachsenen führten. Inzwischen wurden in zahlreichen Studien wichtige Resilienzfaktoren für Kinder und Jugendliche gefunden.

Inzwischen wurde der Resilienzgedanke auch auf Erwachsene übertragen. Allerdings gibt es nach wie vor kein einheitliches Konzept der Resilienz. Einige Forscher bezweifeln, dass Resilienz überhaupt ein neuer Ansatz gegenüber bereits existierenden psychologischen Konzepten ist (z. B. Coping, Hardiness, Salutogenese). Andere Wissenschaftler sehen in der Resilienz durchaus ein eigenes Konstrukt, fassen dennoch unterschiedliche Fähigkeiten oder Verhaltensweisen darunter.

Resilienz lernen

Es wird davon ausgegangen, dass Resilienz zu einem gewissen Teil genetisch bestimmt ist, dass zur Resilienz aber auch Einstellungen, Verhaltensweisen und Fähigkeiten gehören, die sich fördern und trainieren lassen.

Gerade in der betrieblichen Gesundheitsförderung gewinnt das Resilienzkonzept immer mehr an Bedeutung. Es wird als eine vielversprechende Möglichkeit zur Prävention von psychischer Beanspruchung, negativen Stressfolgen und Burnout angesehen. Da auch in den nächsten Jahrzehnten mit einer zunehmenden Stressbelastung in Unternehmen gerechnet werden muss, wird die Förderung der Resilienz zu einem zusätzlichen Interventionsansatz der Gesundheitsförderung, neben der Verringerung der eigentlichen Stressbelastung.

Kritische Stimmen zur Resilienz

Es wird allerdings auch Kritik am Resilienzkonzept und seiner Anwendung in der betrieblichen Gesundheitsförderung geäußert. Kritiker meinen, dass durch die Resilienzförderung Arbeitnehmer möglicherweise nur fit gemacht werden sollen für eine psychisch immer belastendere Arbeitswelt. Der Fokus solle stattdessen auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, also z. B. die Reduzierung der Stressbelastung, gelegt werden.

Wirkungen der Resilienz

Verschiedene Forschungsprojekte haben gezeigt, dass sich eine gute Resilienz nicht nur in einem günstigen Umgang mit Krisen und deren Bewältigung zeigt, sondern auch noch umfassendere Auswirkungen hat:

  • weniger körperliche Beschwerden,
  • schnellere Erholung,
  • weniger Ängste,
  • weniger Depressionen,
  • mehr Lebenszufriedenheit.

Resilienz scheint sich also deutlich positiv auf das gesamte (körperliche, psychische und soziale) Wohlbefinden der Menschen auszuwirken.

Resilienzforschung und Resilienzkonzepte

Dem Begriff Resilienz liegt kein einheitliches psychologisches Konzept zugrunde. Verschiedene Forscher und Experten arbeiten mit unterschiedlichen Konzepten, die sich zwar teilweise überschneiden, aber jeweils andere Faktoren umfassen oder die Wichtigkeit der einzelnen Faktoren anders gewichten. Wichtig für die praktische Arbeit in der Resilienzförderung ist aber, ein Konzept zugrunde zu legen, damit Maßnahmen nicht beliebig, sondern nachvollziehbar durchgeführt werden.

Die 7 Säulen der Resilienz

Das Resilienzmodell, das in Deutschland eine recht weite Verbreitung gefunden hat und manchmal als das einzige existierende Modell dargestellt wird, sind die "7 Säulen der Resilienz" nach Ursula Nuber:

  1. Optimismus: Grundlage jeder Krisen- und Konfliktbewältigung ist der Glaube daran, dass Krisen zeitlich begrenzt und überwindbar sind. Optimismus beinhaltet auch die Überzeugung, auf die Ereignisse im Leben Einfluss ausüben zu können.
  2. Akzeptanz: Krisen werden akzeptiert, den Tatsachen wird ins Auge geblickt, sodass Schritte zur Bewältigung unternommen werden können.
  3. Lösungsorientierung: Es werden Lösungen für die Krise gesucht und der Versuch unternommen, die Kontrolle über das Leben zurückzugewinnen.
  4. Opferrolle verlassen: Sich wieder auf die eigenen Stärken besinnen und die Realität angemessen interpretieren. Sich wie ein "Stehaufmännchen" verhalten.
  5. Verantwortung übernehmen: Weder die Schuld auf andere schieben, noch sich selbst zum Sündenbock machen, sondern in angemessener Weise Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen.
  6. Netzwerkorientierung: Ein stabiles Netzwerk aufbauen und pflegen.
  7. Zukunftsplanung: Durch gute Vorbereitung sollen zukünftige Krisen möglichst vermieden, zumindest aber möglichst gut bewältigt werden.

Resilienzmodell von Al Siebert

Die Besonderheit des Resilienzmodells von Al Siebert ist ein stufenweiser Aufbau ist. Er stellt nicht alle Faktoren nebeneinander, sondern unterscheidet eine Grundstufe mit Basisfertigkeiten und -verhaltensweisen, die sich erlernen lassen. Darüber stellt er eine Aufbaustufe, die fortgeschrittenere Fähigkeiten und Einstellungen umfasst.

Für die einzelnen Stufen empfiehlt Siebert jeweils Übungen zur Förderung resilienter Verhaltensweisen oder Einstellungen. Dieses Modell eignet sich auch gut als Grundlage für die Resilienzförderung im Betrieb, da es explizit die Punkte Gesundheit fördern und Belastungen reduzieren enthält. Auch das Erlernen von Techniken zur Problemlösung ist im betrieblichen Kontext gut anwendbar.

