Führungskräfte: Wichtige Vorbildfunktion im Arbeitsschutz

In vielen Betrieben beschweren sich Vorgesetzte darüber, dass Mitarbeiter trotz Unterweisungen keine PSA tragen, Betriebsmittel nicht bestimmungsgemäß verwenden, Sicherheitskennzeichen missachten oder sich sicherheitswidrig verhalten. Häufig liegt das auch daran, dass die Führungskräfte hier ihre Vorbildfunktion vernachlässigen.

Es ist Aufgabe des Arbeitgebers und der von ihm benannten Führungskräfte, sichere Arbeitsbedingungen zu schaffen und die Gesundheit der Beschäftigten nicht zu beeinträchtigen, sondern möglichst noch zu fördern. Sichere Maschinen und Unterweisungen reichen alleine nicht. Dauerhafte Verbesserungen können nur erreicht werden, wenn die Mitarbeiter aktiv in den Prozess "Arbeitsschutz" integriert werden. Das funktioniert nur, wenn Vorgesetzte Vorbilder sind, die die Inhalte aus Schulungen, Unterweisungen oder Anweisungen glaubhaft "vorleben".

Schlechtes Vorbild = sicherheitswidrige Weisung?

In der Regel übertragen Unternehmer einen Teil ihrer Pflichten im Arbeitsschutz auf die Führungskräfte. Auch wenn dieser formale Akt nicht für alle Vorgesetztenebenen erfolgt, haben Vorgesetzte die Fürsorgepflicht für die ihnen unterstellten Mitarbeiter. Dies schließt erforderliche Arbeitsschutzmaßnahmen zur Sicherstellung der Gesundheit der Mitarbeiter ein. Ein Umstand, der häufig vergessen wird.

§ 2 Abs. 4 DGUV-V 1 "Grundsätze der Prävention" fordert konkret, dass der Unternehmer keine sicherheitswidrigen Weisungen erteilen darf. Doch wie ist es zu bewerten, wenn ein Vorgesetzter Arbeiten ohne vorgeschriebene PSA durchführt, Betriebsmittel nicht bestimmungsgemäß verwendet oder Sicherheitskennzeichen missachtet? Sicherlich sind diese Handlungen nicht mit direkten (sicherheitswidrigen) Weisungen gleichzusetzen. Betrachtet man jedoch die Auswirkungen, die diese "Vorbild-Handlungen" bei den Mitarbeitern auslösen können, so sind durchaus Parallelen erkennbar.

Verhalten wird vom Vorbild erlernt

Sicherheitsgerechtes Verhalten muss erlernt werden. Bei der Entwicklung eines Kindes hängt dies sehr stark vom Verhalten der Eltern ab. Das Kind nimmt seine Eltern als Vorbild und schaut sich deren Verhaltensbilder ab. Im übertragenen Sinn ist dies im Berufsleben nicht anders. Ein Auszubildender schaut sich Verhaltensweisen bei seinem Ausbilder ab, genauso wie der Mitarbeiter bei seinem Vorgesetzten. Verhält sich also ein Vorgesetzter sicherheitswidrig, so nehmen dies auch alle seine Mitarbeiter wahr. Die Frage "Warum soll ich mich sicherheitsgerecht verhalten, wenn der Chef dies auch nicht tut?" ist zwangsläufig.

Schlechtes Vorbild untergräbt Arbeitsschutzorganisation

Viele Betriebe sind engagiert im Arbeitsschutz. Es stehen sichere Maschinen und Betriebsmittel zur Verfügung, Mitarbeiter werden entsprechend sicherheitstechnisch unterwiesen und auch die gesamte Sicherheitsorganisation ist ausreichend ausgeprägt. Um dieses Niveau zu erreichen, wurden viele Anstrengungen unternommen. Mitarbeiter sind immer wieder aufgeklärt worden, warum bestimmte Sicherheitsmaßnahmen erforderlich sind und wie Arbeiten sicher ausgeführt werden können. Soweit die "heile Welt".

