Fredrika Klarén, Polestar

„Im Kern geht es bei Nachhaltigkeit um Resilienz“


Interview Fredrika Klarén: Nachhaltigkeit als Resilienz

Mit dem „Projekt 0 2030“ hat sich der Automobilhersteller Polestar ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Er will ein vollständig klimaneutrales Auto entwickeln – ohne Kompensationsmaßnahmen. Dies soll nicht nur durch Elektrifizierung, sondern auch durch eine umfassende Reduktion aller indirekten Emissionen im Produktionsprozess gelingen. Im Interview: Fredrika Klarén, Head of Sustainability des Automobilherstellers.

Frau Klarén, wie gehen Sie mit Unwägbarkeiten in Ihrem Beruf als Head of Sustainability um?

Ich höre zunächst auf all unsere Stakeholder. Natürlich weiß ich aber auch von politischen Entscheidungsträger:innen und bis zu einem gewissen Grad auch von Unternehmen, die sich umorientieren. Wenn man aber genau hinsieht, wird klar: Verbraucher:innen, unsere Mitarbeitenden, ja sogar Investoren und Banken fordern uns auf, mehr zu tun.

Das bedeutet, dass wir uns wirklich zu Wort melden und uns Gehör verschaffen müssen. Wir müssen der Politik begreiflich machen, dass es bei der Nachhaltigkeit um Möglichkeiten für uns geht. Wir können nicht tatenlos zusehen.

Commitment oder Compliance?

Definitiv Commitment. Das ist mein Hauptantrieb. Wenn die Politik Unternehmen jedoch keinen Anreiz gibt, über ihre Leistungen zu berichten, ist das kontraproduktiv.

Stakeholder-Engagement und die Rolle der Wirtschaft als Motor des Wandels

Sie sehen die Wirtschaft – nicht die Politik – als Hauptmotor des Wandels?

Der Nachhaltigkeitszug hat den Bahnhof längst verlassen. Es ist spannend zu beobachten, wie sich das Wirtschaftssystem verändert – besonders durch den wachsenden Einfluss von Investoren und Banken. Aber natürlich mache ich mir Sorgen, weil es schwieriger werden wird: Wir brauchen Stabilität und Wettbewerb, damit sich auch die Elektrotechnologie weiterentwickeln kann. Wir sind fest entschlossen und halten an unserem Klimafahrplan fest.

Wie viel Transparenz ist nötig und notwendig?

Wir wollen so transparent wie möglich sein. Der Nachhaltigkeitsbericht, den wir gerade veröffentlicht haben, ist zum ersten Mal von einer dritten Partei bestätigt worden. Wir haben uns an den ESRS angepasst. Darüber hinaus können sich Kund:innen eine Lebenszyklusanalyse eines Autos ansehen, um die Klimaauswirkungen zu verstehen. Sie sehen auch ihren eigenen Einfluss, beispielsweise durch die Art und Weise, wie sie das Auto aufladen. Für uns ist Transparenz also ein wichtiger Werttreiber.

Manche Unternehmen betrachten Transparenz als Risiko.

Das kann ich verstehen – wir sollten nicht naiv sein. Es ist wichtig, dass ein fairer Wettbewerb stattfinden kann und wir sorgsam mit den Daten umgehen, die wir austauschen. Wenn es jedoch um Nachhaltigkeitsdaten geht, gibt es keinen Grund, Angst vor dem Wettbewerb zu haben. Hierbei handelt es sich um eine gemeinschaftliche Herausforderung. Daher sollten Unternehmen sehr offen sein und bereit sein, Erkenntnisse, Einsichten und Fortschritte zu teilen. Das ist kein Wettbewerbsbereich.

Haben Sie einen 10-Jahres-Plan, um auf Krisen und Rückschläge vorbereitet zu sein?

Eigentlich ist das der Sinn einer Nachhaltigkeitsagenda: in turbulenten Zeiten widerstandsfähig sein. Wir setzen uns langfristige Ziele, aber natürlich müssen wir einen Ansatz verfolgen, mit dem wir auch unter unsicheren Umständen zurechtkommen. Wir müssen Lieferanten finden, die mit unsicheren Zeiten umgehen können. Wir können nicht alles auf eine Karte setzen. Polestar 3 wird daher sowohl in China als auch in den USA produziert. Polestar 4 wird in Südkorea und Polestar 7 in Europa hergestellt.

Die Welt war noch nie stabil. Wir sollten daher kritisch hinterfragen, wie wir über diese unruhigen Zeiten sprechen – denn im Kern geht es bei Nachhaltigkeit um Resilienz.

