Ingeborg Esser im Portrait

Kopf und Zahl


Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin des GdW, im Portrait

Die bundesweit gleiche Auslegung der Aktivierung von Modernisierungskosten hat einen gewissen Charme – auch wenn diesen nur wenige sofort erkennen. Ingeborg Esser gehört zu diesen wenigen. Ein Portrait. 

Der Weg zum Haus des GdW führt vorbei an der syrischen Botschaft. Davor hektische Stimmung, Polizei. Ich werde Hauptgeschäftsführerin Ingeborg Esser treffen. Sie ansprechen auf diese turbulente Zeit. Ob sie ein politischer Mensch sei? Eher rhetorische Frage. Ja, sagt sie, wenngleich nicht parteipolitisch engagiert. Als Verbandsvertreterin müsse sie offen sein in alle Richtungen.

Sie sagt, sie habe lange gehofft, ihr Sohn könnte jetzt in der besten Zeit überhaupt leben. Doch so sei es nicht. Klingt ein bisschen resigniert. Ich habe trotzdem nicht den Eindruck, als sitze mir eine Pessimistin gegenüber. Aber als weltoffener Mensch scheint sie die Rückkehr zu Nationalismen, die Tendenz zur Abschottung vieler Länder, besonders zu bedauern.

Was ist ein Verband?

Sie betont das Wort "Weltoffenheit" sehr, auch im Zusammenhang mit dem GdW. Sie spricht darüber, dass der Verband nicht nur Heimat sei für das CDU-Mitglied Axel Gedaschko, sondern genauso für die SPD-Männer Jürgen Steinert und Lutz Freitag, der sogar aus der Gewerkschaftsszene stamme. Für Ingeborg Esser ist es diese Weltoffenheit, die die Präsidenten verbindet. "Alle sind Hamburger", sagt sie. "Und Hamburg ist das Tor zur Welt." Sie selbst näherte sich dieser Stadt zwar immer mehr an. Von Süden. Von Salzburg über Regensburg, Augsburg und Köln.

Aber sie ist da glücklich, wo sie jetzt ist. Der GdW Bundesverband Deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V. ist auch ihre Heimat geworden. Sie hat ihn mitgebaut. Er sitzt inzwischen in Berlin. Weiter nördlich ist nicht geplant. Hätte man Ingeborg Esser nach dem Studium geweissagt, dass sie eines Tages für den GdW brennen würde, hätte sie es kaum geglaubt. "Was ein Verband ist, davon hatte ich zu dieser Zeit nur höchst oberflächliches Wissen", meint sie. Nach ihrem Studium wollte sie eigentlich in eine Bank. Bewarb sich aber auch auf eine Stellenanzeige des VdW Bayern.

Eigentlich sei ihr Mann Schuld an allem: Er habe die Bewerbung damals abgeschickt. Das Gespräch mit dem späteren Verbandsdirektor Heinz Werner Götz war gut. Sie wurde genommen, arbeitete dort als Prüfungsassistentin. Aber schon bald suchte man einen Assistenten des damaligen Direktors, der auch zuständig sein sollte für das interne Rechnungswesen, den Jahresabschluss. Pech für sie, er sollte männlich sein. Glück für sie, keiner der in Betracht kommenden Männer hatte große Lust, mit Gerhard Runge zusammenzuarbeiten.

"Als ich mich bei ihm bewarb, war er nicht sehr begeistert. Fragte dann aber einmal, ob wir es nicht miteinander versuchen wollten. Vor Kurzem ist er gestorben. Seine Frau meinte zu mir, ihr Mann habe die Zusammenarbeit damals sehr genossen. Das hat mich bewegt." Runge hatte ihr früh die Möglichkeit gegeben, Führungsverantwortung zu übernehmen. Später wechselte ihr Mann als Vertriebsleiter zum Kölner Stadtanzeiger. Nach einem Jahr Fernbeziehung folgte Ingeborg Esser ihm 1993. Es hatte sich eine neue Berufsmöglichkeit ergeben. Die Wohngemeinnützigkeit war weggefallen. Der GdW brauchte dringend einen Steuerberater. Ihr Steuerberaterexamen hatte sie in München gemacht. Das passte.

