Reporting und Business Analytics

Warum Controlling oft an der Priorisierung scheitert – und was sich ändern muss


Priorisierung im Controlling: Relevanz statt Vollständigkeit

Controlling-Berichte sollen Handlungsbedarf aufzeigen sowie Entscheidungen und Maßnahmen unterstützen. Vielen BI- und Reportingsystemen fehlt dazu die notwendige Priorisierung, meint Controllingexperte Dr. Jürgen Issel. Wie die Priorisierungsebene im Controlling aussehen kann, beschreibt er in diesem Beitrag.

Transparenz ohne Entscheidungsunterstützung reicht nicht mehr aus

Unternehmen verfügen heute über eine hohe Transparenz ihrer wirtschaftlichen Situation. Herstellkosten, Margen, Deckungsbeiträge, Abweichungen und operative Kennzahlen stehen in vielen Organisationen nahezu in Echtzeit zur Verfügung. Business-Intelligence-Systeme und Reporting-Landschaften sind technisch ausgereift und liefern valide, differenzierte Informationen.

Dennoch zeigt sich in der Praxis ein paradoxes Bild: Trotz umfassender Transparenz fällt es Management und Controlling zunehmend schwer, klare Prioritäten abzuleiten und konsistente Entscheidungen zu unterstützen. Der häufig gehörte Satz
„Wir sehen alles – aber wir kommen nicht ins Handeln“
ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom eines strukturellen Steuerungsproblems.

Häufig fehlt die Steuerungslogik

Klassische Controlling- und BI-Systeme beantworten eine zentrale Frage sehr zuverlässig: Was ist passiert?
Plan-Ist-Abweichungen, Trendanalysen, Kennzahlenberichte und Ursachenanalysen sind fachlich korrekt und unverzichtbar. Sie schaffen Transparenz und Vergleichbarkeit.

Was jedoch häufig fehlt, ist die systematische Beantwortung der entscheidenden Steuerungsfrage:
Welche Informationen sind im aktuellen Kontext für die Zielerreichung wirklich relevant – und welche nicht?

In der Praxis führt diese Lücke dazu, dass Controlling zwar umfassend berichtet, Managemententscheidungen jedoch

  • verzögert getroffen werden,
  • inkonsistent bleiben oder
  • stark von individuellen Einschätzungen geprägt sind.

Transparenz allein ersetzt keine Priorisierung.

Vielfalt statt Fokussierung: Die Grenze klassischer BI- und Reportinglogiken

Das Problem liegt weniger in der Qualität der Daten als im zugrunde liegenden Steuerungsverständnis. Viele Reporting- und Controlling-Systeme sind implizit auf Vollständigkeit ausgerichtet: möglichst viele Kennzahlen, möglichst aktuell, möglichst differenziert.

Diese Logik ist fachlich sauber, erzeugt jedoch unbeabsichtigte Nebenwirkungen:

  • Kennzahlen stehen gleichrangig nebeneinander, obwohl ihre Bedeutung für die Zielerreichung stark variiert,
  • operative Abweichungen konkurrieren mit strategischen Risiken um Aufmerksamkeit,
  • widersprüchliche Signale aus verschiedenen Bereichen bleiben ungelöst.

Für das Management entsteht kein Fokus, sondern Entscheidungsunsicherheit. Steuerung wird reaktiv statt gestaltend.

Priorisierung erfolgt informell – und damit nicht immer zum Besten des Unternehmens

Wo Systeme keine Prioritäten liefern, entstehen sie zwangsläufig informell:

  • durch Hierarchieebenen,
  • durch aktuelle Krisen,
  • durch persönliche Einschätzungen,
  • durch politische Interessen.

Für das Controlling ist das problematisch. Entscheidungen werden zwar getroffen, sind aber

  • schwer nachvollziehbar,
  • nur begrenzt konsistent begründbar,
  • im Nachhinein kaum systematisch bewertbar.

Dies wird häufig als Führungsproblem interpretiert. Tatsächlich handelt es sich um ein Systemproblem: Prioritätensetzung wird erwartet, aber nicht strukturiert unterstützt.

Die fehlende Ebene im Controlling

Zwischen klassischem Reporting und Managemententscheidung fehlt in vielen Organisationen eine explizite Steuerungsebene: die systematische Priorisierung.

Diese Ebene beantwortet nicht die Frage „Was ist messbar?“, sondern:

  • Welche Themen erfordern Aufmerksamkeit – und welche bewusst nicht?
  • Welche Kennzahlen sind im Kontext dieser Themen zielrelevant?
  • Welche Abweichungen sind tatsächlich steuerungswürdig?

