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Studie zu Hartz IV-Empfängern: Werden diese stigmatisiert?

Werden Hartz IV-Empfänger von der Gesellschaft ausgegrenzt?
Bild: Uschi Dreiucker ⁄

Eine Studie der Universität Jena ergab, dass Hartz IV-Empfänger stigmatisiert werden. Dieses Stigma sei für Hartz IV-Empfänger inzwischen vergleichbar mit der schwarzen Hautfarbe im Süden der USA. Hartz IV-Empfänger würden in die Passivität getrieben, statt zu mehr Engagement.

Der Wissenschaftler der Studie plädiert dafür, die Sanktionen gegen Hartz IV-Bezieher aufzuheben und mehr Beschäftigung etwa im Pflege- und Bildungssektor zu schaffen. "Die Hartz IV-Logik produziert das Gegenteil von dem, was sie leisten will: Sie erzeugt Passivität, wo sie Aktivierung vorgibt". Weitere Fragen zu der Studie beantwortete der Soziologe Klaus Dörre :

 

Ihre Studie bescheinigt den Hartz-Reformen eine fatale Bilanz - warum?

Der entscheidende Punkt ist, dass die aktivierende Arbeitsmarktpolitik nichts aktiviert. Der Anspruch ist gewesen, dass man die Erwerbsorientierung der Betroffenen verändern kann und dies umso besser, je ungemütlicher man die Erwerbslosigkeit gestaltet. Dabei wird ausgeblendet, dass die Erwerbsorientierung im Laufe des Lebens angeeignet wird, relativ stabil ist und nicht einfach umgeformt werden kann.

Würde die Bevölkerung den Grundsatz des Forderns und Förderns wohl unterschreiben?!

Den Hartz-Reformen liegt das Bild zugrunde der faulen, passiven Langzeitarbeitslosen, die es sich in der Hängematte des Wohlfahrtsstaates bequem machen. Das können wir nicht feststellen. Das Gros der Erwerbslosen und prekär Beschäftigten im Leistungsbezug ist von sich aus aktiv. Die Aktivierungsbemühungen gehen an ihnen vorbei und nutzen ihnen wenig bis gar nichts. Es gibt lediglich eine kleine Gruppe mit einem Anteil von 8 bis 10 % der Leistungsbezieher, die nicht mehr kann und nicht mehr will. Bei ihnen kann man auch mit Sanktionen nicht viel bewirken. Deswegen ist ein solch teurer Überwachungsapparat unsinnig. Eine reiche Gesellschaft muss so eine Gruppe aushalten.

Stellt sich Hartz IV als Teufelskreis dar?

Was wir finden ist, dass es für kaum einen Befragten Verbesserungen gegeben hat. Den Sprung aus dem Leistungsbezug haben ganz, ganz wenige in unserem Sample geschafft. In den 7 Jahren (der Befragung) haben wir bei manchen 10, 10 Stationen - Ein-Euro-Job, Praktikum und Ähnliches - am Ende ist man aber immer wieder im Leistungsbezug. Man strampelt enorm, wendet enorme Energie auf, kommt aber nicht von der Stelle. Es gibt eine größer werdende Gruppe von Menschen, die an oder unterhalb der Schwelle der Respektabilität lebt - das ist Hartz IV - und sie kommen da nicht mehr heraus.

Welche Folgen hat Hartz IV für die Betroffenen in der Gesellschaft?

Hartz IV wirkt wie ein Stigma. Das Zusammenlegen von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe wurde verkauft als Besserstellung von Sozialhilfebeziehern. Das Gegenteil ist richtig. Der springende Punkt ist, dass etwa Frauen im Osten, die lange berufstätig waren und dann herausfallen, sich jetzt wahrnehmen als Leute, die gewissermaßen unter die Schwelle der Respektabilität gedrückt werden, auf eine Stufe gestellt werden mit Sozialhilfebeziehern. Das ist eine enorme Kränkung. In der Gesellschaft als "Hartzi" identifiziert zu werden, ist ähnlich wie dunkle Hautfarbe zu haben im Süden der USA. Das ist ein Stigma, das an einem haftet, das man nicht los wird und mit dem man in Alltagssituationen immer wieder konfrontiert wird.

Entwickeln Hartz IV-Empfänger Verhaltensweisen, die sie selbst von der Gesellschaft abschotten ?

Je länger man im Hartz IV-Bezug bleibt, desto stärker ist man gezwungen, sich mit materieller Knappheit und fehlender Anerkennung zu arrangieren. Sie meiden Leute, die Arbeit haben, weil sie nicht wollen, dass das Gespräch auf ihre Situation kommt; sie gehen nicht mehr in die Kneipe, weil sie ihrem Bekannten kein Bier ausgeben können. Man trifft sich immer häufiger mit seinesgleichen und entwickelt einen Überlebenshabitus, der der Gesellschaft die Stigmatisierung erleichtert. Das führt dazu, dass man sich immer weiter isoliert und es immer schwerer wird, zur Mehrheitsgesellschaft zu gehören. Das ist eine Spirale nach unten.

Welche Konsequenzen müssen aus Ihrer Sicht gezogen werden?

Der erste Schritt müsste sein, die Sanktionen gegen Hartz IV-Empfänger aufzuheben. Ein solcher Gängelungsapparat, der bis in private Lebensbereiche hineinwirkt, ist unsinnig und rechtfertigt die Kosten nicht. Der zweite Punkt ist: Es muss sinnvolle Beschäftigung geschaffen werden. Es gibt im Dienstleistungssektor großen Nachholbedarf bei pflegenden, erziehenden und bildenden Tätigkeiten. Und wir brauchen einen gesetzlichen Mindestlohn.

Erst vor kurzem wurde über Spartipps für Hartz IV-Empfänger per Comic debattiert (News v. 19.7.2013).

Schlagworte zum Thema:  Hartz IV, Arbeitslosenversicherung, Jobcenter, Ein-Euro-Job

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