Ingeborg Esser 2026 II

Party war damals

1999 ging der Verband nach Berlin. Mit ihrem Mann ging sie 1998 voraus. Sie wurde besondere Vertreterin des GdW. Damit zog sie in die Leitungsebene ein. Ingeborg Esser arbeitete mit daran, die Kooperation mit den Regionalverbänden zu stärken. Unter Lutz Freitag wählte man sie als erstes weibliches Mitglied in den Vorstand. Ob das mit Gender-Gerechtigkeit zu tun hatte oder ob es einfach der Lohn war für eine, wie es scheint, hervorragende Arbeit, muss offen bleiben.

Jedenfalls war sie fortan zuständig für den Prüfungsbereich. Ich hätte etwas darum gegeben, sie in den Anfängen ihres beruflichen Werdegangs kennenzulernen. Wenn sie jetzt davon spricht, wie blauäugig sie etwa an ihr Studium gegangen, wie partywütig sie damals gewesen sei, kann man sich das nur schwer vorstellen. Immerhin habe sie trotzdem zügig studiert.

Das passt schon eher ins Bild. Sie spricht vom Ausbau der GdW-Kompetenzen bei der genossenschaftlichen Prüfung, den sie in Berlin vorantrieb. Der GdW übernahm damals die interne Qualitätskontrolle und den gesamten Bereich der Prüfer-Aus- und Weiterbildung. Sie sagt leidenschaftlich: "Stellen Sie sich vor, vorher war die Auslegung, wie wir Modernisierungskosten aktivieren, in Hamburg völlig anders als in Düsseldorf!"

Unterschiedliche Aktivierung

Ich erkenne nicht den Zündstoff, der darin gelegen haben mag. Das liegt vielleicht daran, dass ich eher "Künstler" bin als Zahlenmensch, was ich nur deshalb erwähne, weil es bei Ingeborg Esser umgekehrt ist. Als sie an der Technischen Universität in Innsbruck ein Architekturstudium begann, wollte sie eigentlich etwas Technisches studieren. Sie schmiss das Studium nach zwei Semestern, weil es ihr zu künstlerisch war, zu wenig mathematisch. Sie ging nach Regensburg, studierte dort BWL, machte später die Steuerberater-Ausbildung und dann in den 1990ern in Düsseldorf ihr Wirtschaftsprüfer-Examen.

Ihre mathematisch-techische Begabung ist ein Glücksfall für den GdW. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der in den bewegten Zeiten von Wiedervereinigung, Abschaffung der Wohngemeinnützigkeit & Co. eine Künstlerin hätte brauchen können. Auf die Frage, von deren Antwort ich mir so viel verspreche, meint sie lapidar: Als Frau benachteiligt worden sei sie nie. Gerhard Runge und alle Präsidenten hätten sich als extreme Förderer erwiesen. Die Zeit war zu Beginn ihrer GdW-Karriere noch eine andere, die Frau folgte eher dem Mann. Ingeborg Esser war dem ihren zweimal hinterhergezogen, nach Augsburg und nach Köln. In unserem Gespräch scheint es so, als sei beim Umzug nach Berlin erstmals sie die treibende Kraft gewesen.

Sie spricht über ihre Arbeit, die sie liebt. Wenngleich sie das der Wohnungswirtschaft zugrunde liegende Geschäftsmodell nicht als superspannend empfindet. Langfristig, extrem valide, nicht krisengetrieben, wenig sexy. Hatte sie nie den Wunsch nach einem Berufswechsel? Sie verneint. Es sei nicht einen Tag langweilig gewesen. Und sie erzählt von ihren großen beruflichen Herausforderungen, der Abschaffung der Wohngemeinnützigkeit etwa.

