Von Astronauten lernen
Haufe Online-Redaktion: Frau Schuppenhauer, was haben Sie Luca Parmitano mit auf den Weg gegeben?
Natalie Schuppenhauer: Das Ziel des Coachings war, Luca darauf vorzubereiten, kritische Situationen zu erkennen, vorwegzunehmen und ihm Tools an die Hand zu geben, um in einer solchen Situation gut und kompetent reagieren zu können. Man hat nämlich festgestellt, dass bei den meisten Vorfällen in der Luft- und Raumfahrt die wesentlichen Informationen mit an Bord waren, aber nicht richtig genutzt wurden. Man versucht also im Training, die Situation gedanklich vorwegzunehmen und sich optimal darauf einzustellen. Das ist ein bisschen wie im Sport – daher kennt man die Themen "Peak Performance Training" und "Mental Training" ja schon.
Haufe Online-Redaktion: Wie sehen solche kritischen Situationen konkret aus?
Schuppenhauer: Ein Astronaut muss auf viele Dinge vorbereitet sein – das können stressige Situationen während des Flugs sein, wenn zum Beispiel ein wichtiges Gerät ausfällt, aber auch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen an Bord. Dazu haben verschiedene Raumfahrtagenturen gemeinsam einen ziemlich langen Anforderungskatalog für Astronauten erstellt: Sie sollen zum Beispiel kommunizieren, im Team arbeiten, Entscheidungen treffen, mit Stress umgehen können und die eigene Persönlichkeit gut kennen. Dahinter stehen dann verschiedene Verhaltensweisen. Bei "Kommunizieren" wäre das zum Beispiel "communicates clear and concise", also knapp und präzise.
Haufe Online-Redaktion: Mit welchen Methoden bereiten Sie die Astronauten im Coaching für diese Anforderungen vor?
Schuppenhauer: Ich nehme etwa ein Beispiel aus der Luft- und Raumfahrt. Zum Thema "Entscheidungsfindung" gibt es den Fall einer britischen Fluggesellschaft, bei der bei einem Flug das falsche Triebwerk abgestellt wurde, weil Informationen fehlinterpretiert wurden oder nicht ins Cockpit gelangten. Dann frage ich die Astronauten: "Wie kann ich in einer ähnlichen Situation sicherstellen, dass ich die Information tatsächlich bekomme?" Außerdem machen wir Rollenspiele mit Situationen an Bord, zum Beispiel wenn es um Konflikte geht. Dabei orientiere ich mich an tatsächlichen Fällen. Meistens zeichne ich die Übungen auf Video auf, welches ich gemeinsam mit den Astronauten analysiere. Daneben nutze ich verschiedene Gruppen- und Einzelübungen sowie Fragebögen, in denen jeder sich selbst und das Verhalten anderer reflektieren soll. Und auch ein Höhlentraining war Teil des Coachings.
Haufe Online-Redaktion: Inwiefern kann man die Situation im All auf die Herausforderungen in einem Unternehmen übertragen?
Schuppenhauer: Es gibt hier ganz viele Themen, die auch auf Unternehmen übertragbar sind, zum Beispiel: Wie arbeite ich mit interkulturellen Teams? Wie kommuniziere ich möglichst offen und transparent? Wie schaffe ich es, dass die Informationen immer an die richtige Stelle kommen? Wie bin ich eine gute Führungskraft? Wie schaffe ich es, auch in Phasen der Belastung produktiv und erfolgreich zu handeln? Man muss das Training aber immer auf den tatsächlichen Kunden anpassen: Themen wie "Group Living", also das Zusammenleben, wird für jemanden, der in einem Einzelbüro arbeitet, eher nicht relevant sein.
Haufe Online-Redaktion: Was können Führungskräfte und andere am Boden Gebliebene von Astronauten lernen?
Schuppenhauer: Was mich an Luca und den anderen Astronauten am meisten beeindruckt hat, ist der Wille und das große Interesse daran, sich immer weiterzuentwickeln. Als Psychologe werden Sie ja oft so ein bisschen schief angeschaut. Dieses Feedback habe ich von den Astronauten überhaupt nicht bekommen, sondern: Was hast Du an Wissen, was mich besser machen kann? Von dieser Herangehensweise kann sich jeder Mensch ein Stückchen abschneiden.
Das Interview führte Andrea Kraß, Redaktion Personal.
Natalie Schuppenhauer ist Diplom-Psychologin und eine der beiden Geschäftsführer von Peak Leadership Coaching aus Berlin.
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