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Brauchen wir die Gefahr? Zum sicheren Umgang mit Risiken / 4 Das Modell der Risikokompensation

Dr. Fritzi Wiessmann
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Das Modell der Risikokompensation beschreibt einen weiteren Schachzug der menschlichen Psyche. Der kanadische Psychologe Gerald Wilde beschreibt mit diesem Modell, dass jeder Mensch ein bestimmtes individuelles Risikolevel hat, welches er für sich als akzeptabel empfindet und konstant hält. Erhöht oder verringert sich das von ihm empfundene Risiko einer Situation, so pendelt er durch entsprechendes Verhalten wieder auf sein persönliches Risikolevel ein. Die Summe der Sünden bleibt konstant, so Wilde. Professor Trimpop von der Universität Jena spricht von einem "Wohlfühl-Risiko-Level", das ständig justiert wird.

Beispiele dafür gibt es viele:

  • Als in den 90er-Jahren in Großbritannien die Gurtpflicht eingeführt wurde, war damit die Erwartung verbunden, dass die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle deutlich zurückgehen würde. Es passierte Unerwartetes: Zwar verunglückten weniger Autofahrer auf den Vordersitzen, dafür mehr Menschen auf den Rücksitzen, mehr Fußgänger und Fahrradfahrer. Die Gewissheit, besser geschützt zu sein, verführte die Autofahrer zu riskanterem, unaufmerksamerem und aggressiverem Verhalten.
  • 1972 ordnete die amerikanische Zulassungsbehörde für Arzneimittel an, dass Verpackungen von Schmerzmitteln und anderen starken Medikamenten einen kindersicheren Verschluss erhalten müssen. Im selben Jahr hatten 3.500 Kinder mehr als durchschnittlich eine Medikamentenvergiftung. Es wird vermutet, dass Eltern die Medikamente häufiger, länger und vielleicht auch unverschlossen in Reichweite der Kinder aufbewahrten.
  • In einer weiteren Studie fuhren Gurtmuffel-Probanden eine Autobahnstrecke einmal angeschnallt und einmal ohne Gurt. Angeschnallt verhielten sie sich deutlich aggressiver: sie fuhren schneller und dichter auf und überholten öfter. Sie fühlten sich mit Gurt geradezu u...

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