Ingeborg Esser

Erfolgreiche Frau

Über nächtliche Gespräche mit einem Vertreter aus dem Bundesfinanzausschuss. Sie erzählt von der Überführung der ostdeutschen Wohnungswirtschaft in den westdeutschen Rechtsrahmen. Sie habe dabei extrem viel mitarbeiten können, etwa beim Altschuldenhilfegesetz. Es sei auch um Prüfungsthemen rund um die Bewertung in der Eröffnungsbilanz gegangen. Es habe intensive Verhandlungen mit der Treuhandanstalt gegeben. "Dann kam die erste Leerstandswelle in Ostdeutschland, die Abrissförderung." Und später das Eigenheimzulagengesetz, das endverhandelt wurde. Mit dabei: der damalige Bundesbauminister Töpfer, Jürgen Steinert, Staatssekretärin Thoben. Ingeborg Esser sollte auch dazukommen. Aber sie war im Mutterschutz.

Doch der galt zu dieser Zeit wohl nicht viel. "Wird schon gehen", soll Jürgen Steinert gesagt haben. "Und dann saß ich da und hatte Angst, dass ich gleich ein Kind kriege." Aber das Kind kam später. Es wurde im Kölner Dom getauft. "Kann also noch Prinz Karneval werden", sagt sie im zarten österreichischen Dialekt. Ihre fachliche Expertise wird groß sein. Trotzdem: Ingeborg ist nun mal nicht Immanuel, und so ist ihr Erfolg immer auch der Erfolg einer Frau. Der steht in einem gewissen Gegensatz zur Frauenförderung in Mitgliedsunternehmen, stellt Esser bedauernd fest. Gerade die Unternehmen in Ostdeutschland seien vormals gut dabei gewesen. Das habe sich jedoch wieder gedreht.

Wie es weitergeht? "Wichtig ist mir, den GdW weiterzuentwickeln, die Mitgliedsunternehmen für neue Themen zu öffnen im technischen und vor allem im KI-Bereich", meint sie. Und was ist mit ihrem Ausstieg?

Gestaffelter Ausstieg

Der Vorstand habe sich darauf geeinigt, dass es gut sei, wenn der gestaffelt geschehe. "Axel Gedaschko dürfte Ende 2027 gehen, ich habe einen Vertrag bis Mitte 2029." Gibt es schon Gedanken daran, was sie dann tun wird? Das Thema Alter verdränge sie noch. Dass Golfspielen jetzt schon ihre große Leidenschaft ist und sie sich freut, dass ihr Sohn das auch tut, weiß jeder, der sie ein bisschen kennt. Auch dass sie Reisen mag, besonders in ferne, warme Länder.

Und dass sie ihren Garten liebt, gerne grillt, mit Nachbarn feiert. Aber nur golfen, reisen, feiern? Sie kann sich vorstellen, als Rentnerin noch einmal zu studieren, vielleicht Geschichte oder Künstliche Intelligenz. Schon jetzt mache es ihr großen Spaß, es aktiv zu begleiten, wenn die Wohnungswirtschaft auf innovative Themen trifft. Das öffne ihr Denken. Es könnte sein, dass sie nach ihrer aktiven beruflichen Laufbahn das Schreiben beginnt. So viel habe sie etwa über den Niedergang der Neuen Heimat gelernt, darüber, wie dieser gewerkschaftseigene Konzern über den Größenwahn der Oberen gestürzt sei, dass sie locker darüber ein Kriminalstück verfassen könne.

Ich weiß, das würden sicher viele gerne lesen, und somit möchte ich Sie, Frau Esser, mit Veröffentlichung dieser Zeilen unter einen gewissen Zugzwang setzen! Eine Eigenschaft, die sie immer wieder betont, ist ihre Lust, Neuland zu entdecken. Das passt ja: Gerade hat sie den Bootsführerschein gemacht.

Dieses Portrait erschien in der Ausgabe 01/26 der "Immobilienwirtschaft"


Schlagworte zum Thema:  Gdw , Wohnungswirtschaft
0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion