Umgang mit Zement / 2.1 Hauterkrankungen durch Zement

Der hohe pH-Wert ist technologisch notwendig, birgt allerdings für den Verarbeiter die Gefahr von Verätzungen. Dementsprechend werden immer wieder schwere Verätzungen gemeldet. Nahezu klassisch ist das Knien im frischen Estrich oder Beton mit keiner oder unzureichender Schutzkleidung. Im Gegensatz zum Kontakt mit Säuren wird der Hautkontakt mit alkalischen Lösungen erst nach einiger Zeit als schmerzhaft empfunden. Zu diesem Zeitpunkt besteht dann aber meist schon eine massive Verätzung. In vielen Fällen müssen dann Hauttransplantationen durchgeführt werden. Man kann davon ausgehen, dass es neben den schweren Verätzungen, die z. B. in dermatologischen Kliniken oder bei den Berufsgenossenschaften gemeldet werden, noch eine Vielzahl leichter Verätzungen gibt, die von den betroffenen Verarbeitern als völlig normale Verletzung hingenommen werden.

Abb. 1: Zementverursachte Hauterkrankungen bei allen Berufsgenossenschaften

Zement wird mit den Gefahrenpiktogrammen GHS05 und GHS07 gekennzeichnet und mit den folgenden Gefahren- und Sicherheitshinweisen versehen:

  • H315: Verursacht Hautreizungen,
  • H317: Kann allergische Hautreaktionen verursachen,
  • H318: Verursacht schwere Augenschäden,
  • H335: Kann die Atemwege reizen,
  • P260: Staub nicht einatmen,
  • P280: Schutzhandschuhe/Schutzkleidung/Augenschutz tragen,
  • P305+P351+P338+P310: Bei Berührung mit den Augen: Einige Minuten lang behutsam mit Wasser ausspülen. Eventuell vorhandene Kontaktlinsen nach Möglichkeit entfernen. Weiter ausspülen. Sofort Giftinformationszentrum oder Arzt anrufen,
  • P302+P352+P333+P313: Bei Berührung mit der Haut: Mit viel Wasser und Seife waschen.

Einstufung und Kennzeichnung von Produkten unterliegen grundsätzlich der Verantwortung der Hersteller. Als Hintergrund für die offensichtliche Diskrepanz zwischen den Erfahrungen in der Praxis und der Kennzeichnung wird vermutet, dass die Ätzwirkung bei Einwirkung von Zementlösung auf die Haut und gleichzeitiger Druckausübung (Knien im frischen Beton) bzw. unter bestimmten Umgebungsparametern (hohe Luftfeuchtigkeit und hohe Temperaturen) erfolgt. Diese Bedingungen werden bei den üblichen Untersuchungen zur Einwirkung von Stoffen auf die Haut nicht berücksichtigt.

Bei der Handhabung von Zement bestand bis 2005 für den Verwender noch eine weitere, wesentlich größere Gefahr: eine durch Zement verursachte Allergie. Als "Maurerkrätze" werden alle durch Zement verursachten Ekzeme bezeichnet, wobei nicht zwischen

  • allergischen (durch das im Zement enthaltene Chrom(VI) verursacht) und
  • irritativen (durch die Alkalität des Zementes sowie Zement- und Sandbestandteile verursachte Verletzungen)

Erkrankungen unterschieden wird. Statistiken der skandinavischen Länder und der ehemaligen DDR kann allerdings entnommen werden, dass 90 % der durch Zement verursachten Ekzeme allergischer Natur waren.

Auslöser dieser Allergien waren die im Zement in Spuren enthaltenen wasserlöslichen Chrom(VI)-Verbindungen (auch als Chromat bezeichnet). Das Chromat entsteht beim oxidativen Brennen der Rohstoffe aus den enthaltenen Chrombestandteilen. Ermittlungen der Berufsgenossenschaften der Bauwirtschaft Ende der 90er-Jahre haben bei den in Deutschland erhältlichen Portlandzementen einen Chromatgehalt zwischen 3 und 35 ppm ergeben (Kersting, 1994) und damit Ergebnisse früherer Jahre bestätigt (Pisters, 1966).

Durch den dauernden Kontakt mit Chrom(VI)-Ionen gelangen diese durch die Haut in den Körper. Hier wird das Chrom(VI)- zum Chrom(III)-Ion reduziert, dem sogenannten Hapten. Das Hapten bildet zusammen mit einem körpereigenen Protein das für die Sensibilisierung verantwortliche Antigen. Die Sensibilisierung ist abhängig von der Menge und der Dauer der Exposition, also von der Konzentration der Chromat-Ionen im Zement und der Dauer des Umgangs mit Zement.

Der Einsatz von chromatarmen Zementen stellt für die Verarbeiter keine Veränderung der Arbeitsweise dar. In den meisten Fällen werden die Produkte auch so schnell verbraucht, dass die abnehmende Wirksamkeit der Reduktionsmittel keine Rolle spielt. Anhand der Historie der Chromatreduzierung kann gezeigt werden, wie lange es dauerte, um Chromat aus dem Zement zu eliminieren. Dies wurde am Ende nur durch eine europäische Richtlinie erreicht, die zu einen Änderung der Chemikalienverbotsverordnung führte.

2.1.1 Historie der Chromatreduzierung

1950 wurde erstmals wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Arbeiter, die ein Ekzem bei der Verarbeitung von Zement bekommen hatten, auch eine allergische Reaktion auf Chromat zeigten. Die nun einsetzenden Versuche zur Eliminierung des Chromats aus dem Zement erwiesen sich als wenig praktikabel, da entweder das Zusatzmittel den Zement erheblich teurer gemacht hätte oder die Eliminierung des Chromates in der stark alkalischen Zementmischung nicht funktionierte. 1971 wurde erstmalig über die Reduzierung des Chromates durch Zugabe von Eisen(II)sulfat zum Zement berichtet.

In den skandinavischen Ländern wird seit den 80er-Jahren nur noch chromatarmer Zement verwendet. Seit 1981 wird von einem dänischen Hersteller ...

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