Was für Auswirkungen hat hier das Verhalten eines Vorgesetzten, der sich vor den Augen seiner Mitarbeiter sicherheitswidrig verhält? Die Auswirkungen hängen sicherlich davon ab, ob dieses Fehlverhalten häufiger beobachtet wird und wie die Sicherheitskultur im Unternehmen ist. Folgende gegensätzliche Szenarien sind denkbar:

  • Die Mitarbeiter weisen den Vorgesetzten auf dessen Fehlverhalten hin und fordern das sicherheitsgerechte Verhalten ein. Sollte dieser dem nicht nachkommen, wenden Sie sich an den nächst höheren Vorgesetzten.
  • Die Mitarbeiter nehmen das Fehlverhalten des Vorgesetzten zur Kenntnis und sagen sich "Prima, wenn DER dies nicht macht, muss ich es ja auch nicht machen. In der Unterweisung erzählt ER uns immer etwas anderes. Die Praxis sieht anders aus. Das hat ER ja selbst gezeigt…"

Achtung: Verhalten aller Führungskräfte wichtig

Nicht nur das Verhalten und somit die Vorbildfunktion des direkten Vorgesetzten ist wichtig, sondern das aller Vorgesetzten. Gerade auch das Verhalten von anderen Führungskräften wird von den Mitarbeitern wahrgenommen. Je höher die Führungskraft angesiedelt ist, um so ausgeprägter kann der Einfluss des Fehlverhaltens dieses Vorgesetzten auf das Verhalten der Mitarbeiter sein. Vorbildfunktion ist also eine Führungsaufgabe für alle Hierarchiestufen.

Schlechtes Vorbild: Praxisbeispiele

Schätzen Sie für sich selbst einmal ein, welchen Einfluss die nachfolgenden Negativbeispiele bei Mitarbeitern haben könnten:

  • Ein Geschäftsführer fährt jeden Morgen mit ca. 50 km/h über das Firmengelände, obwohl an der Zufahrt ein Schild mit der max. Höchstgeschwindigkeit von 10 km/h aufgestellt ist. In der Unterweisung wird explizit auf die max. Höchstgeschwindigkeit hingewiesen, da es umfangreichen Personen-, Fahrrad- und Staplerverkehr gibt.
  • Der Vorstand einer AG betritt eine Produktionshalle, um neuen Geldgebern den guten Betrieb zu zeigen. An den Zugängen hängen die Gebotsschilder "Schutzhelm benutzen", "Fußschutz benutzen" und "Gehörschutz benutzen". Keines dieser Gebotsschilder wird beachtet.
  • Ein Mitarbeiter ruft seinen Vorgesetzten, weil er ein Problem an einer Maschine hat. Der Vorgesetzte klettert über Rollenbahnen, um den langen Weg um die Anlage herum zu vermeiden.
  • Bei der Inbetriebnahme einer neuen Maschine gibt es Probleme mit einer Sicherung. Der Elektromeister steigt auf die Gabelzinken eines Staplers und lässt sich nach oben an den Sicherungskasten fahren, da keine Leiter zur Hand ist.
  • Ein Vorgesetzter stolpert beim Rundgang durch seinen Bereich fast über ein Kabel, das quer über den Gang liegt. Er ist froh, nicht gestürzt zu sein und geht weiter. Seine Mitarbeiter haben dies gesehen.
  • Der Betriebsleiter entfernt an einer Verpackungsmaschine eine Schutzabdeckung, da er die Probleme im Ablauf sonst nicht lokalisieren kann. Die Anlage läuft im Automatikbetrieb weiter, Ersatzschutzmaßnahmen gibt es nicht.
  • Ein Abteilungsleiter aus der Planung betritt einen kennzeichnungspflichtigen und gekennzeichneten Lärmbereich, ohne Gehörschutz anzulegen. Er schaut sich den Ablauf in der neuen Fertigungsstraße an.
  • Der Geschäftsführer einer Elektroinstallationsfirma will sich den Stand der Installation des neuen Blitzschutzes auf dem Dach des Kunden ansehen. Er macht dies ohne PSA gegen Absturz, obwohl er diese aufgrund der fehlenden baulichen Sicherung gegen Absturz bei der Einweisung seiner Mitarbeiter am Morgen gefordert hat.
  • Beim Bau der Parkplatzüberdachung ist ein Stahlträger zu lang. Der ausführende Mitarbeiter will in die Werkstatt zurückfahren, um die defekte Flex auszutauschen. Sein Meister hingegen sagt, dass dies nicht nötig ist, da ja nur ein Träger gekürzt werden muss. Der Meister greift sich die offensichtlich gravierend beschädigte Flex und will den Träger kürzen.

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Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Fachartikels