Individuelle Resilienz stärken

Je nachdem, welches Resilienzmodell zugrunde gelegt wird, ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten zur Förderung der Resilienz. Sinnvoll scheint auf jeden Fall ein möglichst frühzeitiges und präventives Vorgehen zu sein.

Eine gezielte Förderung der Resilienz ist angezeigt bei Risikogruppen, die z. B. durch ihren Beruf großen Belastungen ausgesetzt sind. In den USA wird ein Programm zur Förderung der Resilienz von Soldaten in der Armee eingesetzt. Aber auch andere Zielgruppen, z. B. Mitarbeiter auf Intensivstationen in Krankenhäusern oder in Beschwerdeabteilungen, können sicherlich von einer Resilienzförderung profitieren.

Es kann davon ausgegangen werden, dass jeder Mensch eine eigene Mischung aus Fähigkeiten und Einstellungen hat, die die persönliche Resilienz ausmachen. So können ausgeprägte Stärken in einem Bereich wahrscheinlich Schwächen in einem anderen ausgleichen. Es gibt also keinen Fähigkeitskanon, über den jeder verfügen muss, sondern eher eine Art Werkzeugkoffer, aus dem sich jeder Mensch die für ihn passenden Methoden in geeigneter Ausprägung zusammenstellt.

Resilienztraining

Da Resilienz viel mit den persönlichen Einstellungen zu tun hat, lässt sich Resilienz auch durchaus im Eigenstudium weiterentwickeln, z. B. mithilfe von Büchern. Sinnvoller erscheint jedoch die Vermittlung in Gruppen, z. B. durch Resilienztrainings, wegen der verbesserten Lerneffekte durch Lernen am Modell oder Hinterfragen eigener Einstellungen.

Resilienztrainings sollten, je nach verwendetem Resilienzkonzept, einige oder alle der folgenden Faktoren thematisieren:

  • Begriffsklärung: Was ist Resilienz? Eigenschaften resilienter Menschen.
  • Einschätzung der eigenen Resilienz
  • Gesundheit und Wohlbefinden optimieren: Kraftquellen erschließen, Belastungen reduzieren.
  • Soziales Netz stärken: Einschätzung des vorhandenen sozialen Netzes und Möglichkeiten zum Ausbau oder zur Stärkung finden.
  • Probleme lösen: Verschiedene Techniken zur Lösung von Problemen erlernen.
  • Selbstvertrauen stärken: Nur das Bewusstsein, mit Krisen umgehen zu können, ermöglicht es, Probleme überhaupt aktiv anzupacken.
  • Optimismus üben: Eigene Einstellungen und Gedankenmuster erkennen, kritisch hinterfragen und ggf. zum Positiven verändern.
  • Akzeptanz von Krisen: Krisen und Veränderungen als Teil des Lebens begreifen. Krisen auch als Wachstumschancen und Möglichkeit für Lernerfahrungen erkennen lernen.
  • Resilienzentwicklungsplan: Jeder Teilnehmer an einem Resilienztraining sollte planen, welche resilienzfördernden Aktivitäten nach dem Training ausgeführt werden.

Resilienztrainings können in verschiedenen Settings angeboten werden, z. B. als offene Seminare für Teilnehmer, die aus unterschiedlichen Bereichen kommen und sich im Allgemeinen nicht kennen. Auch viele Unternehmen bieten inzwischen Resilienztrainings für ihre Mitarbeiter an, teilweise auch spezielle Trainings für Führungskräfte.

Siehe dazu auch detailliert: Förderung der individuellen Resilienz im Unternehmen.

Organisationale Resilienz

Der Begriff Resilienz kann auch auf ganze Systeme, z. B. Organisationen und Unternehmen, angewendet werden. Hier ist die Begrifflichkeit allerdings noch weniger geklärt und vereinheitlicht, als bei der Resilienz von Personen.

Es stellt sich die Frage nach geeigneten Messgrößen von Resilienz in Organisationen. Soll z. B. eine besonders langlebige Organisation als resilient bezeichnet werden? Unter diese Kategorie würden dann auch Kirchen oder Behörden fallen. Oder sollen Organisationen als resilient gelten, die besonders produktiv und erfolgreich sind? Auch ein gelungener Umgang mit Veränderungen oder eine geringe Fluktuation könnten Messgrößen der Resilienz sein.

Es gibt auch noch kein einheitliches Verständnis von den Resilienzfaktoren für Organisationen. Auch hier ist davon auszugehen, dass es keinen einheitlichen Satz von Resilienzfaktoren geben kann, der auf jede Organisation anwendbar ist. So verdanken z. B. Behörden ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Veränderungen eher äußeren Stützfaktoren wie einer sehr starren Hierarchie und ausgefeilten Regelsystemen. Start-up-Unternehmen müssten sicherlich ganz andere Eigenschaften aufweisen, um als resilient zu gelten.

Hilfreiche Strategien zu Stärkung der organisationalen Resilienz könnten z. B. sein:

  • Analyse von eigenen Stärken und Schwächen;
  • Reduktion von Risiken, Aufbau von Kraftquellen und Reservesystemen;
  • Krisenszenarien und Frühwarnsysteme aufbauen und für die gravierendsten Risiken Aktionspläne erstellen;
  • Problemlösefähigkeiten von Mitarbeitern, Führungskräften und Teams stärken;
  • soziale Kontakte und den Zusammenhalt innerhalb der Organisation stärken;
  • Resilienz der Führungskräfte fördern;
  • Resilienz in die Personalauswahl und -entwicklung integrieren;
  • gemeinsame Werte entwickeln und eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung leben.

Siehe dazu auch detailliert: Förderung der organisationalen Resilienz im Unternehmen.