Erst wenn diese Fragen strukturiert beantwortet werden, wird aus Information eine belastbare Entscheidungsgrundlage.

Beispielhafte Ausgestaltung einer Priorisierungsebene im Controlling:

Die Tabelle/ zeigt beispielhaft, wie eine solche Priorisierungsebene aufgebaut sein kann – von steuerungsrelevanten Themen über zielrelevante Kennzahlen bis hin zu definierten Abweichungen, die Managemententscheidungen auslösen.

Steuerungsrelevantes Thema

Zielrelevante Kennzahlen (Beispiele)

Steuerungswürdige Abweichungen (Beispiele)

Profitabilität sichern

  • Deckungsbeitrag je Produkt / Kunde
  • EBIT-Marge
  • Abweichung > x % vom Zielwert
  • negative Trendabweichung über mehrere Perioden

Kostenentwicklung stabil halten

  • Herstellkosten je Einheit
  • Materialkostenquote
  • Kostenanstieg ohne Mengen- oder Preiseffekt
  • Planabweichung > x %

Liquidität und Kapitalbindung steuern

  • Cash Conversion Cycle
  • Working Capital Quote
  • Verschlechterung trotz stabiler Umsätze
  • anhaltender Aufbau von Vorräten

Lieferfähigkeit sicherstellen

  • Termintreue
  • Servicegrad / Backlog
  • Unterschreitung definierter Mindestwerte
  • strukturelle Rückstände

Qualität und Kundenzufriedenheit gewährleisten

  • Reklamationsquote
  • Nacharbeits- / Ausschusskosten
  • Abweichung vom Zielniveau
  • wiederkehrende Qualitätsmängel

Kapazitäten effizient nutzen

  • Auslastungsgrad
  • Produktivität je Einheit
  • Unter- oder Überauslastung außerhalb definierter Bandbreiten

Strategische Risiken früh erkennen

  • Umsatz-/Margenkonzentration
  • Abhängigkeit von Schlüsselprodukten
  • Überschreiten definierter Risikoschwellen

Entscheidend ist dabei nicht die isolierte Betrachtung einzelner Kennzahlen, sondern die themenbezogene Einordnung im Kontext der Unternehmensziele. Erst wenn Kennzahlen unterschiedlicher Art – etwa finanzielle, operative oder qualitative Größen – vergleichbar bewertet werden, lässt sich eine konsistente Priorisierung herstellen und Managementaufmerksamkeit gezielt lenken.

Vollständigkeit neu denken: relevant statt maximal

Ein verbreitetes Missverständnis im Controlling lautet: Vollständigkeit bedeute, möglichst alles zu berichten. In der Praxis bedeutet wirksame Vollständigkeit jedoch etwas anderes.

Vollständig ist eine Information dann, wenn sie alle für die Zielerreichung relevanten Aspekte abdeckt – nicht, wenn sie alles Messbare enthält.

Das erfordert:

  • klar definierte Unternehmens- und Bereichsziele,
  • eine explizite Gewichtung von Themen und Kennzahlen,
  • eine regelmäßige Überprüfung der Relevanz im Kontext von Markt, Wettbewerb, Risiken und Chancen.

Weniger Kennzahlen – mehr Steuerungswirkung

Erfahrungen aus der Praxis zeigen: Organisationen, die Kennzahlen systematisch priorisieren und reduzieren, erzielen häufig

  • klarere Managementdiskussionen,
  • kürzere Entscheidungszyklen,
  • höhere Umsetzungskonsistenz,
  • weniger politische Reibung.

Nicht, weil weniger analysiert wird, sondern weil konsequent zwischen relevant und nebensächlich unterschieden wird.

Keine Automatisierung – sondern bessere Entscheidungsgrundlagen

Dabei geht es ausdrücklich nicht um automatische Steuerung oder den Ersatz von Managemententscheidungen. Controlling bleibt Entscheidungsunterstützung, nicht Entscheidungsersatz.

Die zentrale Frage lautet nicht, wer entscheidet, sondern auf welcher Grundlage entschieden wird. Ein gutes Steuerungssystem liefert Struktur und Fokus – die Verantwortung verbleibt beim Management.

Fazit

Die Weiterentwicklung des Controllings entscheidet sich nicht an zusätzlichen Tools oder Dashboards. Sie entscheidet sich daran, ob Organisationen Priorisierung als eigenständige Steuerungsaufgabe begreifen und systematisch unterstützen.

Solange alles berichtet, aber nichts gewichtet wird, bleibt Führung reaktiv. Erst wenn Relevanz strukturell hergestellt wird, wird Controlling wieder zum wirksamen Steuerungsinstrument.

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Schlagworte zum Thema:  Business Intelligence , Reporting
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