Röntgenblick ins Stadionherz – der erste CSRD-Bericht des BVB
Frau Philippi, der BVB oder vielmehr die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, beschäftigt rund 1.000 Mitarbeitende, auf dem Platz und abseits davon. Dennoch sind Sie kein normales Unternehmen im Hinblick auf Reportings, oder?
Marieke Philippi: Bezüglich der Pflichten zur Berichterstattung unterscheiden wir uns nicht von anderen Unternehmen aus der Industrie oder Dienstleistung. Allerdings haben wir selbstredend andere Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, außergewöhnliche Immobilien wie unser Stadion, den Signal Iduna Park zum Beispiel, oder zwei sehr unterschiedliche Gruppen von Mitarbeitenden – aus Verwaltung und Sport. Zudem haben wir keine Kundschaft im eigentlichen Sinne, denn wir bieten zwar unter anderem Fanartikel und Tickets zum Kauf an, aber im Grunde sind es hauptsächlich Emotionen, die wir vermitteln wollen. All das führt dazu, dass es eine eigene Übersetzung, braucht, um wesentliche CSRD-Datenpunkte für uns zu definieren und mit Inhalt und Leben zu füllen.
Wie der BVB Akzeptanz für Nachhaltigkeitsthemen schuf
Das klingt nach Aufgaben, bei denen nicht alle gleich „Hurra“ schreien. Auf der anderen Seite gilt der BVB als einer der Profifußballclubs in Deutschland, der bei ESG-Themen ohnehin immer schon klar Position bezogen hat …
Philippi: Tatsächlich bewegten wir uns eine Zeit lang zwischen Müssen und Wollen. Was viele nicht wissen: Die Deutsche Fußballliga geht hier schon seit ein paar Jahren als erste professionelle Sportliga voran und knüpft die Lizenzerteilung für die erste und zweite Liga an die Einhaltung bestimmter Nachhaltigkeitskriterien. Bei Borussia Dortmund war die Einrichtung einer eigenen Stabstelle für Corporate Responsibility schon vorher, im Jahr 2019, ein Glücksgriff auf vielen Ebenen. Denn damit hat man das Thema innerhalb des BVB auf eine grundsätzlich andere Bedeutungsebene gehoben. Heute muss ich niemanden mehr die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit unserer Arbeit erklären.
Wie ist es Ihnen gelungen, eine breite Akzeptanz des Themas in der eigenen Organisation aufzubauen?
Philippi: Es ist wichtig, sich vom Anspruch zu lösen, dass die Kollegen sämtliche Gesetzestexte verstehen, wenn man nur lange genug erklärt. Das ist weder der Fall noch notwendig. Wesentlich ist, die richtigen Leute zu identifizieren, die die relevanten Daten beschaffen können. Vermeiden Sie dabei am besten „CSRD-Sprech“. Es muss klar werden, welchen konkreten Sinn und Nutzen Ihre Tätigkeit hat. Je smarter Sie Ihre Ziele und Maßnahmen formulieren können, desto weniger werden Sie gefragt werden, ob „wir das jetzt wirklich brauchen“. Im Übrigen wird die Kontinuität dessen, was wir tun, zumindest hier in Europa von niemandem infrage gestellt.
Mit dem neuen Berichtsstandard stehen Sie jetzt wieder an einem Punkt, an dem Sie Daten auftreiben müssen.
Philippi: Das stimmt, insbesondere der Datenbrocken „Mobilität der Fans“ ist einer, der noch weiter verfeinert werden könnte. Wir wissen zumindest bei unseren 55.000 Dauerkarteninhabern, wo sie wohnen und können dementsprechend den jeweiligen Anreiseweg abschätzen. In unser Stadion passen jedoch 81.000 Personen und wir können einfach nicht sagen, wie genau diese alle zwei Wochen zu unseren Heimspielen anreisen, allen Befragungen und Fahrzeugzählungen zum Trotz. Auf der Maßnahmenseite haben wir mit kostenlosen Öffis in NRW als Ticket-Inklusivleistung, Sonderzügen, Shuttles oder einer übergeordneten DFL-Mitfahrzentrale schon vieles umgesetzt. Nur mit der genauen CO₂-Berechnung für diesen Posten kämpfen wir, wie auch die meisten anderen Unternehmen aus dem Eventbereich.
Wie sieht es denn mit BVB-spezifischen Kennzahlen aus?
Philippi: Die gibt es, und es sind nicht einmal wenige. Dazu zählen zum Beispiel die Anzahl der Fanclubs, deren Mitgliederzahl oder die Zahl der Dialogformate, die wir für und mit Fans umgesetzt und initiiert haben. Wenn wir zum Beispiel noch weiter auf die „S“-Dimension im ESG-Kontext schauen wollen, dann ist es etwa im Nachwuchsbereich auch so etwas wie die Schulabschlüsse, die von den Jungs erreicht wurden, oder wie viele unserer Mitarbeitenden im Nachwuchsleistungszentrum einen pädagogischen Hintergrund haben
Stadion als Solarkraftwerk
Was ist Ihr wichtigstes Thema im Umweltbereich? Kann ein Großevent mit all dem Verkehr, dem Flutlicht und den Müllbergen im Nachgang überhaupt nachhaltig sein?
