Prof. Dr. Sabine Sonnentag ist seit 2010 Inhaberin des Lehrstuhls für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Mannheim. Bild: Haufe Online Redaktion

Nach einer Erhebung der Bundesanstalt für Arbeit und Arbeitsmedizin lagen die volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle im Jahr 2015 bei 64 Milliarden Euro. 9,5 Milliarden davon entfielen auf psychische Erkrankungen. Welche Rolle dabei moderne Technologien spielen und welchen Einfluss Führungskräfte auf die Gesundheit der Mitarbeiter haben, erläutert Professorin Sabine Sonnentag.

PERSONALquarterly: An welchen gesundheitsbezogenen Projekten haben Sie zuletzt gearbeitet und was war Ihre Rolle in dem Projekt?

Sabine Sonnentag: Ein wichtiges aktuelles gesundheitsbezogenes Projekt ist unser Forschungsprojekt Smartjob, das im größeren Konsortium Smartact der Frage nachgeht, ob und wie sogenannte „smarte“ Technologien (z.B. Smartphones) genutzt werden können, um Berufstätige darin zu unterstützen, gesünder zu essen, ungesunde Snacks zu vermeiden und sich mehr zu bewegen. Dieses Thema ist enorm wichtig, da ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung mit Krankheiten in Zusammenhang stehen und wir davon ausgehen müssen, dass bestimmte Arbeitsbedingungen zu ungesunder Ernährung und zu wenig Bewegung mit beitragen. In mehreren Studien haben wir zeigen können, dass Organisationen sich darin unterscheiden, wie sehr sie einen gesunden Lebensstil unterstützen und dass eine solche Unterstützung auch mit dem Gesundheitsverhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammenhängt.

PERSONALquarterly: Welche Rolle spielen moderne Technologien (z.B. Smartphones) im Kontext von Stresserleben und Wohlbefinden bei der Arbeit?

Sabine Sonnentag: Das ist ein wichtiges und sehr aktuelles Thema. Wenn wir uns diese Technologien anschauen, müssen wir unterscheiden zwischen Technologien, die ausschließlich bei der Arbeit genutzt werden und solchen, die bei der Arbeit und außerhalb der „eigentlichen“ Arbeit genutzt werden (können). Gerade die zweite Option hat wahrscheinlich weitreichende Konsequenzen für die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit. Die klare Trennung verschwimmt. Gewiss kann ständige Erreichbarkeit negative Konsequenzen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben; da brauchen wir somit klare Regeln, was die Erreichbarkeit angeht. Meine persönliche Sicht ist jedoch, dass derzeit teilweise zu sehr auf die negativen Aspekte der Technologien fokussiert wird. Die kann es geben und die gibt es, aber die positiven Möglichkeiten dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Unter günstigen Bedingungen können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst bestimmen, wann und wo sie welche Arbeit erledigen. Das kann für viele ein Vorteil sein.

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PERSONALquarterly: Stress lässt sich sicher nicht ganz vermeiden und ein gewisses Ausmaß könnte durchaus anregend wirken. Welche Rolle spielen jedoch Ihrer Ansicht nach Führungskräfte im Hinblick auf Stressmanagement? Was sind Ihre Empfehlungen, damit sie und ihre Beschäftigten gesund bleiben?

Sabine Sonnentag: Führungskräfte spielen eine sehr große Rolle beim Thema „Stress und Gesundheit“. Glücklicherweise wendet sich die Forschung in den letzten Jahren immer mehr diesem Thema zu. Eine kürzlich veröffentlichte Meta-Analyse, die eine Vielzahl von Einzelstudien zusammengefasst hat, zeigt, dass bei einem guten Führungsstil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesünder und wenig beansprucht sind. Dabei wurden eine Vielzahl unterschiedlicher Führungsstile betrachtet, unter anderem transformationale Führung, sowohl beziehungs- als auch aufgabenbezogene Führung und klare Kommunikationsprozesse. Führungskräfte sollten somit ein Auge dafür haben, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überfordert, aber auch wenn sie unterfordert sind. Gleichzeitig muss man bedenken, dass Führungskräfte ja nicht in einem Vakuum agieren. Sie sind ja auch in ein organisationales System eingebettet, das Anforderungen an sie stellt. Somit muss man das Thema „Führung und (psychische) Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ von der Organisationsebene her denken.

