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Bild: Institut für Management und Controlling, WHU Otto-Beisheim-School of Management

Mit ihren 350 Jahren ist die Merck KGaA definitiv kein Startup. Umso mehr muss sie sich bei der Digitalisierung den Herausforderungen eines großen Unternehmens mit komplexer Organisations- und IT-Struktur stellen. Dr. Marcus Kuhnert beschreibt die ersten Erfahrungen des Unternehmens. Erstaunliche Erkenntnisse brachte das Pilotprojekt zu Predictive Analytics zu Tage.

Digitalisierungs-Workshop in der Toskana zum Auftakt

Die Digitalisierung bei der Merck KGaA begann durch ein Strategie-Offsite Event in der Toskana vor circa zwei Jahren. Mit dem gesamten Vorstand wurde die Fragestellung erörtert, was Digitalisierung für Mercks Industrie und Geschäftsmodelle bedeutet. Das Ziel war es, Handlungsalternativen zu finden, die das Unternehmen dabei unterstützen, durch digitale Geschäftsmodelle nachhaltig Wettbewerbsvorteile zu generieren.

Finanzfunktion fährt zweigleisigen Entwicklungsansatz bei der Digitalisierung

Laut Dr. Markus Kuhnert, CFO der Merck KGaA, nimmt die Finanzfunktion bei der Digitalisierung zwei Rollen ein. Zum einen ist es ihre Aufgabe, digitale Geschäftsmodelle fachübergreifend anzutreiben und zu entwickeln. Zum anderen muss sie an der Digitalisierung ihrer eigenen Funktion arbeiten. Kuhnert hebt dabei hervor, dass der hohe Veränderungsdruck in der Finanzfunktion im Kontrast zum derzeitigen Ist-Zustand steht. Im Unternehmen steht die Prozessoptimierung gegenüber der Digitalisierung deutlich im Vordergrund. Zudem ist das Thema Digitalisierung im Unternehmen nicht klar definiert.

Schnell kleine Projekte umsetzen statt langwieriger Gesamtplanung

Von Anfang an wurde bei der Digitalisierung in der Merck KGaA anstelle von langwieriger Planung auf die direkte Umsetzung von ersten kleinen Projekten gesetzt. Kuhnert betonte, das kleine Projekte und erste Erfolge nötig seien, um die Relevanz der Digitalisierung und erste messbare Erfolge im Unternehmen aufzuzeigen. Besonders wichtig sei hierbei ein Zyklus aus schnellem Abliefern, direktem Feedback und sofortiger Korrektur der aufgetretenen Fehler.

Bei der Wahl der Projekte, so Kuhnert, wurden diese nach Impact und Innovationsgehalt priorisiert. Daraus ergaben sich die drei Kernbereiche Predictive Analytics und Big Data, Robotics und Finance-Apps.

  • Big Data führt als Verknüpfung von internen und externen Daten nicht unbedingt zu einem Mehrwert, erläutert Kuhnert eine interessante Entdeckung, auf die Merck bei der Entwicklung von Codes für Predictive Analytics stieß: Abgesehen von den verarbeiteten Sales-Daten aus vergangenen Jahren haben sich alle anderen makroökonomischen Variablen bei der Berechnung als nicht wertsteigernd herausgestellt. Außerdem werden bei technischen Lösungen zwar viele Ressourcen durch die Automatisierung manueller Arbeit eingespart, auf die wichtige menschliche Einschätzung könne jedoch keinesfalls verzichtet werden.
  • Im Bereich Robotics liegen die Vorteile im Wesentlichen darin, dass keine größeren Eingriffe in die IT-Infrastruktur nötig seien. Hier sei es daher vor allem das Ziel, Algorithmen zu programmieren, die in der Lage sind, individuelle Problemlösungen zu finden.
  • Im dritten Projektbereich Finanz-Apps konnte bereits ein wichtiger Meilenstein erreicht werden. Die firmeninterne App Geco (Getconntected) ist im Live-Betrieb. Hierbei können sich Kollegen über funktionale Teams hinweg austauschen, um funktionale Silos zu vermeiden. Zusätzlich gibt es eine Kostenstellen-App, bei der Ergebnisse der Kostenstellen von Kostenstellenverantwortlichen jederzeit eingesehen werden können. Diese Apps tragen unternehmensweit zur Förderung der digitalen Kultur bei.

Externe Expertise unterstützt die Digitalisierung bei Merck

Die Merck KGaA setzt bei der Digitalisierung auch auf externe Expertise. Zum einen wurde eine eCommerce Plattform akquiriert, die ein wichtiger Treiber der Digitalisierungsstrategie bei Merck ist. Diese Akquisition hat nicht nur die technischen Möglichkeiten deutlich erweitert, sondern trägt vor allem auch zu einer Mentalitätsänderung bei. Externe Experten aus dem Silicon Valley helfen bei der praktischen Umsetzung von Digitalisierungsprojekten und dienen außerdem als Lehrer und Mentoren. Eine Abhängigkeit von externer Expertise soll aber vermieden werden, im Fokus steht die Entwicklung eigener Kompetenzen.

Trotz der bereits umgesetzten Digitalisierungsprojekte sieht sich die Merck KGaA noch am Anfang bei der Beantwortung der Frage, welche organisatorischen Implikationen die Digitalisierung in Zukunft auf Finanzorganisation im Allgemeinen und auf die Merck KGaA im Besonderen haben. Kuhnert erwartet, dass das Unternehmen n den nächsten Monaten und Jahren noch viele weitere Erkenntnisse erlangen werde.   

Das Unternehmen

Das Darmstädter Science & Technology-Unternehmen Merck gilt als Familienunternehmen, befinden sich doch immer noch 70% der Firmenanteile in Familienbesitz. Dennoch wird der Dax-Konzern durch ein familienunabhängiges Management geführt. Daraus resultiert eine zentrale Aufgabe des CFOs bei Merck: die Wahrung der Balance zwischen den Interessen der Familie einerseits und den Interessen des Kapitalmarkts andererseits. Im Jahr 2016 erzielte Merck mit 55.000 Mitarbeitern ein Umsatzvolumen von rund 15 Milliarden Euro.

Schlagworte zum Thema:  Analytics, Digitalisierung

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