Transparenz und Sorgfaltspflicht: Grundlagen für nachhaltige Lieferketten

Was würde eine Schwächung der CSDDD für Ihre Lieferkette bedeuten?

Die Sorgfaltspflicht ist das Fundament für jede Nachhaltigkeitsarbeit. Und das ist nichts Neues. Die Akteure entlang der Lieferketten sind daran gewöhnt, dass Lösungen, Daten und Informationen verlangt werden. Wir wollen Beschleunigung – genau das könnte die CSDDD leisten. Doch wenn wir zurückgehen, wird der Fortschritt länger dauern.

Wie stellen Sie sicher, dass sich Ihre Zulieferer an ihre Verpflichtungen halten?

Hier kommt die Sorgfaltspflicht ins Spiel. Man sendet nicht nur Anforderungen aus, sondern überwacht und prüft auch. Es gibt so viele Möglichkeiten, Materialien zurückzuverfolgen. Wir haben eine Liste von Risikomaterialien, von denen wir wissen, dass wir eine gründliche Due-Diligence-Prüfung durchführen müssen. Der erste Schritt besteht darin, die Rückverfolgbarkeit sicherzustellen. In einigen Fällen gibt es Systeme, die wir nutzen können, wie zum Beispiel Zertifizierungen. Für Kobalt, Lithium, Nickel und Glimmer konnten wir eine Rückverfolgbarkeit über Blockchain einrichten. Das ist der grundlegende Teil, mit dem wir beginnen müssen. Dann können wir anfangen, nach Daten zu fragen – Wie sieht die Situation aus? Wir können um Audits bitten und die Sorgfaltspflicht erfüllen, um diese Ressource verantwortungsvoll zu sichern.

Innovationen und Herausforderungen auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft

Beim Projekt Polestar 0 peilen Sie das Jahr 2030 an. Sie streben null Emissionen an – ohne die Nutzung von Kompensation. Glauben Sie, dass Kompensationen ein einfacher Ausweg sind?

Das Problem mit den Ausgleichszahlungen ist, dass sie nicht wirklich funktionieren. Die Forschung zeigt, dass man diesen Systemen nicht trauen kann. Es geht darum, neue Lösungen zu finden, mit denen wir die nachhaltigere Gesellschaft schaffen können. Das Projekt 0 ist eine Moonshot-Initiative, mit der wir unsere Branche und nicht zuletzt uns selbst herausfordern. Wir haben das bewusst offen kommuniziert, denn wir allein schaffen das nicht. Dazu haben wir mehr als 30 Partner. Bislang haben wir 10 Tonnen mögliche CO2-Reduktionen gefunden. Der Polestar 2 hätte dann statt 23 nur 13 Tonnen.

Aber beim Projekt 0 geht es darum, alle Treibhausgasemissionen aus der Produktion zu eliminieren, nicht zu reduzieren.

Wir müssen noch viel mehr tun. Es müssen mehr Investitionen in die Forschung getätigt werden. Wir brauchen zum Beispiel die Elektronikindustrie, um voranzukommen. Auch die chemische Industrie muss mehr tun. Kunststoffe, Synthetik. Aber es gibt noch viele Herausforderungen. Aktuell mangelt es an Materialien und Ressourcen. Wir sind offen, es können mehr mitmachen.

Wie weit sind Sie beim Recycling von Batterien?

Es ist schwierig, denn beim Übergang zur Elektromobilität sind die Batterien natürlich die entscheidende Komponente. Aber alle reden von den negativen Aspekten, doch Batterien können kreislauffähig werden. Sie sind schon heute so gut recycelbar. Und es gibt so viel, was wir tun können.

Der Prozentsatz der recycelten Batterien ist bislang nicht sehr hoch.

Nein, natürlich haben wir eine Herausforderung in Bezug auf die Batterien, denn sie funktionieren gut in den Autos und wir bekommen sie erst nach langer Zeit zurück. Wir haben derzeit drei Batteriezentren, in denen wir herausfinden, wie wir die Batterien wiederaufbereiten können. Es ist eine erstaunliche Entwicklung, was die Innovation und die Technik von Batterien angeht. Ich bin daher sehr zuversichtlich, dass wir in der Lage sein werden, die Kreislaufwirtschaft bei Batterien zu verwirklichen. Aber dazu müssen wir uns erst einmal die Mühe machen, sie zu entwickeln.

Wo sehen Sie Verbesserungen bei Ihrer Arbeit?

Wir sehen bereits viele Verbesserungen, aber es gilt jetzt so viele Klimaschutzmaßnahmen wie möglich zu ergreifen. Ich finde es toll, dass wir als Unternehmen wachsen können. Aber wir können dieses Wachstum von den Umweltauswirkungen abkoppeln.


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