Nachhaltigkeit ist eine Frage der Genügsamkeit
Allmählich setzt sich Einsicht durch, dass es allein mit technischem Fortschritt, also „grünen“ Innovationen, nicht gelingt, die zeitgenössische Wohlstandsarchitektur von ökologischen Schäden zu entkoppeln. Folglich kann die menschliche Zivilisation nur überleben, wenn sie ihre materiellen Ansprüche an das anpasst, was bei global gerechter Verteilung innerhalb planetarer Grenzen verfügbar ist. Ein weiterer Grund, maßvollere Lebensstile zu akzeptieren, besteht darin, dass ein komplexes und global verflochtenes Wohlstandsmodell extrem verletzlich ist, wie vergangene und aktuelle Krisen zeigen. Im Gegensatz dazu würde eine resiliente Versorgungsform auf kürzeren Lieferketten, regionaler Produktion und Selbstversorgungskompetenzen basieren. Diese würde einen suffizienten Lebensstil voraussetzen.
Für suffiziente Daseinsformen spricht außerdem, dass die Wirkung des zeitgenössischen Wohlstandes ab einer Sättigungsgrenze ins Gegenteil umschlagen kann. Zunehmende Reizüberflutung und Überforderung kennzeichnen den Alltag moderner Gesellschaften. Während der Nullerjahre, also innerhalb nur eines einzigen Jahrzehnts, hat sich die Anzahl der Antidepressiva-Verschreibungen in Deutschland verdoppelt. Kein Wunder: Das Leben ist vollgestopft mit Terminen, Produkten, Dienstleistungen, Fortbewegung und Erlebniskonsum. Ein Übriges bewirkt die nicht endende Flut digitaler Signale, die pausenlos abgerufen werden müssen, um nichts zu verpassen. Dies alles kann niemand mehr verarbeiten, ohne in Stress zu geraten. Denn damit sich Objekte und Handlungen positiv auf die Lebensqualität auswirken, muss ihnen Zeit gewidmet werden – und die ist nicht vermehrbar, sondern inzwischen zum Engpassfaktor menschlichen Wohlbefindens geworden. Das moderne Dasein ähnelt einem Gefäß, das unter einem Dauerregen der Entfaltungsangebote langsam überläuft.
Suffizienz als Rückkehr zum „menschlichen Maß“
Erstmals in der Historie ist eine Wirtschaft vonnöten, die nicht darauf zielt, das Quantum an Gütern und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten permanent zu vermehren, sondern im Gegenteil einen sorgsamen Rückbau zu organisieren. Dabei kommt der Suffizienz, oft mit einer Rückkehr zum „menschlichen Maß“ (Schumacher 1973) oder dem Motto „All you need is less“ (Folkers/Paech 2020) assoziiert, eine tragende Bedeutung zu. Sie ist orientiert an der Leitfrage: Von welchen unnützen Dingen ließen sich überbordende Lebensstile, die Ökonomie und die Gesellschaft als Ganzes befreien? In einer bewussten Ignoranz gegenüber allem Überflüssigen liegt ein Schlüssel zur Lebenskunst des 21. Jahrhunderts. Suffizienz umfasst drei Ausprägungen, erstens die Selbstbegrenzung eines erreichten Versorgungsumfangs anstelle seiner weiteren Ausdehnung, zweitens die Reduktion eines bestimmten Anspruchsniveaus, ohne jedoch die betreffende Aktivität gänzlich zu tilgen, und drittens die vollständige Vermeidung einer Option.
Freiraum statt Verzicht
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