Zusammenfassung

 
Überblick

Die Arbeitsschutzakteure haben in den vergangenen Jahren gute und erfolgreiche Arbeit bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen und Arbeitsbedingungen geleistet. Die meisten Menschen können heute sicher arbeiten, ohne Gesundheitsgefahren befürchten zu müssen. Dennoch ereignen sich nach wie vor sicherheitskritische Zwischenfälle oder es passieren Unfälle. Wenn es also nicht primär an mangelnder Technik oder gesundheitsschädlichen Rahmenbedingungen bei der Arbeit liegt, müssen andere Einflussgrößen wirksam werden.

1 Der "Faktor Mensch" in der Arbeitssicherheit

Analysiert man Unfälle und Beinahe-Unfälle genauer, zeigt sich, dass die meisten Vorkommnisse nicht auf technische Mängel oder ein der Arbeitsausführung nicht förderliches Umfeld zurückzuführen sind. Sie werden häufiger durch organisatorische Unzulänglichkeiten, aber v. a. durch unangemessene oder unpassende Verhaltensweisen verursacht. Dies lässt sich auch statistisch belegen: Je mehr man sich um die technischen Aspekte der Arbeitssicherheit bemüht, desto geringer wird die Gesamtzahl der Unfälle. Desto höher wird aber auch der relative Anteil menschlichen Verhaltens am Zustandekommen von Unfällen.

 
Wichtig

Faktor Mensch im Arbeitsschutz

Verschiedene Quellen sprechen von 76–96 % aller Unfälle, die durch menschliches Verhalten verursacht werden.[1]

Nun ist das Problem nicht gelöst, indem man einen Schuldigen identifiziert hat. "Fehlverhalten" oder "menschliches Versagen" als Klassifizierung sagt nichts darüber aus, warum sich jemand falsch oder unangemessen verhalten hat. Für "unpassendes" Verhalten gibt es meist einen Grund, und der ist für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar. Die meisten Menschen haben ihre "guten Gründe", warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten und vorgeschriebene Verfahrensregeln außer Acht lassen.

Mit diesem Konflikt – normierte Verfahrensweisen versus individuelle Gründe – beschäftigt sich die "Psychologie der Arbeitssicherheit". Sie erforscht, warum Menschen in bestimmten Situationen arbeitssicher und in anderen sicherheitswidrig reagieren. Fragen, die an sie gerichtet werden, lauten:

  • Warum manövrieren sich Mitarbeiter in gefährliche Situationen?
  • Wie nehmen Menschen Situationen wahr?
  • Warum hält man sich nicht an Vorschriften?
  • Was kann man tun, um sicherheitswidriges Verhalten in sicheres Verhalten zu überführen?

Erkenntnisse aus der Wahrnehmungs-, Lern- und Motivationspsychologie liefern Antworten.

[1] Bördlein, Faktor Mensch in der Arbeitssicherheit, BBS, 2009, S. 18.

2 Wie kommt es überhaupt zu (Arbeits-)Unfällen?

Bei der Analyse von Unfallursachen und sicherheitskritischen Zwischenfällen hat man 3 Bereiche identifiziert, denen diese Vorkommnisse zugeordnet werden können: die Technik, die Organisation und/oder die Person. Diese Triade wird als T-O-P-System bezeichnet.

Zu den technischen Ursachen, die Unfälle hervorrufen oder begünstigen, zählen veraltete Maschinen, mangelnde Schutzvorrichtungen oder fehlende Gurtsysteme im Gabelstapler. Diese Mängel lassen sich relativ leicht abstellen, auch wenn damit bisweilen hohe Kosten verbunden sind. Bei Mängeln in der Arbeitsorganisation – fehlende Wartung von Maschinen und Fahrzeugen, keine Unterweisungen, keine passgenauen und akzeptierten Schutzkleidungen und -ausrüstungen – wird es schon komplexer, diese zu beseitigen. Noch schwieriger wird es, wenn Einfluss auf das menschliche Verhalten genommen werden soll, da dieses von vielen Faktoren abhängt.

 
Wichtig

Wechselwirkung der T-O-P-Faktoren

Meist sind es mehrere Faktoren, die bei der Entstehung eines Unfalls unglücklich zusammenwirken. Eine Überladung eines Gabelstaplers (Technik), gekoppelt mit der Lust am Risiko führt eher zu einem Unfall, als das alleinige Ausleben des Risikobedürfnisses (Person). Hätte jemand eine potenzielle Unfallstelle abgesichert (Organisation), wäre es trotz fehlender Gurtsicherung (Technik) nicht zu einem Zwischenfall gekommen. Erst eine genaue Unfallursachenanalyse erlaubt es, Unfallursachen und Gefahrenquellen zu identifizieren und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um sie abzustellen.

3 Der Mensch in der Arbeitswelt

Den menschlichen Anteil an Unfällen und Störfällen kann man zurückführen auf

  • eine fehlerhafte Wahrnehmung der Situation,
  • ungenügendes Wissen und mangelhaftes Können,
  • fehlende Motivation,
  • unausgesprochene Verhaltenserwartungen an die Mitarbeiter seitens des Betriebs,
  • einfaches Dulden von sicherheitswidrigen Verhalten durch den Vorgesetzten.

Daneben spielen Erfahrungen, Alter, Ablenkung, mangelnde Aufmerksamkeit und gesundheitliche Beeinträchtigungen eine Rolle im Unfallgeschehen. Plakativ lässt sich dies umschreiben mit

  • Nicht-Sehen,
  • Nicht-Wissen,
  • Nicht-Können,
  • Nicht-Müssen,
  • Nicht-Dürfen und
  • Nicht-Wollen.

Aus den Gründen für unerwünschtes Verhalten ergeben sich gleichzeitig Ansatzpunkte für eine Verhaltensbeeinflussung (Abb. 1).

Abb. 1: Gründe für sicherheitswidriges Verhalten – gleichzeitig Ansatzpunkte zur Verhaltensbeeinflussung

3.1 Nicht-Sehen – Wahrnehmen

Die Wahrnehmung von Situationen, die zutreffende Interpretation von Situationsaspekten sowie die Ableitung adäquater Handlungen sind Voraussetzung für sicheres Handeln. Es zeigt si...

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