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PERSONALquarterly: Organisationen sind zunehmend daran interessiert, gesundheitsförderliche Maßnahmen zu unterstützen. Oft wird gefordert, dass Beschäftigte sich auch ausreichend von der Arbeit erholen müssten. Was ist Erholung? Was sind in diesem Zusammenhang Strategien, um langfristig bei der Arbeit gesund zu bleiben?

Sabine Sonnentag: Erholung kann man beschreiben als einen Prozess, bei dem die Beanspruchungen, die durch Arbeit aufgetreten sind, wieder reduziert werden, in dem man also idealerweise in einen „Ausgangszustand“ zurückkommt. Was ist dabei wichtig? Regelmäßige Erholung gerade auch im Alltag ist essenziell, der Urlaub alleine reicht in der Regel nicht. Unsere Forschung und die von anderen Arbeitsgruppen zeigt immer wieder, dass es sehr wichtig ist, in der Freizeit gedanklich von der Arbeit abzuschalten, also für eine gewisse Zeit die Arbeit wirklich zu vergessen. Das kann durch ganz unterschiedliche Aktivitäten geschehen, Sport zum Beispiel, aber auch ein Hobby oder Unternehmungen mit der Familie oder im Freundeskreis. Besonders hilfreich scheint es zu sein, dass man etwas tut, bei dem man wirklich alles andere vergessen kann, also eine Aktivität, in der man wirklich „aufgeht“. Wichtig ist jedoch zu betonen, dass nicht jedes Denken an die Arbeit in der Freizeit negativ sein muss, man sollte sich also nicht zwanghaft verbieten, an die Arbeit zu denken. Ungünstig ist jedoch, negativ über die Arbeit zu grübeln.

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PERSONALquarterly: Welche Stressmanagementansätze sind Erfolg versprechend? Gibt es Aspekte, die in diesem Zusammenhang in Zukunft stärker an Gewicht gewinnen werden und berücksichtigt werden sollten bei der Konzeption von Stressmanagement­ansätzen?

Sabine Sonnentag: Stressmanagement sollte immer zwei Ansatzpunkte haben: Zum einen, was kann und muss in der Organisation und am Arbeitsplatz konkret verbessert werden, sodass weniger Stresserleben entsteht? Neben den „klassischen“ Arbeitsstressoren spielt die Wahrnehmung von Fairness hier eine große Rolle. Zum anderen geht es beim Stressmanagement um die individuellen Wahrnehmungen und Reaktionen auf die Situation. Die Forschung hat gezeigt, dass sogenannte kognitive Stressmanagementansätze am vielversprechendsten sind. Bei solchen kognitiven Stress­managementansätzen geht es darum, die eigene Einschätzung von stressvollen Situationen zu überdenken, neue Bewältigungsmöglichkeiten zu entwickeln und diese zu erproben. Ich würde davon ausgehen, dass das in Zukunft auch so bleiben wird, weil solche Ansätze ja an grundlegenden menschlichen Wahrnehmungs- und Bewertungsprozessen ansetzen. Erwarten würde ich, dass in Zukunft die Anforderungen an die sogenannte Selbstregulation, also die Beeinflussung der eigenen Gedanken und Gefühle, noch steigen wird, da die Arbeitsanforderungen komplexer und auch vieldeutiger werden. Sehr vereinfacht gesagt: „Einen klaren Kopf zu behalten“, wird immer wichtiger – und da können kognitive Stressmanagementansätze sehr helfen.

Das Interview führte Prof. Dr. Judith Volmer für PERSONALquarterly.

Hinweis: Das gesamte Interview sowie mehr zum Thema Gesundheit in der Arbeitswelt lesen Sie im Schwerpunktthema der Zeitschrift PERSONALquarterly, Ausgabe 02/2018.

Schlagworte zum Thema:  Gesundheit, Stress

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