Philippi: So gesehen ist das derzeit nahezu unmöglich, aber das gilt dann ja auch genauso für den gesamten Kulturbereich, nicht nur den Sport. Wir wollen weiterhin feiern und zusammenkommen. Was nicht bedeutet, dass uns das egal sein kann, im Gegenteil. Wir versuchen zum Beispiel aus unserer über 50 Jahre alten Stadion-Ikone das Maximum herauszuholen, um sie effizienter zu machen. Wir bauen gerade die größte PV-Anlage mit Batteriespeicher auf einem Stadiondach weltweit. Dies wird mit über 11.000 Modulen knapp die Hälfte unseres Stromverbrauchs der Heimspiele und der über 700 Veranstaltungen, die dort jährlich stattfinden, erzeugen. Die Sanierung dieses Altbaus nehmen wir sehr ernst, auch an anderer Stelle, etwa mit dem Anschluss an das Fernwärmenetz der Stadt oder einem Versuch hinsichtlich der Nutzung von Geothermie mittels Grubenwasser. Deshalb haben wir gerade im Umweltbereich in den letzten Jahren große Schritte gemacht, einen eigenen Energiemanager und auch einen Umweltmanager eingestellt. Aber Sie haben recht, der große Verbraucher ist und bleibt ein Heimspieltag. Dieser ist jedoch auch gleichzeitig der zentrale Bestandteil unseres Kerngeschäfts.
Die Anzahl der Spieltage variiert, je nach sportlichem Erfolg oder zusätzlichen Turnieren. Lässt sich diesem Umstand im Reporting Rechnung tragen?
Philippi: Das ist ein bisschen die Krux, denn in wirklich absolut sauber gewichteter Weise die Verbräuche zu den Spieltagen in Relation zu setzen, gelingt mit den derzeit zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Methoden noch nicht. Wir nehmen für alle Kennzahlen im Verhältnis zu den Spieltagen einen Mittelwert. Aber auch die Anzahl der Veranstaltungen außerhalb der Spieltage sind hier zu berücksichtigen. Wenn Sie so wollen, führt sportlicher Erfolg automatisch meist zu vermeintlich schlechteren Umwelt-Werten im CSRD-Report. Denn es macht reportingtechnisch immer noch einen riesigen Unterschied, ob wir wie in der letzten Saison das Champions League Finale erreichen und der gesamte BVB nach London fliegt oder nicht.
Soziale Verantwortung – mehr als nur ein Verein
Auf der anderen Seite ist sportlicher Erfolg ein Garant für die Strahlkraft des BVB und damit auch seine Vorbildposition. Müsste nicht auch dieser Aspekt – die Fans agieren womöglich nachhaltiger, weil der BVB das tut – Teil des Reportings sein?
Philippi: Das ist so. Wir verstehen uns als gesellschaftlich stark verankerter Akteur. Durch unsere Statements im Stadion, Bildungs- und Dialogformate, die Zusammenarbeit mit den Fans und auch die Arbeit unserer Stiftung wollen wir Verantwortung übernehmen und Möglichkeiten schaffen sich zu beteiligen. Auf der anderen Seite ist es immer eine Gratwanderung, wir wollen nicht missionarisch daherkommen, sondern sensibilisieren und Menschen mitnehmen. Wer ins Stadion kommt, um sein Bier zu trinken und Spaß zu haben, muss nicht immer noch irgendwelche anderen Missionen erfüllen. Dennoch ist es aber natürlich wichtig zu sehen, wie wirkmächtig das Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft ist, das der Fußball schaffen kann, Stichwort S im Bericht. Bislang ist das aber leider in seiner Wirkung nicht vollends messbar, wie beispielsweise bei den Umweltkennzahlen.
Hören Sie auch kritische Stimmen, die finden, soziale oder Umweltthemen seien nicht Sache eines Sportvereins?
Philippi: Kritische Stimmen gibt es eigentlich immer. Wir sind nun mal ein Fußballclub, da haben viele Menschen eine Meinung zu. Auch solche, die nichts mit dem Fußball zu tun haben. Dennoch wissen wir, dass Haltung und Engagement von uns erwartet und uns in die Wiege gelegt wurden. Als zentraler Bestandteil unserer Klub-DNA sind diese Aspekte für uns daher unverhandelbar. Wir hatten vor Jahren zeitweise ein massives Problem mit rechtsextremen Strömungen im Stadion, die versucht haben, Menschen mithilfe der schwarzgelben Farben für sich zu werben. Aus dieser Erfahrung haben wir viel gelernt und mit der strukturierten Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung begonnen.
Lassen Sie uns noch einmal den Umstieg auf das CSRD-Reporting in den Blick nehmen – was sind hier Ihre zentralen Learnings, die Sie auch Sustainability-Expertinnen und -Experten anderer Branchen mit auf den Weg geben könnten?
Philippi: Es war bürokratiemäßig wirklich ein richtiger Ritt, mit einer ganzen Menge Unsicherheiten. Es gab sehr viele Meetings und E-Mails, das erste Treffen dazu fand bereits im September 2023 statt. Generell würde ich dazu raten, früh anzufangen! Fachlich hatten wir bei der doppelten Wesentlichkeitsanalyse erheblichen Klärungsbedarf. Was sind wirkliche Auswirkungen und wo liegen Chancen und Risiken konkret? Hier mussten wir die Basis drehen, im Anschluss noch einmal an den Prozessen feilen. Wir sehen den Prozess heute im Rückblick als doppelte Übersetzungsleistung. Zunächst musste der Standard an unser sehr spezielles Unternehmen angepasst werden. Und anschließend für unsere betroffenen Mitarbeitenden so formuliert werden, dass sie sofort erkennen, was sie warum in welcher Zeit tun sollen.
Mit Blick auf die jetzige Veröffentlichung unserer ersten Nachhaltigkeitserklärung nach dem European Sustainability Reporting Standard kann ich, auch mit ein bisschen Stolz, sagen: der Röntgenblick auf unsere Organisation hat sich definitiv gelohnt. Dadurch werden wir unser ESG-Management perspektivisch noch effizienter steuern, koordinieren und wirkungsvoller entfalten können.
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