KI bringt Coaching-Grundsätze ins Wanken
Ein von einer Künstlichen Intelligenz (KI) gesteuerter Coaching-Chatbot könne einen menschlichen Coach vollständig ersetzen – allerdings nur unter ganz spezifischen Umständen wie zum Beispiel beim Erreichen von beruflichen Zielen im unteren und mittleren Management. Das erklärte Professor Nicky Terblanche von der südafrikanischen Stellenbosch Business School, Kapstadt, in seiner Keynote auf dem "Future Workforce Summit".
Die Veranstaltung wurde von der deutschen Sektion der International Coaching Federation (ICF Germany) Ende Juni in Berlin durchgeführt. Terblanche sprach über wissenschaftlich bestätigte Erfolge des KI-Chatbots "Coach Vici", der auf der Basis der "Theory of Goal Setting und Task Performance" Coaching-Gespräche führt. Da dieser "Goal Setting"-Ansatz sehr strukturiert sei, eigne er sich gut als Grundlage für ein Coaching-Gespräch, das das KI-Tool ChatGPT ergänzt um einige Coaching-Prompts führen könne.
Im Widerspruch zu bisherigen Coaching-Annahmen
Terblanche berichtete außerdem von Forschungsergebnissen, die an seiner Universität zum Thema KI-Coaching gesammelt wurden und die zum Teil im Widerspruch zu den bisherigen Erfahrungen und Grundsätzen der Coaching-Branche stehen:
- Wer sich von KI-Coaching-Chatbots helfen lasse, habe oft nichts dagegen, konkrete Ratschläge für sein Anliegen geliefert zu bekommen. Mehr denn je sollen laut Terblanche Coaches darüber nachdenken, auf die alte Regel, immer nur Fragen zu stellen, unter bestimmten Bedingungen zu verzichten. Gleichzeitig müsse den Coachees deutlicher denn je gesagt werden, dass sie selbst dafür verantwortlich seien, welche Ratschläge von ihnen beherzigt würden.
- Auch sei es überraschend, dass nicht etwa junge, männliche Nerds sich am liebsten von einem KI-Chatbot coachen ließen. Vielmehr würde zum Beispiel "Coach Vici“ am meisten von berufstätigen Frauen mittlernen Alters genutzt, die einen Wiedereinstieg in die Arbeitswelt zu bewerkstelligen hätten.
- Wer dachte, Menschen hätten Hemmungen, mit einer KI über ihre beruflichen Probleme zu reden, der täuscht sich offenbar. Laut Terblanche spricht eine Mehrheit der Befragten gerne mit einer KI, weil man ihr absolute Verschwiegenheit unterstellt und von ihr niemals für etwas verurteilt wird.
- Wer denkt, einem KI-Chatbot müsse (in Form eines Avatars) ein möglichst perfektes menschliches Gesicht verpasst werden, liegt ebenfalls falsch. Nur wenn ein Chatbots als künstliches Wesen optisch mehr oder weniger deutlich zu erkennen sei, würden die Menschen sich auf ein vertrauensvolles Gespräch einlassen.
- Auch die gängige Vermutung, dass Introvertierte lieber mit einem Chatbot schriftlich kommunizieren würden, bestätigte sich nicht. Introvertierte nutzten in den südafrikanischen Experimenten fast nur Spracheingaben, um mit der KI zu reden.
Change-Prozesse mit KI-Coaching begleiten
Die rund 150 Teilnehmenden beim "Future Workforce Summit" - darunter Coaching- und IT-Professionals - waren sich einig, dass der Markt für KI-Coaching-Chatbots gerade erst im Entstehen begriffen sei. Anke Paulick, langjährige KI- und Coaching-Expertin und President Elect des deutschen Chapters der International Coaching Federation (ICF), sieht gute Chancen darin, dass KI-Coaching-Chatbots schon bald von den Personalentwicklungsabteilungen dazu genutzt werden könnten, um anstehende Change-Projekte flächendeckend mit einem KI-Coach, der jederzeit verfügbar ist, zu begleiten. Die HR-Szene sei aufgefordert, die KI zu umarmen. Zeitgleich müsse eine weiterführende wissenschaftliche Forschung stattfinden. Schon jetzt sei aber klar, dass das KI-Coaching auf breiter Basis zum Erfolg von Veränderungsprojekten und zur Durchsetzung von Digitalisierungsstrategien in einem Unternehmen beitragen könnten.
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